Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Article
- Zwei Welten
- Date
- 1902-08-08
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 Die s> Welt" Nr. 32 Züge wurden von einem gutmütigen, freudigen Lächeln bestrahlt, seine schwielige Hand liess die Peitsche fallen und er begann zu horchen. Ich liess Halt machen und wartete auf die Ankunft des sonderbaren Chors. Die Stimmen rückten immer naher, sie wurden immer hörbarer und klarer, ich vernahm bald Schritte, die schweren, quatschenden Schritte der plumpen Stiefel im Strassenkote und schliesslich zeigte sich um die Ecke die Prozession. Und ein merkwürdiges, rührendes und durch seine Eigentümlichkeit imposantes Schauspiel bot sich meinen Augen. Inmitten des Volkshaufens trugen vier schmächtige und kränkliche Männer mit wachsgelben Gesichtern, eingefallenen Backen, eine Art Baldachin; unter diesem ging, wie ein stolzer Bräutigam, der die schmucke Braut heimführt, ein alter, weissbärtiger Mann und trug die „Reinigkeit", eine neue Thorarolle, die mit einem zierlichen seidnen Mäntelchen umhängt und der eine silberne Krone mit Schellen aufgesetzt war. Und rings umher gingen Scharen von Männern und Weibern, Greisen und Kindern, alle in schäbigen, von Schmutz bespritzten Kleidern und sangen und jauchzten um die Wette. Als sie in die Mitte des Marktplatzes gelangten, wo sich die „Schul" befand, hielten sie an. Es trat eine lautlose Stille ein. Die Volksmenge drängte sich dicht um den Baldachin und nun begann die Thorarolle von einem Manne an den anderen überzugehen. Jeder berührte sie, küsste sie mit Ehrfurcht, schwenkte sie in den Armen, drückte sie an das Herz und übergab sie dem Nächsten. So ging sie unter weihevoller, beinahe unheimlicher Stille herum in der Runde. Endlich gelangte sie wieder an den weissbärtigen Alten, der sie früher getragen hatte und im Volke begann wieder eineBewegung, aber eine seltsame. Der Zug stockte wieder, es durchzuckte die Menge wie ein elektrischer Strom der Enthusiasmus! Einer begann sich zu drehen, der andere reichte ihm, ohne selbst zu wissen, warum, die Hand, der zweite dem dritten ... und plötzlich begannen alle i^nwesenden, sich an den Händen haltend, unbewusst eine Runde zu tanzen. Die Bauern, die auf dem Marktplatz, auch zuschauten, glotzten sie verwundert und verdrossen an, die Bauernjungen warfen nach den Tanzenden Steine und Schmutz und riefen ihnen höhnisch und grausam, wie es nur slavische Kinder können „Zide!" („Juden!") zu, der Schutzmann, der mit dem langen Stocke und seiner Allmacht über diese unglücklichen jüdischen Knechte sich bewusst, stolz dasteht, schaut auch halb höhnisch, halb zornig drein und rüstet sich, sie auseinanderzutreiben und ihnen die Macht seiner Fäuste zu zeigen, dabei doch ein Glas Branntwein von den sich loskaufenden Juden herunterzuschlucken; die wenigen jüdischen „Intelligenten" des Städtchens, ein paar bleichsüchtige Mädchen und Jünglinge, die die „Niwe"1) oder gar den Belinsky2) gelesen haben und sich Weltweise dünken, laufen vorbei und lachen und spotten ihrer Brüder, und diese armen Leute, fühlend, dass ihnen niemand in der ganzen weiten Welt freundlich gesinnt ist, dass sie von allen Seiten Hass, Ingrimm, beissender Spott und blutige Verachtung umgibt, dass sie von allen verlassen sind, schliessen sich desto enger aneinander, drücken sich desto inbrünstiger an das einzige, was sie noch haben — die Thorarolle — und desto frenetischer wird ihr Sang, ihr Tanz. Und wie das Lied, ebenso eigentümlich ist der Tanz. Der *) Eine Art russische „Gartenlaube". 2j Ein russischer Kritiker aus den Sechzigerjahren des verflossenen Jahrhunderts. Csardas, der Komarinskij3), der Fandango und der Derwischtanz sind hier übereinandergeworfen, aufeinandergeschichtet, durcheinandergemengt. Und während die armen Juden hier sich in Ekstase um ihre Königin, ihre mystische Braut, die Thora, schwingen, indem sie sich mit ihr eins fühlen, sich mit ihr identifizieren (rnn nn «npjai vergessen sie an all ihr Leid und Weh, vergessen an den Schmutz, der ihre Füsse hemmt und die Gesichter bespritzt; sie werden gereinigt durch den Tanz; er ist für sie das, was für die alten Griechen die Tragödie war, eine „Katharsis", und in ihrer Seele jauchzt's, weint's und hofft's. Sie werden wieder Kinder, verhätschelte Lieblinge, die vor ihrer liebevollen Mutter ihre Pein klagen, sie, die Verworfenen, sie, die Gestählten! Und indem in ihrem Herzen das Ideal auflodert vom „Jerusalem von oben", vom mystischen Jerusalem, erhebt sich das unter der Schwelle des Bewusstseins schlummernde, atavistische, unverwischbare Sehnen nach dem irdischen Jerusalem, nach dem Lande ihrer Väter, das ihnen in einer Glorie und strahlenumglänzt erscheint. Dieser Tanz, der sozusagen Stratifikationen des Volksbewussteins blosslegt, der die Seele des bedrängten Volkes treu wiederspiegelt, wie alles Unbewusste, Unwillkürliche, Spontane, wurde für mich zum Symbol einer Kultur, einer Weltanschauung, einer Geschichte, der Geschichte der jüdischen Seele, der Kultur von Jerusalem. Damals konnte ich dem Schauspiel nicht länger zuschauen, es regte mich auf, es schnürte mir die Kehle zu, ich fühlte Thränen in den Augen und wendete mich ab * Dieses Bild tauchte plötzlich vor mir auf, gerade in dem Augenblicke, als ich auf der Via Nazional^ unter dem schönsten und lieblichsten Himmel mich umgeben und gleichsam bestrahlt vom Glänze und von der Glorie der hier zusammentreffenden grossen Kulturperioden : Altertum, Renaissanze und Neuzeit erblickte, als vor meinen Augen begleitet von der prächtigen Musik eines cherubinischen Oratoriums, die langen, zahllosen Menschenreihen defilierten, und es drängte sich mir unablässig, unabweislich die Frage auf: „Wer ist grösser?" Wer ist grösser, diese modernen Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, im Herzen Europas, die sich mit ihrer Kultur brüsten, devot und besinnungslos Rom und seiner Lehre huldigen, oder jene Armen, Verwaisten, Enterbten, die im fernen Norden, weit von aller Kultur, abgeschnitten von allem Lichte, in Armut und Elend steckend, sich im Namen ihresJdeals mit Bewusstsein und Hingebung exaltieren? Welche von den beidenKulturen, den beidenLebensanschauungen ist grösser, die Roms, welche das Leiden als göttlich erklärt, weil sie das Leiden nicht kennt, welche das Leben verneint, weil sie es nicht versteht und es immer einseitig auffasst; die, welche, Demut und Liebe predigend, Hass, Vernichtung und Unglück mit vollen Händen streut, welche in blutigen, nutzlosen Kämpfen des Egoismus, des barbarischen „Willens zur Herrschaft" — der sogar von ihren ausgeprägtesten Denkern bis auf Nietzsche zum Prinzipe, zum Gesetze erhoben wurde — sich aufreibt und so das Reich Gottes auf Erden herbeizuführen sucht; oder jene, die das Leben verstehen, die gelernt haben, dass das Leiden ebenso zum Leben gehört wie die Freude, dass es ein Lebensgesetz, aber kein Hauptgesetz und kein Endzweck ist, dass das Leben ein Janus ist, der zwei Gesichter hat, dass Lust und Schmerz beide nur 3) Ein russischer Tanz.