Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-09-05 · 36 (5.9.1902) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
36 (5.9.1902)
Article
Herschele
Date
1902-09-05
Page
12 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315996-3324414--34553-3324504
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Säte 12;;^4^w^ «r. BB Ware vorteilhaft zu verkaufen und der Wunsch nach Essen und Trinken, alles Eitelkeit der Eitelkeiten sei und bald wieder, wie so manches f rüher verstrimmen und verschwinden würde. Am äussersten Ende der Strasse sass tagtäglich unter einem schwarzen, an einem dürren Bäumchen befestigten Schirme lautlos und bescheiden eine magere, blasse, stets in Schwarz gekleidete Frau. Sobald sie an ihrem Platz angelangt war, stellte sie zwei kleine Körbe neben sich, auf deren Boden sauber zusammengelegte Strümpfe lagen. Dann zog sie aus den Falten ihrer Jacke eine Brille von riesigen Dimensionen hervor, die sie bedächtig auf ihre lange und feine Nase aufsetzte. Mit einem strengen Blicke betrachtete sie dann die ganze „Jüdische Zeile", zog aus ihrem Körbchen einen unfertigen Strumpf hervor und begann eifrig und ernst die Stricknadeln zu bewegen: Auf ihren fest aneinandergepressten schmalen Lippen lag ein solcher Ausdruck von Grösse und Selbstachtung, die grossen Gläser ihrer Brille schauten so ernst drein, dass allen ihren Nachbarinnen, selbst den rauflustigsten,, die Lust, sie anzusprechen, verging. So sass sie da wie versteinert, und nur ihre sich unaufhörlich bewegenden Hände schienen lebendig zu sein. Sogar den Käufern antwortete sie mit wenigen Worten, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. „Dreissig Kopeken das Paar, meine gute Frau, keine Kopeke weniger; 16, 17, 18" — zählte sie laut die Maschen.' „Wie geht es Ihrem Manne? Ist er gesund? 13, 14, 15,» Ehre seinem Namen, nicht alle Jüdinnen haben das Glück, mit ihren Männern alt zu werden, 5, 6, 7, 8; nicht unter! dreissig Kopeken." Um 10 Uhr morgens brachte ihr ihre Tochter, ein: blasses, welkes Mädchen mit grossen, schwarzen Augen, eine Kanne mit Tee und ein Stück Brot, und Marjim begann zu frühstücken. Sie trank, in Gedanken versunken, ihren! Tee, ass langsam von dem Brot und wiederholte jedesmal nach beendigter Mahlzeit mit einer rührenden, zu ihrem! strengen Gesichtsausdruck kontrastierenden Liebe, dieselbe Frage: „Ist Herscheie gesund?" Und wenn die schwarzen Augen des Mädchens mit einem Lideraufschlag die Frage bejaht hatte, dann setzte Mirjam wieder die Brille auf ihre Nase und begann eifrig ihre in der Sanne glitzernden Nadeln zu bewegen. Gegen Mittag verstummte der Lärm und die Geschäft tigkeit auf der „Jüdischen Zeile" ein wenig; die ganze Gasse versank dann in einem halb verschlafenen, träumerischen! Zustand; die Yerkäuferinnen und Nachbarinnen erzählten* sich mit träger, vom vielen Sprechen und Bufen ermüdeter Stimme verschiedene Geschichten, die Kinder sassen und spielten in dem Schatten der Haustore, die Hunde streck-, ten sich, laut gähnend und folgten mit gleichgiltigen Blicken den schnatternden und gackernden Enten und^ Hühnern, und aus dieser allgemeinen Trägheit und Verschlafenheit hob sich noch mehr die unermüdliche Tätigkeit der Strumpfverkäuferin ab. Gegen vier Uhr kam wieder Leben und Bewegung in die Gasse, Marjim aber sasst noch immer wie versteinert auf ihrem Platze und bewegte ohne Bast und Buh ihre glänzenden Nadeln. 'f Abends legte sie ihre Arbeit auf den Boden eines Körb-' chens, schloss ihren Schirm, übersah mit einem letzten forschenden Blicke die ganze „Jüdische Zeile" und begab sich langsamen Schrittes nach Hause. So lebte die „Jüdische Zeile", so verging von Tag zu Tag das Leben der Strumpf Verkäuferin, so endete auf der ganzen Welt dfcr, unäbekajmt weshalb! gteschaffene und unbekannt weshalb verschwundene Tag. ' Langsam wanderte die ernste Marjim ihrer ärmlichen Behausung zu. Dort befand sich ihr 13j ähriger Herscheie,j ein zarter, schwächlicher Knabe, an dem sie mit der ganzen^ Liebe, deren eMe 'Mutter fähig ist, hing, für den sie bis zu dein letzten Atemzuge zu leiden und zu kämpf en bereit war. Unter der rauhen Hülle barg Marjim ein liebevolles, weiches Herz und nur das traurige Eheleben mit einem ungeliebten, lungenkranken Manne, die ewigen Sorgen um den Unterhalt der neun Kinder, hatten einen solchen Stempel von Härte und Ernst auf das feine Gesicht der Dulderin geprägt. Als nach einer zwanzigjährigen qualvollen Ehe der Mann gestorben und von den neuii Kindern bloss die schwächliche Liba und der kränkliche Herscheie zurückgeblieben waren, da war die fünfzigjährige Marjim ein an Leib und Seele gebrochenes Weib, welches nur durch die Liebe zu dem Knaben aufrechterhalten wurde. Auch die lungenkranke Liba empfand es als einzige Freude, sich für den zarten Bruder aufopfern zu können. Mit der Familie zusammen lebte ein Urgrossvater von Herscheie, ein neunzigjähriger Greis, der als sprechender Vorwurf für denjenigen, der alles lenkt, Kinder, Enkel und Urenkel überlebt und, wie es schien, die Lebenskraft eines ganzen Geschlechtes in sich aufgesogen hatte. Auch sein Dasein, das Dasein eines gebrechlichen, altersschwachen Greises, welcher alle und alles, was seinem Leben Sinn verlieh, verloren hätte, welcher mit gebücktem Bücken und steifen Gliedern dasitzen musste, war recht traurig. Manchmal schluchzte er laut auf und rief in machtlosem Zorn, wütend murmelnd: „Alle zu überleben, alle, alle!" Dann pflegte der träumerische, magere Herscheie mit den eingefallenen Wangen die Mutter zu fragen: „Weshalb denkt er, Mutter?" Marjim fühlt in seinen Worten Gedanken, die sie erschreckten. „Er lebt ja," antwortete sie_ vorsichtig, „und ein lebendiger Mensch muss denken." „Weshalb aber lebt er?" forschte der Knabe. „Wer braucht ihn? Oder lebt er deshalb, weil er Kinder haben und sie, seine Enkel und Urenkel überleben musste? Darin ist doch kein Sinn. Darüber müssen wir ernstlich nachdenken." Dann stützte er den Kopf in die Hqnde und versank in Grübeleien, vor denen Marjim sich ernstlich fürchtete. „Wozu essen, Mutter?" fragte er, das Essen beiseite schiebend. Dann winkte Marjim flehentlich der Tochter zu und diese erwiderte mit gekünstelter Heiterkeit: .Jlssen nvusst du, Herscheie, um gesund zu sein, um gross und stark zu werden. Dann wirst du als Mann Ger Schäfte führen und unsere Mutter wirej. ausruhen können. Dann wird Herscheie seine Mutter ernähren, wie sie ihn jetzt ernährt. Iss, mein Teurer!" „Natürlich," pflegte Marjim hinzuzufügen; „die Hauptsache aber ist, dass du so gesund sein sollst wie die Kinder, die auf der Gasse springen und lachen." .„Weshalb muss ich gesund sein?" erwiderte er eintönig mit seiner zarten, singenden Stimme, „und weshalb musst du mich oder ich dich ernähren? Was für Sinn liegt darin. Mutter? Ein Tag gleicht dem anderen und am Ende ist der Tod. Wie verstehst du das?" Und erst nach langem flehentlichen Bitten der verzweifelten Mutter ass er gleichgiltig einige Bissen. Und wenn er nach dem Essen in seinem Bettchen einschlief, dann sprach die Mutter ganz leise der Tochter davon, wie sehr seine Gedanken, seine Magerkeit und Schwäche sie beunruhigten und wie sehr sie um sein Leben zittere. Manchmal gingen sie bei schönem Wetter des Abends mit ihm aus. Das Mädchen, ein Körbchen mit einigen Butterbroten am Arm, ging voran, hinter ihr führte Marjim Herscheie an der Hand, und noch weiter rückwärts bewegte sich mit Ameisenschritten, beide Hände auf einen Stock

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.