Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 29 (18.7.1902)
- Article
- Dr. Herzl vor der Fremdeneinwanderungs-Kommission in London
- Date
- 1902-07-18
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
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m 29 Die i£ Welt66 Seite 5 mag für ihre Nachbarn unangenehm sein, für das Gemeinwesen als Ganzes kann es nur von Vorteil sein. Mjr. Gordon: Glauben Sie, dass eine jüdische Frage in diesem Lande 'entständen ist? Dr. Herzl: Ich denke, die Schwierigkeit ist Vorhanden, seit Sie bemüssigt sind, sie zu diskutieren. Mjr. Gordon: Was wird nach Ihrer Voraussicht das Resultat des »laissez faire" sein? Dr. Herzl: Ich liebe es nicht, zu prophezeien. Mjr. Gordon: Die Frage sei erst in ihrem Anfangsstadium, behaupten Sie, und die Tendenz bestehe, dass immer mehr und mehr von Ihrem Volke in dieses Land einziehe. Dr. Herzl: Jawohl! So denke ich. Mjr. Gordon: Ungleich den Häuptern der einzelnen jüdischen Gemeinden in den verschiedenen Ländern sehen Sie diese grosse Frage vom Gesichtspunkte des jüdischen Nationalismus an. Dr. Herzl: Jawohl! Mjr. Gordon: Das ist der Unterschied zwischen Ihnen und den anderen. Dr. Herzl: Jawohl! Mjr. Gordon: Verknüpft nach Ihrer Meinung der jüdische Nationalismus jene Juden, weiche Ihre Ansichten teilen? Dr. H e r z 1: Iii welchem Sinne? Mjr. G o r d o n : Ergebenheit zur jüdischen Nation und zur jüdischen Idee. Dr. Herzl: Jawohl. * Lord Rothschild: Wäre es nicht am besten, Dr. Herzl zu fragen, was seine Ansichten über eine jüdische Nation sind? Mjr. Gordon: Möchten Sie nicht kurz' sagen, welches Ihre Ansichten über jüdischen Nationalismus sind? Dr. Herzl: Ich werde Ihnen meine Definition einer Nation geben und Sie können das Adjektiv „jüdisch" hinzufügen. Eine Nation ist nach meiner Ansicht eine historische Gruppe von Menschen von erkennbarem Zusammenhange, welche durch einen gemeinsamen Feind zusammengehalten werden. Mjr. Gordon: Wer würde in diesem Falle der gemeinsame Feind sein? Dr. Herzl: Der Antisemitismus. Mjr. G o r d o n: Halten Sie unter diesen Umständen und bei Leuten, welche diese Anschauungen inbezug auf die jüdische Nation theilen und dem Judenstaate politisch ergeben sind —halten Sie da komplette Assimilation mit dem englischen Gemeinwesen für möglich? Dr. Herzl: Gewiss! Ich glaube, dass Assimilation wohl möglich ist, wenn ich auch nicht sage, dass sie wünschenswert ist. Sie haben das historische Beispiel der Hugenotten, welche wegen* der Verfolgungen der Protestanten in Frankreich nach Deutschland ausgewandert sind, und Sie haben viele Familien mit deutschen Namen — ich erinnere Sie nur an den General Zurlinden — welche sich in Frankreich vollkommen assimiliert haben. Mjr. Gordon: Ich glaube, dass zwischen den Hugenotten und Ihrem Volke keine Analogie besteht. Die Hugenotten waren Leute, welche sich durch Heirat vermischten und sind durch diese Mischheiraten von der sie umschliessenden, deutschen Bevölkerung völlig aufgesogen werden. Bei den Juden ist dies nicht der Fall. Dr. Herzl: Dann ist damit erwiesen, dass die Juden nicht ganz assimiliert sein wollen. Mjr. Gordon: Glauben Sie, dass die Unterstützung und Gastfreundschaft, welche den unterdrückten Juden aus Rumänien und Russisch-Polen erwiesen werden, irgend eine Gefahr für die arbeitenden Klassen in Engländ durch Konkurrenz involviert? Dr. Herzl: Nein, das glaube ich nicht! Warum sollte Wohltätigkeit anderen Nachteil bringen? Mjr. Gordon: Sie glauben auch nicht an das Mittel der Verteilung? Dr. Herzl: Nein! Mjr. G o r d o n: Sie glauben, dass die Bemühungen des jüdischen Board of Guardians (Jüdisches Wohltätigkeüsamt) und des russischen Komitees hier vergeblich sind? Dr. Herzl: Sie sind nicht imstande, der Not beizukommen. Mjr. Gordon: Baron Hirsch hat grosse Stiftungen für das jüdische Volk hinterlassen? Dr. H e r z 1: Jawohl! Mjr. Gordon: Haben diese Stiftungen das Uebel vergrössert oier verkleinert? Dr. Herzl: Ich glaube, dass sie ziemlich indifferent dafür sind. Mjr. G o r d o n: Sie haben weder nach der einen oder nach der anderen Richtung einen Effekt gehabt? Dr. Herzl: Keinen! Mit Bezug auf die enorme Frage sind sie nichts. Ein Tropfen im Ozean. Sie sorgen höchstens für Schulen und für einige kleine landwirtschaftliche Stationen. Mjr. Gordon: Tun sie nicht etwas Gutes, oder ist das Geld vergeudet? Dr. H e r z 1: So ziemlich vergeudet. Mjr. G o r d o n: Das Geld wird verwendet, um eitlen Teil der Juden nach Argentinien zu schicken? Dr. H e r z 1: Jawohl! r Mjr. G o r d o n : Und einen Teil auch nach Palästina? Dr. Herzl: Nein! Mjr.Gordon: Ist nichts der zionistischen Bewegung zugewendet worden? Dr. Herzl: 0 nein! Mjr. Gordon; Ist der Versuch, die Juden in eitlem für sie reservierten Lande anzusiedeln, fehlgeschlagen? Dr. Herzl: Es ist ein Misserfolg, weil man solche Sachen mit Geld allein nicht machen kann. Um eine grosse Ansiedlung zu begründen, muss man eine Flagge und eine Idee haben. Die waren nicht vorhanden, darum konnte kein Erfolg kommen. Mjr. Gor don: Es ist mir gesagt worden, dass die Baron Hirsch-Stiftungen eher die Wirkung haben, die Zahl derer zu vermehren, die Sie Schnorrer nennen? , Dr. Herzl: Ich glaube wohl! Die Leute wissen, dass dort Geld vorhanden ist, und sie kommen herbei. Mjr. G o r d o n : Und haben einen Weg dafür? Dr. Herzl: Jawohl! Das ist so natürlich, ich glaube, das ist nicht bloss jüdisch. Mjr. Gordon: Ich stimme mit Ihnen überein. Wissen Sie von einem Drucke, der auf die russische Regierung ausgeübt worden ist, um die Existenzbedingungen der Juden, welche unter dieser Regierung leben, zu heben? Dr. Herzl: Gewiss. Es besteht in diesem Lande ein Zug, welchen Sie hier öffentliche Meinung nennen, welcher dieses Bestreben hat. Seit den Zeiten des Altertums gibt es kein Beispiel von Heloten, aber die Juden in Russland sind tatsächlich Heloten oder Parias, Im übrigen zieht es Herr Dr. Herzl vor, auf verschiedene an ihn gestellte Fragen, wodurch sein, n