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Die Welt · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
Article
Dr. Herzl vor der Fremdeneinwanderungs-Kommission in London
Date
1902-07-18
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 „Die # Welt46 Seite 3 Dr. Herzl: Ich selbst war ein assimilierter Jude und ich spreche aus Erfahrung. Ich denke, dass die Juden eine natürliche Tendenz haben, sich zu assimilieren. Dann kommt ein Moment, wo sie auf bestem Wege dazu sind und gerade in diesem Momente entsteht der Antisemitismus. Die Geschichte lehrt uns, dass die Juden niemals unter glücklicheren Bedingungen gelebt haben als in Spanien vor der Inquisition und Auswanderung. Sie erreichten alles, was sie wollten, und konnten alles haben, was sie wünschten. Mr. Norman: Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Ihrer Anschauung und der gewisser anderer, einflussreicher Juden besteht also darin, dass diese den Prozess der Assimilation zu beschleunigen wünschen, während Sie jüdische Nationalität wünschen. Dr. Herzl: Sie müssen es jedermann überlassen, selbst zu entscheiden, ob er sich assimilieren will oder nicht. Es ist nicht recht, die Menschen zu beeinflussen, entweder durch Vorbringung von Argumenten oder dadurch, dass man sie mit Gewalt dazu zwingt. Mr. Norman: Sie haben freimütig zugestanden, dass, sobald diese Immigranten eine beträchtliche Zahl erreicht haben, sie eine Beunruhigung und eine Last werden? Dr. Herzl: Es sind ökonomische Gründe hierfür wirksam, welche von Leuten, welche die Verhältnisse genau kennen, bereits auseinandergesetzt worden sind. Mr. Norman: Nach Ihrer Ansicht verursacht also dieses Wachstum eine „Beunruhigung und Last"? Dr. Herzl: Aber nicht, weil es Juden mit besonderen jüdischen Eigentümlichkeiten sind. Vielleicht erinnern Sie sich, class im Jahre 1892 oder 1893 in Frankreich die Anwesenheit einer gewissen Zahl italienischer Arbeiter ernste Unruhen gegen sie hervorrief, obzwar die beiden Nationalitäten durch nahe Rassenverwandtschaft verknüpft sind. Die Unruhen entstehen bloss aus ökonomischen Gründen. Ueber diesen Punkt befragt, sagt weiter Doktor H er zl :Es ist Tatsache, dass diese Einwanderer, billigere Arbeiter, ökonomische Schwierigkeiten erzeugen. Sie können billiger arbeiten, da sie aus unnennbaren Verhältnissen herkommen. Die Last kann einzig und aliein bekämpft werden durch Ablenkung des Stromes auf solche Wege, welche die Leute nicht zwangsweise, sondern in einer ihnen passenden Art in bessere Lebensverhältnisse bringen. Die Frage kann einzig und allein an der Quelle der Einwanderung gelöst werden. Die Mittel, welche, vorgeschlagen werden, um ein Uoberfluten zu verhindern, sind ungenügend. Und wenn die lokale Frage au. dem Wege geräumt wird,dann würde nur das Symptom geheilt sein und nicht die Krankheit. Es ist nur das Folgende möglich: Entweder Sie wollen die eingeborene Arbeit schützen, welche behauptet, geschädigt zu werden, oder Sie schliesscn die Thore vor den elendsten und bemitleidenswertesten aller Menschen. Der Vorsitzende: Will der Herr Experte das alte lateinische Sprichwort akzeptieren: Melius est petere fontes quam sectari rivulos? (Du musst zum Ursprünge gehen, wenn du den Bach verstopfen willst.) Dr. Herzl: Jawohl! Mr. Norman: Sie führten au-, dass die Tatsache, dass diese Kommission tagt, es unerlässlich macht, dass etwas geschehe? Dr. Herzl: Jawohl! Mr. Norman: Nachdem wir die Selbstverteidigung begonnen haben, müssten wir weitergehen? Dr. Herzl: In der Selbstverteidigung oder in der Hilfe?—Und ich denke, die beste Selbstverteidigung und beste Hilfe zugleich wäre eine grossmütige und grossgedachte Massregel, welche ich Ihrer Erwägung vorzulegen mir erlauben werde. Mr. Norman: Sie halten also dafür, dass der Umstand, dass die Kommission eingesetzt ist, eine grosse Warnung dieses Landes an die Immigranten ist, und wenn nichts geschehe, ihre Zahl rapider als früher wachsen wird? Da wir also nun eingesetzt sind, sei es umso wünschenswerter, etwas zu tun. Dr. Herzl: Gewiss! Nr. Nor mann: Sie denken also, dass es gut war, dass wir eingesetzt wurden und beglückwünschen uns hierzu? Dr. Herzl: Ja wohl! Denn in andern Ländern, z. B. im freien Amerika, haben sie einfach die Thore geschlossen, und ich denke, dass es von Ihnen wohlgetan war,sichzubemühen,zuerst die Situation zuerfassen. Mr. Norman: Sie verstehen folglich, dass es nicht Mangel an Sympathie ist, wenn ich Fragen verschiedener Art nicht an Sie stelle. Ich war so kurz als möglich und wende meine Aufmersamkeit einzig den Hauptpunkten zu. Dr. Herzl: Gewiss! Fragestellung Major Gordons. Major Gordon: In Bezug auf die Verfolgungen möchte ich von Ihnen Klarheit haben, welcher Grund dafür besteht, zu behaupten, dass die Judenein Wanderung in dieses Land einzig und hauptsächlich infolge von Verfolgungen entsteht. Dr. Herzl: Es sind nicht einzig und allein Verfolgungen, welche die Einwanderung bewirken. Ich denke, der Mensch hat die natürliche Tendenz, am Boden zu kleben, wenn er einen Boden hat. Es gibt Ausnahmen. Diese machen junge Leute, Abenteurer, Kaufleute, welche neue Weltteile entdecken oder erschliessen wollen. Aber der Durchschnittsmensch hat eher die Tendenz, in seiner Heimat zu bleiben. Ich kann nicht sagen, dass es bloss Verfolgung ist, welche alle Einwanderer herführt, denn unter den Kommenden befinden sich auch Abenteurer und junge Leute, welche die Welt kennen lernen wollen, gerade so wie die jungen Engländer nach Indien, China oder anderwärts gehen. Aber ich glaube, dass die Familienväter, welche herkommen, einzig und allein dann kommen, wenn sie in tiefer Depression sich befinden. Ein Mann, der eine Familie hat, ändert nicht leicht sein Domizil. Major G o r d o n : Waren Sie je im russischen Ansiedlungsgebiete? Dr. Herzl: Nein! Aber ich bekomme zahlreiche Briefe aus jenen Gegenden, welche mir alle notwendigen Informationen geben. Major Gor don: Ich möchte nur wissen, was für Verfolgungen gegenwärtig bestehen? Dr. Herzl: Es ist ein ökonomischer Boykott. Wenn das Verfolgung ist, dann sind sie verfolgt. Diese Frage hat mancherlei Formen. An einem Orte werden sie administrativ verfolgt, an einem anderen mit Hilfe des Gesetzes. Man sieht örtliche Verfolgungen in einer Stadt, und in der anderen sind die allgemeinen Lebensbedingungen unerträglich. Aber überall ist der Jude der S'mdenbock, der Prügelknabe. Und eines Tages will er es nicht mehr länger sein und sucht einen anderen Himmelsstrich auf. Major Gordon: Kennen Sie die Tatsache, dass das ru?sisch-jüdische Komitee oder dessen Präsident Mr. N. S. Joseph konstatiert hat, dass nicht in einem von zehn Fällen bei Unterstützungs-Gesuchen die Bittsteller behaupten, verfolgt zu sein? Dr. He r z 1: Es gibt Verfolgungsausbrüche, welche nur selten vorkommen und dann gibt es langen, all-

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