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Die Welt · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
Article
Dr. Herzl vor der Fremdeneinwanderungs-Kommission in London
Date
1902-07-18
Page
6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 'M^W^p^ Nr. 29 Brüdern in Russland vielleicht. Unannehmlichkeiten erwachsen könnten, nicht zu antworten. Nachdem Major G o r d o n sich beim Experten für das langwierige Verhör entschuldigt und demselben für die bereitwilligen Antworten gedankt hat, machte die Kommission eine Mittagpause. Die Nachmittagssitzung begann mit der Fragestellung durch Mr. Vallence. Mr. Vallence fragt zunächst den Experten, was er unter Assimilation verstehe. Dr. Herzl: Unter Assimilation verstehe ich wörtlich, was das Wort bedeutet: so ähnlich zu werden, dass man sich in nichts unterscheidet. Mr. Vallence: Vorausgesetzt, dass Zerstreuung möglich wäre, würde sie nicht zur Assimilation in Ihrem Sinne führen? Dr. Herzl: Nein. Die Zerstreuung dauert schon 1800 Jahre. Vor 1800 Jahren sind die Juden zerstreut worden und sind bis heute nicht assimiliert. Mr. Vallence: Die Frage, von einem englischen Standpunkte betrachtet, und vorausgesetzt, dass die Fremden sich nicht selbst in einem Distrikt konzentriert, sondern über das ganze Land zerstreut hätten — glauben Sie, dass dann die Fremden-Einwanderungsfrage entstanden wäre? Dr. Herzl: Ich glaube wohl. Mr. Vallence: Und Sie glauben, dass es keine Möglichkeit gibt, der Frage beizukommen, als an ihrem Ursprung? Dr. Herzl: Das glaube ich. Mr, Vallence: Ich bin nicht ganz klar, was Sie im Sinne haben, wenn Sie sagen, „es solle der Strom der Einwanderung in dieses Land an seiner Quelle abgelenkt werden". Haben Sie einen besonderen Plan im Auge? Dr. Herzl: Gewiss! Mr. Vallence: Würden Sie ihn nicht beschreiben? Dr. Herzl: Ich ziehe vor, ihn hier bloss in grossen Umrissen auszuführen und wäre glücklich, wenn ich die Details dem Vorsitzenden privat mitteilen könnte; wenn er denselben für wert hält, möge er ihn allen Herren zur Kenntnis bringen. Mr. Vallence: Und nach welcher Richtung geht Ihr Plan? Dr. Herzl: Er zielt darauf hinaus, ein Zentrum von genügender Anziehungskraft zu schaffen, so dass die Juden dahin ziehen würden. Auf eine Frage des Mr. V all enee antwortet Dr. Herzl, dass die restriktiven Gesetze, welche gegenwärtig in Amerika in Kraft sind, leicht umgangen werden können, indem die Summe, welche jeder Einwanderer vor der Landung in seinem Besitze ausweisen muss, leicht entlehnt und nach der Landung zurückgestellt werden kann. Fragestellung Sir Kenelm Digbys. Sir K. D i g b y: Sie befürworten von Ihrem Standpunkte aus nicht den Ausschluss der Juden aus den Ländern, nach denen sie gegenwärtig gehen, noch irgend eine retsriktive Massregel? Dr. Herzl: Nein. Es gibt Gegenden von schiechtem Ruf, welche so etwas tun können, Gegenden, welche nicht solches Gewicht legen auf die Erhaltung ihres alten Renommees und ihrer Ideen von Freiheit, wie es England tut. Diese mögen so etwas tun, Sir K. D i g b y: Wenn Ihre Ideen erfolgreich sein sollten und sich verwirklichen, das würde doch nicht die Juden aufhalten, anderswo hinzugehen? Ich glaube nicht, dass Sie das erwarten? Dr. Herzl: Ich denke, es wird nicht nur die Einwanderungsbewegung aufhalten, sondern auch alle jene hinführen, welche selbst fühlen, oder denen es fühlbar gemacht wird, dass sie anderswo nicht erwünscht, dass sie als überflüssig erachtet werden. Sir K. Digby:. Sie glauben also, dass die religiöse Idee ebenso wie ihr materieller Vorteil sie hinziehen wird? Dr. Herzl: Der ganze Block von Vorteilen. Sir K. D i g b y: Sie befürworten nicht — in Ansehung dessen, dass Ihre Idee dadurch Fortschritte machen würde — dass andere Nationen die Juden aus ihren Ländern ausschliessen sollen? Sie erachten das nicht als eine notwendige Stufe in der Propagierung Ihrer Idee? Dr. Herzl: Nein. Ich würde vorziehen, ein Träumer von Träumen zu sein, und es lieber sehen, wenn die Tatsachen es nicht erweisen sollten, dass ich den richtigen Vorausblick hatte. Sir K. Digby: Erwarten Sie eine wirkliche Gefahr von einem Erwachen des Antisemitismus in einem Lande gleich dem unseren? Dr. Herzl: Es gibt ein französisches Sprichwort: „Cet animal est tres impatient, il se defend quand on Tattaque." — Wenn die Juden angegriffen werden, werden sie sich verteidigen und Sie werden innere Unruhen haben. Sir K. Digby: Erwarten Sie eine ernste Gefahr für die Juden, wenn sie angegriffen werden? Dr. Herzl: Ich kenne leider antisemitische Länder. Sir K, Digby: Sie haben bis jetzt keinen Beweis erbracht, dass eine antisemitische Strömung in diesem Lande im Entstehen ist. Dr. Herzl: Ich erinnere mich der Zeit vor dem Auftauchen des Antisemitismus in Frankreich. Ich lebte dort zur Zeit des Beginnes der Dreyfus-Affäre. Damals gab es dort noch keinen Antisemitismus, aber er ist nun dort eingezogen. Ich glaube nicht, dass es für ein Land gut ist, Antisemitismus zu haben, nicht für die Juden, aber auch nicht für das Land. Fragestellung Lord Rothschilds. Lord Roth schild: Ich möchte Ihnen einige der Antworten ins Gedächtnis zurückrufen, welche Siq Major Gordon gaben. Glauben Sie, dass es möglich ist, dass ein Jude Anhänger Dr. H e r z 1 s und ein Zionist sei — was immer das bedeuten mag — und zu gleicher Zeit ein guter Bürger seiner Heimat, ein guter Engländer, oder Amerikaner, oder Oesterreicher? Dr. Herzl: Ich bin davon tief überzeugt und Sie haben *den Beweis hierfür im letzten Krieg gehabt. Es ist mir bekannt, dass in Ihrer Armee zwei zionistische Vereine bestanden haben. Lord Rothschild: Ich habe diese Frage an Sie gestellt, weil ich glaube, dass Sie Major Gordon nicht verstanden haben, obgleich ich glaube, dass 1 er meinte, die Fragen in der Art zu stellen, wie ich es tat. Aber er war politischer als ich.Es ist nämlichhier zu Beginn der Sitzungen dieser Kommission gesagt worden, dass die Tatsache, dass ein Mann Zionist sei, ihn verhindere ein guter Bürger dieses Landes zu sein und es gebieterisch notwendig mache, ihn von diesem Lande auszuschliessen. Ich hielt es für notwendig, Ihnen das zu sagen, damit Sie der Kommission erklären können, wie es für einen Menschen vereinbar ist, ein Mitgefühl zu haben für seine verfolgten Brüder in Rumänien und doch ein guter Bürger seines Landes zu sein,

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