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Die Welt · 1902-07-25 · 30 (25.7.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
30 (25.7.1902)
Article
Uebergang
Date
1902-07-25
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 30 „Die # Welt" Seite 13 Eheglücks, dann di6 langen Jahre des fortschreitenden Wohlstandes und frommen Frohsinns in Portsrnguth, bevor sie vornehm und er unbedeutend geworden war. Und eine unermessliche Selbst Verachtung vermischte , sieh mit seinem mitleidsvollen Gefühle für ihre Vorzüge und Tugenden: die Kinder, die sie ihm unter Schmerzen geboren; die Sparsamkeit ihrer Haushaltung; die vorteilhaften Geschäfte, welche sie mit den flachköpfigen Soldaten und Matrosen zu machen verstand; zuletzt der Glanz ihrer sozialen Erhebung. Und Klein-Schapsie weinte über die Vergänglichkeit dieser zwei Existenzen, welchen sie ihr eigenes ödes Dasein verdankte. Plötzlieh liess Mrs. Peyser, deren schwarzen Augen sich langsam zu verglasen begannen, die langen Wimpern darüber fallen. „Sarah", rief Daniel in halbem Wahnsinn, „sage das Schema!" Und gehorsam murmelten die sinnlichen Lippen: „Höre, o Israel! Der Ewige, unser Gott, ist einzig." Klein-Schapsie zuckte rebellisch die Schultern. Das Dogma schien ihr so gleiehgiltig. * Mrs. Peyser öffnete die Augen und ein herrlicher Mutterglanz kam in sie beim Anblick ihrer weinenden Tochter. „Ach, Florie, weine nicht," sagte sie beruhigend in ihrem lange vernachlässigten Jüdisch, „ich will dir einen Bräutigam finden." Ihre Augen schlössen sich und Klein-Schapsie erzitterte heftig vor dem grausigen Anblick eines Teuren, den/ der Tod dahingerafft hat. VI. Nachdem seine Sarah in das „Haus des Lebens" versenkt und die Erregung über die Verewigung ihrer Tugenden auf dem Grabsteine sich gelegt hatte, würde Daniel in der öden Welt verdorrt sein, wenn Sehapsie nicht dagewesen wäre. Die zwei hielten zusammen Haus; dasselbe grosse Haus, das früher von so viel weiblichen Wesen erfüllt gewesen war, deren Parf üm- und Pudergeruch noch in ihm zu stecken schien. Vater und Tochter setzten sich allein zu Tisch. Er verbrachte Stunden mit dem Lesen der Zeitungen und dem Nachsinnen über die wundersamen Vorstellungen, die er sich von Indien gemacht hatte und über die anderen Dinge, von denen er gelesen hatte; oder er schlenderte durch die Strassen oder ging ins Beth-ha-Midrasch im Norden von London, in welchem Daniel unter Führung eines polnischen Weisen seinen, gealterten;Geist an den rituellen Problemen von Babylon zu erproben sich abmühte. In langen Zwischenräumen bürstete er sorgsam seinen altmodischen Zylinder und drückte schüchtern an den Haustürglocken seiner Töchter und wurde zugelassen, ein laut widerstrebendes Kind zu liebkosen. Aber alle wohnten sie so weit von ihm und eine von der anderen in diesem gewaltigen London. Von Sylvias Haus, die einen livrierten Diener hatte, war er immer zu geschreckt und als die anderen ihr nachzuahmen begannen, hörten seine Besuche bei allen zusammen auf. Und wenn die Sprache darauf kam, dass sie ihn aufsuchen sollten, um ihn zu sehen, gaben alle überwältigende häusliche Pflichten vor undFlorences kalten Empfang. „Wenn du allein leben würdest, oder bei einer von Aber Daniel ahnte, dass die letztere Alternative ebenso traurig wäre, als die erste. Und obgleich er wusste, welch weiter „Strom zwischen der Gedankenwelt seiner jetzigen Hausgenossin und seiner eigenen floss, fühlte er noch klarer die Brücke der Liebe, welche ihre Seelen miteinander verband. Man stelle sich daher des Siebzig] ährigen Schrecken rmr» alsa pitipr snhönen Morsrens, da er noch in seinen Pantoffeln herumsehloderte, der Dienstbote ihn benachrichtigen kam,: dass seine sechs Töchter seine sofortige Gegenwart im Wohnzimmer forderten. *< Der Ueberfall liess ihn alle seine Gedanken über Toilette vergessen. Sein Herz schlug lebhafter in sorgenvoller Ahnung dessen, was er erfahren würde. Dieser gleichzeitige Besuch deutete auf Feierlichkeiten, Hochzeiten. Er blickte zu einem Fenster hinaus und sah vier Wagen auf- und abfahren und das vervollständigte seine Vermutung, dass etwas Elementares vorgehe. Er wankte in das Wohnzimmer — das nun nicht mehr so ordentlich und nett war, da es keine Töchter gab, die es aufräumten — und schrumpfte vor dem Glänze zusammen, welchen ihre Gegenwart verlieh. Sie rauschten in Seide, erstrahlten in Schmuck und erfüllten die Luft mit dem alten Aroma von Puder und Parfüm. Er fühlte sich minderwertig vor all diesem in die Augen stechenden Wohlstand. Sie standen nicht auf, als er eintrat. Die jüdische Gruppe und die heidnische Gruppe sassen vermischt durcheinander — die Heirat hatte alle alten Unterschiede verwischt. Sie zeigten alle dasselbe unbestimmte, stillstehencle Alter der gesunden und munteren Ehrbarkeit.. Daniel blieb an der Türe stehen, von einer zur anderen blickend. Einige hüstelten, die anderen spielten nervös mit ihren Muffen. „Setze dich, Vater," sagte Eachel kindlich, wobei sie . selbst im Armsessel verblieb. Eine allgemeine Erleichterung trat ein. Aber die alte Verlegenheit kehrte wieder und die Buhe trat wieder ein, als Daniel sieh in einem steifen Sessel niederliess. Endlich nahm Lea das Wort: „Wir kamen so früh, weil Florence jetzt auf ihrem Barmherzigkeitsgange ist — „Ja, auf ihrem Barinherzigkeitsgange!". wiederholte Sylvia mit ISTachdruck und ein verständnisvolles Lächelt erschien auf den sechs Gesichtern. „Ja," murmelte Daniel. „Weil wir wünschen, dass sie von unserem Kommer nichts erfahre." . „Es betrifft Sehapsie?" „Ja, Vater, deine kleine Sehapsie," sagte Daisy boshaft „Jawohl, sie hat keine Zeit, uns zu besuchen," schri< Kebekka, „aber sie hat Ueberfluss an Zeit für ihre Barm herzigkeit." „Es macht ihr Freude, 'Gutes zu tun," sagte er ent schuldigend. „Sich selbst," korrigierte Lily. „Wenn sie es täte!" kicherte Eachel. „Ich verstehe nicht," murmelte er unwirsch. „Nun wohl," begann Lily. „Sprich du, Lea, du weiss mehr davon." „Ihr wisst so viel als ich." Sie blickten auffordernd von einer zur andern. „Ich habe es immer gesagt, dass die Spelunken fü Leute unseres Ranges gefährlich sind," sagte Sylvia. „Si beschränkt sich nicht auf ihr eigenes Volk." Die Gesichter begannen zu strahlen. Das Eis war g€ brochen. „Gefährlich!" wiederholte der alte Mann, beim omi nösen Worte verharrend. „Furchtbar!" ertönte es aus allen Kehlen. Er erhob sieh halb. „Ihr bringt mir schlechte Nacr richten?" schrie er ängstlich. Die Gesichter verdüsterten sich, die Köpfe nickten. „ ... Es betrifft Sehapsie?" Er sprang auf. „Bleib sitzen, bleib sitzen! Sie ist nicht tot," sagi Lea verächtlich. Er setzte sich wieder. „Also was ist's? Was ist vorgefallen?"

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