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Die Welt · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
Article
Dr. Herzl vor der Fremdeneinwanderungs-Kommission in London
Date
1902-07-18
Page
7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 29 „Die Weif?- Seite 7 Dr. H e r z 1: Das ist eine rhetorische Frage. Lord Rothschild: Demnach kann es die Kommission von Ihnen vernehmen, dass Juden oder judische Körperschaften Ihre Ansichten über das, was Sie Zionismus nennen, teilen und doch gute und ergebene Bürger sein können. Dr. Herzl: Gewiss! Und weit mehr als jene, welche nicht Zionisten sind. Vorsitzender Lord James: Wollen Sie uns gütigst Ihre Ansicht über das Wort „Zionist" geben? Lord Rothschild: Lord James und die Konimission sind begierig, genau zu erfahren, was Sie meinen oder was gemeint ist unter dem Worte „Zionismus". Ob sie darunter eine gemeinsame Bewegung verstehen, um einen jüdischen Staat in Palästina wieder zu errichten, oder ob unter dem Worte „Zionismus" bloss eine grosse Bestrebung gemeint ist, irgend einen Teil der Welt ganz mit Juden zu kolonisieren? Habe ich mich klar ausgedrückt? Dr. Herzl: Vollkommen klar. Der Vorsitzende: Würden Sie uns nicht sagen, Avas ein Zionist ist? Dr. H e r z 1: Wir haben auf dem ersten Kongresse in Basel ein Programm formuliert, welches als Ziel des Zionismus die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina festsetzt. Das ist das feste Ziel; aber es kann Momente geben, wo unmittelbare Hilfe oder ein Schritt nach vorwärts unerlässlich sind. Und so halten die Zionisten sich verpflichtet, immer unter Aufrechthaltung ihrer Prinzipien und ihres Programmes, wo immer es notwendig ist, den Versuch zu machen, das harte Los der unterdrückten Juden durch angemessene Mittel zu mildern. Lord R o t s c h i 1 d: Da wir bei der Frage sind, möchte ich darauf eingehen. Sie-wissen,' dass Philanthropen, deren Namen ich nicht nennen will, den Versuch gemacht haben, jüdische Kolonien in Palästina zu gründen? Dr. Herzl: Sie hatten keinen Erfolg damit. Lord Rothschild: Und alle diese Kolonien sind bis jetzt missglückt? Dr. H e r z 1: Jawohl! Lord Rothschild: Es gibt verschiedene Meinungen darüber, warum sie missglückt sind, aber die Mehrzahl der Leute sagt, dass sie keinen Erfolg haben, weil die türkische Regierung dies nicht zulassen will. Dr. Herzl: Ich ziehe es vor, über die türkische Regierung und über die palästinensischen Kolonien "jetzt nicht zu sprechen. Ich bitte Seine Lordschaft, mir einige Augenblicke privat zu bewilligen, und ich werde Ihnen meine Ansichten darüber mitteilen. Lord Rothschild: Sie sind über die Verfolgungen der Juden in Polen und' Russland befragt worden. Sie sind mit den Verhältnissen in Polen und Piussland nicht persönlich vertraut? Dr. Herzl: Nein, ich bin damit nicht persönlich vertraut Es ist damit, wie mit manchen anderen Fakten, zum Beispiel mit historischen Tatsachen, die -ich kenne, trotzdem ich nicht dabei anwesend war. Ich kenne die Lage der Juden in Russland aus vertrauenswürdigen Quellen. Lord Rothschild: Können Sie der Kommission sagen, was gegenwärtig in Rumänien vorgeht. Dr. Herzl: Jawohl! Das kann ich. Lord Rothschild: Wie viel Juden gibt es in Rumänien. Dr. Herzl: Gegen i/i Million. Lord Rothschild: Sie sind verpflichtet, in der Armee zu dienen? Dr. Herzl: Ja! ' Lord Rothschild: Möchten Sie der Kommission nicht sagen, welche Leiden die Juden in Rumänien zu erdulden haben, wie sie dort verfolgt werden und wie die neuen Gesetze, welche "dort angenommen wurden, auf sie wirken werden? Dr. Herzl: Zuerst leiden sie unter der Ungewissheit des kommenden Tages. Ich denke, das ist einer der schwersten Schäden, die einem Menschen zutheil werden können, ungewiss zu sein, ob er nicht morgen aus seinem Berufe, aus seinem Hause, aus allen seinen Lebensbedingungen herausgerissen werden wird. Dann gibt es dort einen gesetzlichen Boykott und einen wirklichen Boykott. Der wirkliche Boykott ist derselbe wie in Galizien und in anderen Ländern, wo Antisemitismus herrscht. Dort sagt man: „Kauft nicht bei Juden!'4 Und in Rumänien ist ein gesetzlicher Boykott geschaffen worden, indem ein Gesetz angenommen wurde, welches sich gegen „ fremde* Handels¬ und Gewerbsleute richtet. Denn in Rumänien gelten Juden, deren Ahnen schon im Lande gewohnt haben und die selbst. im Lande geboren v. orden sind, als Fremde and die Worte ' Fremder und Jude sind synonym. Lord Rothschild: Kann ein Jude Advokat in Rumänien werden? Dr. H e r z 1: Ichkenne zum Beispiel einenAdvokaten, der ausgewiesen wurde, ich weiss nicht aus welchem Grunde. Mjr. Gordon: Ist er ausgewiesen worden, weil er ein Jude ist? Dr. Herzl: Wenn er ein Rumäne gewesen wäre, hätte er nicht ausgewiesen werden können. Lord Rothschild: Um irgend einen Beruf in Rumänien ausüben zu können, muss man also ein Rumäne sein; nicht wahr? Dr. Herzl: Um ihn sicher auszuüben, muss man vollberechtigter Bürger sein. Lord Rothschild: Und die Tatsache, dass man ein Jude ist, benimmt die Möglichkeit, ein Rumäne zu werden? Dr. Herzl; Sie wissen, was im Berliner Vertrag steht. Lord Rothschild: Der Berliner Vertrag setzt fest, dass die Rumänen das zu ändern haben * Dr. Herzl: Jede Rezeption oder Naturalisation unterliegt dem Votum des Parlamentes, und es sind von einer Viertelmillion Juden nur gegen 300 naturalisiert worden. Lord Rothschild: Nehmen wir an, die rumänische Regierung würde gezwungen werden, die Bestimmungen des Berliner Vertrages auszuführen und die Juden auf gleichem Fusse mit den Rumänen zu behandeln. Ist dort in Rumänien für sie Platz? Dr. Herzl: Meinen Eure Lordschaft das in Bezug auf den Boden? Lord Rothschild: Ich meine es in Bezug auf alles zusammen — in Bezug auf den Boden, die Armee, den Handel, die Gewerbe und die freien Berufe. Dr. Herzl: Das ist eine theoretische Sache. Ich kenne Länder, wo die Juden nach dem Gesetze die vollen Rechte haben, aber in der Praxis haben sie sie nicht. So würde es sein, wenn — was ganz unmöglich ist — die europäischen Mächte im eigenen Interesse bei der rumänischen Regierung zugunsten der Juden intervenieren würden. Wenn ich ein rumänischer Staatsmann wäre, würde ich die einzeluen intervenierenden

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