Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 29 (18.7.1902)
- Article
- Dr. Herzl vor der Fremdeneinwanderungs-Kommission in London
- Date
- 1902-07-18
- Page
- 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 9^^mtM* Nr. m antisemitischen Länder auffordern, mit gutem Beispiele voranzugehen. Aus diesem Grunde glaube ich nicht an eine Intervention. Wenn aber doch eine gemacht werden würde, so würde die Bevölkerung die gesetzliche Bestimmung in der Praxis unwirksam machen. Lord Rothschild: Die Bevölkerung hasst dort die Juden? Dr. Herzl: Man muss es glauben, denn sie prügelt sie und tötet sie, das sind Beweise einer gewissen Aversion. Lord Rothschild: Ist nicht vielleicht die Lage von ganz Rumänien so schlecht, dass darum mancher aus dem Lande gehen musss? Dr. Herzl: Ich glaube wohl, dass der arme Rumäne ein armer Mann ist. Resume des Vorsitzenden Lord James. Nachdem die Fragestellung beendigt war, sagte der Vorsitzende, er halte es für notwendig, die Aussage Dr. H e r z 1 s zu resümieren. Dr. Herzl sei vor der Kommission erschienen, von dem Wunsche beseelt, alles zu tan, was zu Nutz und Frommen seines Volkes dienen könne. Als Anwalt seiner Rasse ohne Rücksicht auf dieses Land allein wünscht Dr. Herzl keine Aenderung der bestehenden Gesetze, keine Beschränkung und die Aufrechterhaltung vollkommener Freiheit. Er wünscht auch nicht irgend einen Unterschied gemacht zu sehen zwischen den jüdischen und anderen fremden Einwanderern. Lord James führt weiter aus, dass die Einheimischen eine bessere Kenntnis der Wohnungsverhältnisse, des Anwachsens der Einwanderung und ähnlicher Fragen haben müssen als der Experte, welcher zugibt, die Informationen nach dieser Richtung den Aussagen vor der Kommission entnommen zu haben. Dr. Herzl gibt über Befragen Lord James' zu, dass es vom englischen Standpunkte weder inhuman noch entgegen irgend einem Standpunkte der Wohltätigkeit wäre, wenn die Kommission sich im Interesse des Landes veranlasst sehen würde, eine Beschränkung der Einwanderung bis zu einem gewissen Grade, den sie für zulässig hält, vorzuschlagen. Da wir leider nicht in paradiesischen Zeiten leben, müsse es jedem Lande zugestanden werden, die Grenzen der Selbstverteidigung zu bestimmen. Lord James resümiert ferner, dass es nach Dr. H e r z 1 s Ansicht wirkungsvoller wäre und die Bildung von Professionsbettlern verhindern würde, wenn die Wohlthätigkeit nicht verstreut, sondern nach einem allgemeinen Plane geübt werden würde. Dr. Herzl: Die Wohltäter in diesem Lande sollten sich vereinigen und einen Platz ausfindig machen, wo sie die Heimatlosen ansiedeln und aus ihnen Arbeiter statt Bettler machen könnten. Aehnliche Ansiedlungen seien gescheitert, weil für Bewegungen grosser Volksmassen Geld allein nicht genügt. Sie müssen ein Ideal haben, sie müssen an ihre Zukunft glauben können und dann ist man imstande, bei ihnen die Hingebung für die denkbar schwerste Arbeit zu finden. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Argentinien hat einen sehr guten Boden^ und die Bedingungen für die Landwirtschaft sind dort bedeutend bessere als in Palästina. Aber in Palästina arbeiten die Juden mit Enthusiasmus und haben Erfolg; freilich nicht die künstlich gemachten Kolonien, sondern die auf der Basis der grossen, nationalen Idee nach dem System der Selbsthilfe gegründeten. Mr. Alfred Lyttleton: Haben sie in Argentinien fehlgeschlagen? Dr. Herzl: Sie haben zum Teil fehlgeschlagen, weil die Kolonisten dort immer auf die Administration hoffen, welche sie mit allem versorgt, alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumt und für sie denkt. Sie sind nicht selbständig. Mr. Lyttleton: Ich habe mir aus einem Buche von Lewis und Russell „Der Jude in London*, eine Stelle herausgeschrieben inbezug auf Zionismus. Sie lautet: „Es muss hinzugefügt werden, dass das Anwachsen des jüdischen Nationalgefühls nicht ausser Harmonie steht mit den Forderungen eines englischen Bürgers. Es m.g eine sonderbare Frage für Kasuisten sein, ob ein Konflikt zwischen den zwei Verpflichtungen bei irgend einer Gelegenheit denkbar ist. Für praktische Menschen genügt es, dass unser Adoptiv-Vaterland, dem wir so viel Dank schuldig sind, von uns nicht verlangt, schlechtere Juden zu sein, um bessere Engländer zu werden. Wir wollen die Tatsache nicht verheimlichen, dass unsere Sehnsucht nach dem Lande unserer Väter gerichtet ist, und dass wir glauben, dass der Genius der jüdischen Rasse sich auf jüdischem Boden am besten entwickeln würde. Aber die Wanderung nach Palästina wird vielleicht ein langsamer Prozess sein; manche Generationen müssen vielleicht inzwischen hinweggehen, und das heilige Land kann vielleicht niemals mehr sein, als das Zentrum jüdischen Lebens. Inzwischen ist unsere Heimat hier und wir haben uns der Gastfreundschaft wert zu zeigen, welcher wir hier teilhaftig werden. Die verschiedenen, aber sich nicht widersprechenden Forderungen englischer Bürgerschaft und jüdischer Nationalität möge eine Ausnahme sein, aber so war es in der ganzen Geschichte Israels in der Diaspora." Dr. Herzl: Das sind ausgezeichnete Worte. Mr. Norman stellt noch einige Fragen an den Experten, um festzustellen, dass beträchtliche Schwierigkeiten zu bewältigen sind, um in die Vereinigten Staaten hineingelassen zu werden. Dr. Herzl: Aber sie werden doch bewältigt. Der Vorsitzende Lord James konstatiert, dass dies alle Fragen sind, welche die Kommission an den Experten zu stellen hat. Jedes einzelne Mitglied der Kommission sei mit ihm, dem Vorsitzenden, dorn Experten dafür dankbar, dass er gekommen sei, und alle würdigen die Aussage, die er gemacht hat. Nachdem er allen Mitgliedern der Kommission die Hand geschüttelt hatte, zog sich Dr. Herzl zurück. Die Beschuldigungen des Mainzer „Israelit". Protokoll vom (0. Juli 1902. Verhandelt in Mainz. Zwischen den Unterzeichneten, Herrn Rechtsanwalt Dr. Schauer als Anwalt der Jüdischen Kolonialbank in London, Herrn D. Wolffsohn als Vorsitzender des Direktoriums dieses Institutes, Herrn Gerichtsassessor Dr. Friedemann als Vertreter des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland einerseits, Herrn Oskar Lehmann, Chefredakteur des „Israelit" in Mainz andererseits, ist heute zum Zwecke der Erledigung der Privatklage in Sachen Wo lffsohn und Genossen gegen Lehmann folgender Vergleich geschlossen worden: Herr Lehmann hat sich davon überzeugt, dass alle in seinem Blatte gegen die geschäftliche Leitung des Jewish Colonial Trust erhobenen Beschuldigungen der Begründung entbehren, und nimmt dieselben unter dem Ausdruck lebhaften Bedauerns zurück. Herr Lehmann verpflichtet sich demgemäss, die anliegende