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Die Welt · 1902-08-08 · 32 (8.8.1902) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
32 (8.8.1902)
Article
Zwei Welten
Date
1902-08-08
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 32 *Die # Welt" Seite 3 brennende Kerzen in der Hand; ihnen folgen Männer aller Alter und Stände: graue, gebeugte, schlottenide, in deren Händen auch die Flamme der Kerze zittert und gleichsam röchelt; ernste, gefurchte, im Mannesalter stehende Menschen, die festen Schrittes und sicheren Blickes auftreten; Jünglinge mit funkelnden, schwarzen Augen, lebensfroh und lebensmutig, feuerglühend, und auch in ihren Händen zittert die Kerzenflamme, aber mit einem Zittern der Leidenschaft, des namenlosen Sehnens einer erwachenden Seele. Hinter ihnen schreiten in langen, geordneten Reihen Mönche aller Orden und Klöster einher. Voran gehen langsam und scheu die barfüssigen Franziskaner in ihren braunen Kutten und mit ihren Tonsuren. Noch weiter folgen Scharen von Priestern mit Fahnen und Heiligenbildern, mit goldbenagelten Kruzifixen aus Ebenholz, mit Himmelsdecken, aus Gold und Seide gestickt, Kardinäle, mit ihren langen, scharlachroten Schleppmänteln, hohen, roten Tiaren. Die Weihrauchbüchsen werden vor ihnen geschwungen; sie erheben ihre Hände und segnen die Menge der Zuhörer. Die Luft ist vom Duft des Weihrauchs gewürzt; in den Strahlen der untergehenden Sonne erglänzt das Gold, blinkt die feuerrote Glut der Purpurmäntel, in dem blauen, zarten Lufträume erklingen die mystischen Sänge der Mönche, schweben die sinnbetörenden, der Gegenwart entrückenden, in die bodenlose AVeit des Unbewussten führenden Töne. Und die ungeheure Masse des Volkes ist vom Glänze und Schimmer bezaubert, durch die mystischen Töne magnetisiert und schwenkt in Ekstase die Hüte und beuget in Gläubigkeit das Knie. Und in meinen Gedanken erweiterte sich Rom; die Siebenhügelstadt wuchs und dehnte sich aus, umfasste wie eine Schlinge alle Kulturländer der Erde, wurde zu einer „Roma spiritualis", gestaltete sich zu einem Symbol einer Kultur, einer Weltanschauung, einer Geschichte! Lauter Widerspruch, lauter Gewalt in allen Dingen, irdischen und himmlischen, hat Rom es verstanden, sich der Menschheit aufzudrängen, sie zu beherrschen. Es hat künstlich oder natürlicherweise die Strahlen der abendländischen Kultur in einen grossen Fokus gesammelt und von den ältesten römischen Dichtern bis auf Bourget und Sienkiewicz schaut Europa noch nach Rom, schöpft ihre Ideale an seiner Quelle ... Und wie jede Idee, nach dorn ewiggrünen Worte Hegels, in sich ihre eigene Negation enthält, so wird auch jedes Bild, jede Vorstellung, von einer anderen, diametral entgegengesetzten begleitet. In demselben Augenblicke, wo vor meinen Augen die prunkenden Szenen vorüberzogen, erinnerte ich mich eines anderen Bildes, das ich vor mehreren Jahren gesehen habe: Es war Spätherbst, als ich in ein kleines russisches Städtchen innerhalb „des Ansiedlungsgebietes* (Tschertä Ossedlosti), das grösstenteils von Juden bewohnt ist, ankam. Es war ein abseits von der Hauptstrasse gelegener Ort, fern von jeder Kultur, fern vom Treiben des weltlichen Lebens, halb Dorf, halb Flecken. Das Wetter war ein echt herbstlich-nordisches, der Himmel war aschgrau, schwere schmutzig-weissllche Wolken hingen an ihm und liessen nur wenige getrübte Strahlen durchdringen auf dieses gottverlassene Fleckchen Erde. Ein dünner, nasser, kalter Siebregen fiel unaufhörlich und plätscherte in der schwarz glänzenden Sumpfiache, die den Boden bedeckte. Kleine, halb baufällige Häuschen, von deren schief ablaufenden Strohdächern — die die frische gelbe Farbe der Halme hatten, von der Zeit und den Ungewittern aber misshandelt, schwarzgrau aussahen — Ströme schmutzigen Regenwassers durch die Schornsteine, durch die Spalten der lehmbeschmierten, schmutzigen Wände in das Innere der Häuser hineinflössen, als ob sie ihr Leid, ihr Elend beweinten, als ob sie Tränen der Schmach, des trüben Kummers vergössen, standen zerstreut und ohne Ordnung in den krummen, sogenannten Gassen. In den Gassen sah ich Menschen wandeln, sonderbare, dunkle und gebeugte Menschen, trübe wie der Himmel, wie die Erde. Männer und Frauen gingen in ihren formlosen, aufgedunsenen Stiefeln, in ihren vom Kote bespritzten Kleidern, russische Bauern mit ihren zottigen Haaren in graue Kutten gekleidet, einen Sack übers Haupt gezogen zum Schutze vor dem Regen und alle in dumpfes, inhaltloses Brüten, in unbewusste trübe Seelenstimmung versunken, die sich auf den Gesichtern malte, und dies ergänzte die niederdrückende, beklemmende Umgebung. Plötzlich, während ich mich dem einzigen zweistöckigen Hause im Städtchen, dem Wirtshause näherte, einem Hause, dessen Baustil zu bestimmen auch für den geübtesten Architekten eine harte Nuss wäre, während die müden, mageren Klepper, mit Mühe und nur der Peitsche des „Balagule"*) gehorchend, sich durch den Sumpf schleppten, hörte ich hinter der Hecke eine sonderbare Musik hervorklingen. An mein Ohr gelangten Töne alter, kreischender Dorfgeigen, die eine Weise spielten, von eigentümlichem Klange. Jovial, ausgelassen, lustig hintrillernd, weinte und schluchzte die Fiedel nach einer Weile, klagte tief und bitter dem düsteren Himmel und die Bassgeige brummte zur Antwort, als ob sie krächze und seufze. Eine lange, tiefe, schmerzliche Note erklingt, zittert und verhallt, und mit einemmale schlägt die Melodie wieder um, wird klar, resigniert, versöhnend, melancholisch, heiter; und die Pauke schlägt zum Takt gutmütig und sanft. Und dazwischen fallen die plätschernden P*.egentropfen, und ihr Rauschen durchdringt, begleitet das Spiel. Dann werden plötzlich in der Ferne singende, rauhe, heisere, ohrenzerreissende, nervenreizende, lachen- und weinenerregende Männerstimmen laut. Ich höre sie ein Lied singen und das Lied ist alt, hebräisch. Wer einmal in einer hellen Mondnacht in den grenzenlosen Steppen der Walachei, in den wogenden Gefilden der Ukraine die unendlichen, eintönigen, träumerischen Lieder, die wie ein Geisterchor durch die Ferne schallen, hörte; wer einmal einen Kleinrussen ein Kosakenlied singen vernahm, das mächtig, stürmisch und packend sich hingiesst; wer schliesslich einen europäischen Südländer, einen glutvollen Spanier oder einen Morgenländer in ihrer leidenschaftlichen, halbschlummernden Weise und pathetisch zugleich unter Begleitung der Mandoline oder Harfe singen und jauchzen hörte, wird sich eine Vorstellung machen können vom Liede, das hier unter dem regnerischen Himmel, in dem schmutzigen Gässchen dieses weltverlassenen Krähwinkels gesungen wurde. Alles war darin — orientalische Pracht und Sinnlichkeit, südliche Glut und die unendliche Sehnsucht der slavischen Musik und dies alles war umflort von einem Ausdruck eines tiefen, grossen Schmerzes, eines an Verzweiflung grenzenden Leidens. „Was ist denn das"? fragte ich den Balagule: „Die Schneider geben eine Reinigkeit,"2) lautete seine Antwort und seine groben ') Fuhrmann. 2) „Eine Reinigkeit geben" heisst im russisch-jüdischen Jargon eine neue Thorarolle der Synagoge schenken.

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