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Die Welt · 1902-07-25 · 30 (25.7.1902) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
30 (25.7.1902)
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Uebergang
Date
1902-07-25
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 ,£>ie x£ Welt*4 Nr. 30 „Sie hat sich verlobt!" In Leas Münde erklangen die Worte wie eine Totenglocke. „Verlobt!" keuchte er mit Anzeichen des überstandenen Schrecks. -JUilitii „Mit einem Christen!" sagte Daisy brutal. Er sank bleich und zitternd zurück. Ein tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. „Aber wie? Mit wem?" JSTun sprachen alle Töchter durcheinander. „Ein anderer Bannherzigkeits-Apostel." „Er ist der Sohn eines Archidiakons." „Ein gehorsamer christlicher Kniebeuger." „Und das tut dein Lieblingskind!" „Wenn wir Christen gewollt hätten, hätten wir zwanzig Jahre früher heiraten können." „Es ist eine schreckliche Schande für uns." „Sie nimmt auf uns nicht die geringste Rücksicht." „Es wird ihr selbst elend ergehen. Wenn sie streiten werden, wird er ihr immer vorwerfen, dass sie eine Jüdin ist." „Unserem Vereine der „barmherzigen Töchter" wollte sie sich niemals ansehliessen — dazu hatte sie keine Zeit." „Sie wendete ihre Nase fon allen jungen Juden ab." „Aber sie hätte es mir gesagt!" murmelte Daniel hoffnungslos. „Ich glaub es nicht. Meine kleine Schapsie!" „Du glaubst es nicht?" schnaubte Lea. „Frage sie! Sie wird es nicht ableugnen." „Hast du also mit ihr gesprochen?" „Wir haben mit ihr gesprochen. Sie sagt: Judentum sei ein Unsinn! Sie wird uns allen Schande machen." Der Rassen-Instinkt sprach aus ihnen — die fünfundzwanzig Jahrhunderte der bezeugten Absonderung. „Also will sie in einer christlichen Kirche heiraten?" fragte er. „0, sie ist noch nicht auf dem Wege zu heiraten." Sein armes Herz erzitterte in Erwartung der Frist. „Sie nimmt auf unsere Gefühle nicht die geringste Rücksicht," fügte Lea hinzu. „Aber sie will nicht heiraten, so lange du am Leben bist." Lily nahm den Faden wieder auf. „Wir alle sagten ihr, wenn sie einen Juden heiraten würde, würden wir uns glücklich schätzen, dich der Reihe nach zu uns zu nehmen. Aber sie sagte, es handle sich nicht darum. Sie könnte dich behalten, ihr Alfred würde nichts dagegen haben. Es ist der Sehlag, den sie deinem religiösen Gefühl versetzen würde, der sie zurückhält. Sie will dich nicht kränken." „Gott segne sie, meine gute kleine Schapsie!" murmelte er. Sein verwirrter Verstand fasste nicht alles und klammerte sich an die sich bietende Erleichterung. Missstimmung verfinsterte alle Gesichter. Er suchte es zu verstehen, strich mit seiner Hand über die weissen Haare, welche unter seiner Kappe ausfielen. „Dann — dann ist alles in Ordnung?" „Ja, in Ordnung," sagte Lea brutal. „Aber für wie lange?" Ihre Ansicht traf sein Herz gleich einer eisigen Klaue. Zum erstenmale in seinem Leben kam ihm die Gewissheit seines Todes und gleichzeitig das baldige Bevorstehen desselben zum Bewusstsein. „Wir verlangen von dir, ihr jetzt Einhalt zu tun," sagte Sylvia, „Du bist der einzige, der auf sie Einfluss hat." Sie erhob sich, wie, um der peinlichen Unterredung ein rasches Ende zu bereiten und die anderen erhoben sich auch unter vielem Rausehen ihrer seidenen Kleider. Er schüttelte die sechs brillantengeschmückten Hände wie im Traume und versprach, sein Bestes zu versuchen. Und als er die kleine Wagenprozession von dannen rollen sah, schien ihm tatsächlich eine Feierlichkeit vorzugehen, sein eigenes Begräbnis. VII. Ach Gott, dass es so hat kommen müssen! Klein- Schapsie konnte nicht glücklich werden, bis er tot war. Warum sollte er sie warten lassen? Was standen die paar Jahre oder Monate dafür? Er war ohnehin schon fast tot. Mit Schapsie zu sprechen, hatte er nie beabsichtigt, trotzdem er es versprochen hatte. Diese Jahre des stillen Zusammenlebens hatten eine wirkliche Besprechung unmöglich gemacht. Die Brücke, über welcher seine Seele zu ihrer hinüberging, war durch ein heiliges Schweigen geweiht. Unter der Wucht von Worten, besonders ärgerlicher väterlicher Worte, konnte sie für immer zusammenbrechen. Und das wäre ihm ärger als der Tod. Nein. Klein-Schapsie führte ihr eigenes Leben und er hielt es nicht für recht, sie zu fragen, auch wenn sie an der Grenze tötlicher Sünde stand. Er hätte es in logischen Worten nicht ausdrücken können, war sich dessen nicht klar bewusst, aber seine zärtlichen Beziehungen zu ihr hatten in ihm den ,Glauben an ihre rechten Wege gefestigt, welcher in ihm auch jetzt noch fortlebte und fortwirkte, da er sie hoffnungslos sich verirren sah. Nein, er hatte kein Recht, ihr Leben zu durchqueren, ihre Aussicht auf Glück auf ihrem eigenen Wege zu stören. Er musste zu leben aufhören. Klein-Schapsie war nahe den Dreissig; die schönste Zeit ihrer Jugend war dahin. Sie sollte mit dem fremden Manne glücklich werden. Aber wenn er sieh selbst tötete, würde dies der Familie Schande bringen,, auch der kleinen Schapsie. Vielleicht würde sie ihr Alfred dann nicht mehr heiraten wollen? Gab es keinen Weg, aus dem Dasein sich unbemerkt hinauszuschleichen? Und dann? Selbstmord war ja auch eine Todsünde. „Ach Gott, Gott Israels, gib mir ein, was ich tun soll!" VIII. Eine plötzliche Eingebung erleuchtete ihn. Sie sollte nicht auf seinen Tod warten müssen, um glücklich zu werden; er wollte leben und sie glücklich sehen. Er wollte behaupten, dass ihre Heirat ihm keine Pein bereite; und würde in der Tat die Pein nicht durch den Gedanken an ihr Glück aufgehoben werden? Würde sie aber auch glücklich werden? Koante sie mit diesem Fremden glücklich werden? Das wäre ein schauerlicher Zweifel! Wenn ein Streit entstehen würde, wird ihr da der Mann* nicht immer vorwerfen, dass sie eine Jüdin sei? Doch das musste ihr selbst überlassen werden. Sie war alt genug, um sich nicht ins Elend zu stürzen. Durch alle diese Jahre hindurch hatte er ihre nachdenkliche Stirne als den Sitz aller Weisheit, ihre zärtlichen Augen als den Abglanz aller Güte angesehen und er konnte sich nicht plötzlieh einer entgegengesetzten Auffassung hingeben. Für die Zeit, da sie nach Hause kommen würde, hatte er sich seine Aufgabe zurechtgemacht. „Ach, meine Teure/'' sagte er strahlend, „ich habe gute ISTeuigkeiten vernommen." Das Lächeln erstarb auf ihren Lippen. Sie sah ersehrocken drein. „Es ist alles recht, meine liebe, kleine Schapsie/' fuhr er schalkhaft fort. „Jetzt werde ich also sieben Schwiegersöhne haben. Und Alfred den zweiten, eh?" „Du hast gehört ....?" „Jawohl," sagte er, ihr Ohr kneifend. „Sie denkt, dass sie ihrem alten Vater etwas vorenthalten kann!" „Aber du weisst nicht, dass er ein —" „Ein Christ ist. Was macht's, wenn er nur ein guter Mensch ist? eh?" Er lachte geräuschvoll. Klein-Schapsie blickte nur noch erschrockener drein. War das am Ende ein Witz ihres Vaters? „Aber ich dachte —"

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