Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 29 (18.7.1902)
- Article
- Dr. Herzl vor der Fremdeneinwanderungs-Kommission in London
- Date
- 1902-07-18
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315989-3322939--33475-3323046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Die s> Welt" Nr. 29 täglichen Druck. Ein Mann, der nicht weiss, was es heisst, ein freier Mann zu sein, sagt: „Ich bin nicht verfolgt", wenn sein Haupt nicht wund geschlagen worden ist. Er versteht unter Verfolgung, was für uns wahrhaft schrecklich wäre. Mjr. G o r d o n : Meinen Sie, dass die ökonomischen Bedingungen der 16 Provinzen, welche das Ansiedlungsgebiet der Juden in Russland bilden, es sind, welche diese Unterdrückung hervorrufen, oder istes eine Konsequenz der Verfolgung, dass die Juden in Russland in den 16 Provinzen konzentriert sind? Dr. H e r z 1: Die Juden Russlands leben in einem Zustande furchtbaren Elends. Dazu kommt die Tatsache, dass sie ihre Lage nicht verbessern können, denn es ist ihnen nicht gestattet, in eine andere Stadt zu gehen, wo sie Arbeit finden könnten. Ausserdem lebt der Jude in einer ewigen Furcht. Mjr. Gordon: Ich glaube, dass sie eine andere Ursache herbringt. Ich finde, dass eine Tendenz besteht, ihre Verwandten und Bekannten herzuholen. Dr. Herzl: Wenn Sie einen Freund haben und Sie kommen unter bessere Klimate und Bedingungen, dann werden Sie ihm schreiben: „Mein Freund! Hier bin ich glücklicher, als ich gestern war/ Ob man das Holen nennen kann, weiss ich nicht. Im übrigen haben wir heute Zeitungen, und alle diese Leute lesen ihre Zeitungen und diese wissen, welche Lebensbedingungen hier bestehen. Mjr. Gordon: Sie sagen, dass die Leute in ihr Land zurückzuschicken Verfolgung wäre? Dr. Herzl: Es wäre grausam. Mjr. Gor don: Sie konstatieren in Ihrer Aussage, dass eine beträchtliche Anzahl durch die jüdischen Gemeinden zurückgeschickt wurde. ■ Dr. Herzl: Ich glaube nicht, dass es aus mutwilliger Grausamkeit geschehen ist. Sie waren so unvorbereitet. Sie glaubten nicht an das, was auf dem I. Zionistenkongress im Jahre 1897 sich ereignet hat. Wh' erhielten aus Rumänien allein 5258 Petitionen von 37043 Leuten, welche uns um Hilfe anflehten, da sie sich in grösster Not befänden. Das war 1897. — Erst, im Jahre 1900 begann die Auswanderung der Notleidenden und Hungernden. Der Ruf um Hilfe war also drei Jahre alt, als sie sich in Bewegung setzten. Die Wphltätigkeits - Korporationen der jüdischen Gemeinden nahmen jenen Ruf nicht ernst genug; sie waren völlig unvorbereitet, sie waren perplex. Mjr. Gordon: Haben Sie irgend einen Beweis dafür, dass wir hier eine antijüdische Stimmung oder Strömung haben? Dr. Herzl: Ich entnahm es aus den Aussagen, die vor dieser Kommission gemacht wurden. Mjr. Gordon: Würden Sie eine Beschränkung der Zahl Verfolgung nennen? Dr. Herzl: Es hängt vom Wege ab, den Sie einschlagen. Es ist eine loyale Selbstverteidigung, wenn Sie sich selbst auf rechtlichem und menschenfreundlichem Wege verteidigen. Mjr. Gordon: Hat jemand je daran gedacht, das geringste Privileg, das die Juden in England besitzen, zurückzuziehen? Dr. Herzl: Ich habe nichts davon gehört. Mjr. Gordon: Ist das, was wir notwendig erachten, um eine unbeschränkte Ansammlung des ärmsten Teiles Ihres Volkes zu verhindern, nicht voll vereinbar mit der grössten Freiheit der Juden? Dr. Herzl: Ich möchte in keiner Sache Kronzeuge gegen Juden sein. Mjr. Gordon: Die jüdische Gemeinde war die einzig beschränkende; sie war es, welche Juden aus diesen Ländern zurückgeschickt hat, aus besseren in schlechtere Bedingungen. Sie werden doch nicht behaupten wollen, dass die jüdische Gemeinde irgendwie antisemitisch ist? Dr. Herzl: Gewisse Dinge, welche Sie Mitgliedern Ihrer eigenen Familie tun oder sagen können, würden, von anderen herkommend, eine Beleidigung sein. Mjr. Gordon führt aus, das die Enquete bloss mit den Juden begonnen und sich auch fernerhin nur mit ihnen beschäftigt hat, weil die Mehrzahl der Einwanderer Juden sind. Das bedeute noch nicht, dass nicht auch die anderen Immigranten in Betracht gezogen würden. Es ist eine Tatsache und muss eine Quelle von Beschwerden sein, wenn unser Volk durch aus der Ferne gekommene Fremde, welche ihm Konkurrenz bieten, aus seinem Heim vertrieben wird. Ein Ruf nach Beschränkung der Einwanderung würde sich ebenso erheben, wenn beispielsweise eine grosse Zal von Chinesen hier erschiene. Sie betrachten das von einem rein jüdischen Gesichtspunkte, aber haben wir Engländer nicht dieselbe Pflicht gegen unser eigenes Volk wie gegen die armen Unterdrückten anderer Länder? Dr. Herzl: Kein Zweifel! Aber das macht die Frage so peinlich, dass alle anderen Völker eine Heimat haben, in welche sie zurückgehen können, und die Juden keine haben. Mjr. Gordon: Aber, das ist einigermassen diskontiert durch die Tatsache, dass einige hundert Juden jedes Jahr durch das jüdische Volk selbst in die Heimat, die keine ist, zurückgeschickt werden. Dr. Herzl: Es war meiner Meinung nach ein grosser. Fehler der jüdischen Gemeinden, dies zu. tun, und wird dadurch gerächt, dass Sie, Major G o r d o n, oder ein anderer Gentleman nun sagen kann : Wenn die jüdische Gemeinde das getan hat, sollen wir es nicht tun? Mjr. Gordon: Sie sagen in einem anderen Teile Ihrer Aussage, dass diese Leute in d,n Orten, von denen sie kommen, nicht leben können. Ich behaupte, dass die Tatsache Ihrer Rücksendung dorthin beweist, dass es Orte gibt, wo sie leben können, weil sie dort leben. Dr. Herzl: Es gibt verschiedene Anschauungen über die Bedingungen, unter denen ein Mensch leben kann. Mjr. Gordon: Ein anderer Punkt, der damit zusammenhängt, ist, dass manche dieser Leute os darauf anlegen, zurückgeschickt zu werden. Wie ist es mit dem, was Sie gesagt haben, vereinbar, dass ein Mensch verlangt, dorthin zurückgeschickt zu werden, wo er verfolgt wird? Dr. Herzl: Gewiss sage ich nicht, dass alle diese Juden Engel oder Gentlemen sind. Das bringt uns auf die Frage der Schnorrer. Sie halten Umschau, wo es eine mildtätige Herberge gibt und machen den Abstecher, um dort einige Zeit verweilen zu können. Mit Bezug auf die schwarze Wolke, welche im Osten aufsteigt, von der er in seiner Aussage Erwähnung tat, sagt Dr. Herzl, dass die Lage der Dinge dort jetzt viel schlechter sei, als zur Zeit, da er seine Broschüre geschrieben hat. In Galizien leben 700.000 Juden in einem Zustande tiefsten Elendes. Die Wohnungsverhältnisse sind dort viel schrecklicher als die schlechtesten im East-End von London. Oft wohnen und schlafen dort 4 Familien in einem kleinen Räume. Die Einwandrung solcher Leute nach England, welche die Eignung haben, ökonomisch emporzusteigen,