Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-08-08 · 32 (8.8.1902) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
32 (8.8.1902)
Article
Zwei Welten
Date
1902-08-08
Page
5 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315992-3323466--33840-3323628
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 32 „Die jfc Weit66 Seite 5 Phänomen des Lebens sind; jene, die in ihrem Duldermute, in ihrem Streben nach höheren Idealen, eine wahrhaft heroische, gezüchtete Rasse bilden, ein Unikum ausmachen? Wer ist grösser, frage ich, „sie", die im Glänze und Prunke leben, die frei atmen können, die keine Bande kennen, die das Leben gemessen und doch dessen überdrüssig sind, dennoch nicht wissen, was damit anzufangen, was mit der Freiheit, mit dem Leben zu machen, oder wir, die schmachten und hoffen, bluten an Wunden, die uns die Waffen der Völker oder die nagenden Fesseln an unseren Füssen und Händen schlagen, und doch leben wollen; wir, die ein Rätsel sind für alle und jeden, die ein Schopenhauer Optimisten schalt, ein Dühring Pessimisten und alle beide recht gründlich hassten, aber keiner verstand, eben weil wir volle Menschen sind, ganz wie die Natur, kerngesund wie sie. Wer ist grösser, stärker, lebensfähiger, zukunftsreicher, w i r oder sie, Rom oder Jerusalem? Beschwichtigungshofräte heraus! Aus Amerika kommt eine geradezu sensationelle Nachricht. Beim Begräbnis des Oberrabbiners von New-. York wurde der Leichenzug wiederholt', und tätlich angegriffen und es kam zu einem Kampfe ge£en die Juden. So brachte es der Draht am 31. Juli. Welcher jüdische Assimilant in seinem von keinerlei positiver Kenntnis getrübten Liberalismus hätte am 30. abends dem Manne nicht ins Gesicht gelacht, der es gewagt hätte, vorn Antisemitismus in Amerika zu sprechen? Und es war nicht vielleicht bübischer Uebermut, der sich in einem Moment schrankenloser Dummheit Luft machte. Denn so lange man aus den Fenstern der Fabrik, an der die Juden vorüberzogen, nur eiserne Schrauben, Blei und geölte Fetzen auf den Zug warf, ging er ruhig weiter. Erst als ein 5 Zentimeter dicker Wasserstrahl gegen die Geduldigen gerichtet wurde, begann der Aufruhr. Die Beschwichtigungshofräte greifen zu ihren bewährtesten Federn, schwer seufzend. Denn nach Amerika zeigten sie immer als nach dem Dorado jüdischer Freiheit und praktischer Menschenliebe. Was bleibt ihnen jetzt übrig als die Behauptung, dass höchstwahrscheinlich die angreifenden Arbeiter eingewanderte Elemente wären, die den Antisemitismus noch von Europa her besässen, dass sie der Hefe des Volkes angehörten und dass ihr Vorgehen auf scharfe Missbilligüng der Oeffentlichkeit stossen werde. Nichts von alledem! Das Haus der Angl* e i f er w ar e i n e Druckerei. Das heisst: Es waren nicht Eingewanderte; denn der praktische Amerikaner stellt zu seinen Maschinen nicht Leute, denen die Mangelhaftigkeit der Sprache und der Kenntnis der eigenartigen amerikanischen Maschinen ein kolossales Arbeitshindernis gerade in einer Druckerei bedeuten. Die Druckereiarbeiter sind auch nicht minderwertig, sondern überall am besten bezahlt und hervorragend intelligent* Und ihr Vorgehen gegen ganz harmlose und sie durchaus nicht störende Menschen hat trotz seiner Niedertracht die Oeffentlichkeit ganz kalt gelassen. Auch dass die Zeitungen übertrieben, kann niemand behaupten. Denn wenn Juden zur Gewalt greifen, und das haben sie gegen ihre Angreifer getan, müssen sie schwer gereizt worden sein. Und ein hünenhafter rotbärtiger Jude rief an der Treppe der Druckerei: „Ist das das freie Amerika? Das ist ja ärger wie in Russland!" England, das altberühmte freie England hat seine Kommission für Judenfragen. Amerika hat seine Judenkämpfe. Es wird so wahr wie ein Satz aus dem Rechnen: Wo Juden in grösserer Zahl hinwandern, erwacht der Antisemitismus. Der eiserne Ring der Judenfeindschaft schliesst sich und bald gibt es kein Fleckchen Erde mehr, wo der Jude nicht mit Hohn und Schlag das grosse Verbrechen büssen muss, Jude zu sein. Geht schlafen, Besch wichtigungshofräte des Judentums, geht schlafen, Nachtwächter der Ruhe der Reichen! Wir brauchen Kämpfer. Vom Kampfplatze in New-York her tönt eine Antwort auf die Frage: Wohin soll man die Juden bringen? Diese Antwort lautet: In die Freiheit! Wie weit kann ein Wachmann, ein Flintenkolben einen galizischen Ghettojuden treiben? Und drüben ging das Ghetto zum Sturm. Schüsse knatterten, hart ging's der Stadtgarde. Das Ghetto hat zu dulden aufgehört, dass Ghetto misst sich mit seinen Feinden. Das taten ein paar Jahre der Freiheit, ein paar Lehrjahre der Menschenwürde, sie entkleideten das Judentum seiner Schlacken und zeigten es stolz und tapfer. U. Jahresbericht der „Jewish Colonization Association". III. Vereinigte Staaten. 1. Jüdische Hilfsgesellschaft für Landwirtschaft und Gewerbe. (Jewish Agricultural and Industrial Aid Society.) (Schluss.) Die Tätigkeit dieser Gesellschaft ist durch unvorhergsehene Umstände gehemmt worden. Dr. G o 1 . d m a, ji n. welcher mehr als 20 Jahre mit grosser ITncigeiiniUzigkcit und Eifer den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde von New-York und jenen seiner verfolgten Glaubensgenossen aus .Russland und Rumänien, welche in den 'Vereinigten Staaten ein Heim suchen, gewidmet hat, ist wegen seiner angegriffenen Gesundheit gezwungen, die Präsidentschaft der Gesellschaft niederzulegen. Die Gesellschaft hat ihre Tätigkeit fortgesetzt, so weit als möglich präzise Informationen über die Oertliehkeiten. in denen ihre Tätigkeit nützlich ausgeübt werden könnte, zu gehen. Es sind Versuche gemacht worden, und wenn auch die erhaltene]! Resultate noch nicht abgeschlossen sind, so geben sie doch Grund zur Hoffnung, dass die Versuche, Juden aus den Städten aufs Land zu transferieren, wo sie als Farmer durch die Gesellschaft angesiedelt werden würden, mit wenigstens teilweisem Eefolgo gekrönt sein werden. Die Gesellschaft schoss 31.557 Dollars an 57 Farmer vor. Die Zahl der Farmer in den New-Jersey-lvoJonien. welche im vergangenen Jahre Kit war, hat sich um etwas vermindert, aber die Gcsamtbevolkerung hat sich um etwas vermehrt. Die Ernte war mittel massig, aber die erhaltenen Preise waren besser als in den vorhergehenden Jahren. Die Landwirte hatten einen neuen Weg für ihre Produkte gefunden, indem sie selbe an. Konservenfabriken in der Allivine-Coinpany, welche iji ihrer Mitte installiert ist, und an welcher die jüdische .Hilfsgesellschaft für Landwirtschaft und Gewerbe stark interessiert ist, verkaufen. Ein spezieller Funktionär, ein Franzose, ist im vergangenen Jahre unter den JFew Jersey-Kolonisten ansässig geworden. Seine Aufgabe ist, denselben Vorlesungen zu lullten und unter Aufwendung aller möglichen Mittel das Bildungsniveau der Einwohner zu heben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.