Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 29 (18.7.1902)
- Article
- Dr. Herzl vor der Fremdeneinwanderungs-Kommission in London
- Date
- 1902-07-18
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315989-3322939--33473-3323044- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 ) „Die # Welt" Nr. 29 Mr. Norman: Sie legen hier Gewicht auf die moralischen Kräfte, welche diese jüdischen Immigranten anlocken, aber Sie übersehen wohl die Tatsache, dass sie durch ebenso grosse materielle Kräfte angezogen werden. Die Tatsache, dass sie es leichter finden, hier im Wettbewerbe zu reüssieren und Geld zu machen, wirkt gewiss nicht in geringerem Grade mit, sie herüberzubringen, als die moralische Macht. Dr. Herzl: Ein auswandernder Jude lebt unter Bedingungen, in welchen er nicht fähig ist, vorauszusehen, was nach zehn Jahren der Fall sein wird, wo er grössere Unternehmungen machen werde, wenn er eine höhere soziale Stufe erklommen haben wird. Im Augenblicke seiner Einwanderung ist sein einziger Gedanke, nicht Hunger zu leiden. Ich glaube, da ist weniger Reflexion darinnen als Sie denken. Wie von einer Naturkraft, gleich einem Wasserstrom, welcher den Platz des geringsten Widerstandes zu finden sucht, wird er vorwärtsgetrieben. Mr. Norman: Die Einwanderer denken also, wenn sie in dieses Land kommen, es sei hier weniger Hunger zu leiden? Dr. Herzl: Das führt uns zur Lage der Juden in den Ghettos von Osteuropa. Sie haben mir die Ehre erwiesen, mich zu berufen, weil Sie die Wahrheit hören wollen. Es sei mir also gestattet, auch über diesen Punkt meine Ansicht auszusprechen. Wenn Sie diese Frage verstehen wollen, dürfen Sie dieselbe nicht bloss vom Standpunkte des East-End von London betrachten, sondern Sie müssen versuchen, den osteuropäischen Standpunkt einzunehmen. Und wenn ich einer Frage vorgreifen darf, die unzweifelhaft kommen wird, möchte ich mir einen Vergleich gestatten: Wenn Sie in ihrem Zimmer eine Blutlache erblicken werden, so wird gewiss Ihr erster und natürlicher Wunsch sein, das Zimmer zu reinigen. Was aber ist der Grund der Blutlache? Der Grund ist ein verwundeter Mensch. Man muss zuerst dem Verwundeten helfen und dann das Zimmer reinigen. * Mr. Norman:. Unter den Anziehungskräften, welche diese Inimigranten herbringen, den moralischen Kräften, von welchen Sie gesprochen haben, und auch den materiellen, bezeichneten Sie auch die jüdische Wohltätigkeit, einen Magnet, welcher die Juden herzieht. Dr. Herzl: Jawohl. — Es möge mir gestattet sein, hinzuzufügen, dass ich vom menschlichen Standpunkte diesen grossen jüdischen Wohltätigkeits-Anstalten in London sehr dankbar bin. Die Einwendungen« die ich mache, sind vom politischen Standpunkte. Gewiss sage ich nicht, dass es unrecht ist, einem hungerleidcnden Menschen eine Krume Brot zu geben. Mr. Noiman: Wir alle würdigen diese prachtvollen Wohltätigkeits-Anstalten; aber die Frage ist oft vor der Kommission entstanden, ob sie nicht einen verblüffenden Effekt haben, nämlich als Magnet für die Aermsten zu dienen. Dr. Herzl: Sie ersehen also die Schwierigkeit! — Die Vorwürfe gegen die ansässigen Juden würden weit grösser sein, wenn sie diese Wohltätigkeits-Anstalten nicht gegründet hätten, wenn sie ihre armen Stammesgenossen der allgemeinen Wohltätigkeit überlassen würden. Sie ersehen also die Verworrenheit. Mr. Norman: Ich diskutiere nicht über die moralischen Gesichtspunkte, sondern über die ökonomischen Wirkungen. Sie sprechen in Ihrem Berichte von einem Zustande, der bei fortschreitender Einwanderung auch in diesem Lande eintreten wird. Welchen Zustand meinen Sie? Dr. H e r z 1: Ich will nicht versuchen, den Propheten zu spielen, aber ich glaube, dass dieselben Naturkräfte hier und anderswo regieren. Wenn die Zahl der Einwanderer wächst, so> wird, glaube ich, auch in diesem Lande, wo, wie ich glücklich bin, es sagen zu können, gegenwärtig kein Antisemitismus besteht, derselbe entstehen. Ich glaube, man kann im allgemeinen konstatieren, dass England kein antisemitisches Land ist, aber ich fürchte sehr, es könnte ej eines Tages werden. Das ist aber von allgemeinem Interesse, denn der Charakter von England als ein freies Land ist nicht allein eine englische Frage, sondern eine solche von Weltinteresse. Mr. Norman: Deshalb betrachten Sie das mögliche Entstehen des Antisemitismus in diesem Lande, welchen jedermann tief beklagen würde, als eine der Gefahren der fortdauernd unbeschränkten Einwanderung? Dr. H e r z 1: Ich möchte die Frage der Beschränkung oder Nichtbeschränkung nicht beantworten. Die Beschränkung ist eine separate Frage. Ich fürchte bloss, dass die nicht abgelenkte Einwanderung einmal eine antijüdische Strömung erzeugen könnte. Mr. Norman; Das war auch mein Standpunkt. In Bezug auf Mittel hingegen ist hier, wie Sie gesehen haben werden, vorgebracht und von manchen Leuten unterstützt worden, dass die Zerstreuung der jüdischen Einwanderer und deren Verteilung von dem einen kleinen Zentrum in East London auf verschiedene Teile der vereinigten Königreiche eine mögliche und geeignete Lösung wäre. Ist das nicht auch ihre Ansicht? Dr. H e r z 1: Nein! — Ich erinnere mich aus meiner juristischen Karriere des bei uns bestehenden Verbotes der Aenderung des Wohnsitzes. Ich weiss nicht, wie Sie das bezeichnen, denn ich glaube, Sie kennen ein derartiges Verbot gar nicht. DerVorsitzende: Nein!— Das ist keine englische Idee, eher eine russische oder reaktionäre. Einem Menschen vorschreiben, wo er wohnen soll, das ist eine Art Polizeiverordnung. Wir kennen so etwas nicht. Das englische Gefühl verträgt so etwas nicht. Dr. Herzl: Ich kann nicht begreifen, wie Juden selbst so einen Vorschlag machen konnten. Mr. Norman: Verteilung, wie wir es verstanden haben, zielt einfach auf Behebung der Zusammen* pressung auf einen Ort durch Ermutigung, aber keineswegs auf dem Wege von Zwangsmitteln, zur Ansiedlung in anderen Gegenden. Dr. Herzl: Ich glaube, dass dies eine recht undurchführbare Idee ist. Ich will nicht in Details eingehen, denn ich hoffe, Sie werden es selbst einsehen» Mr, Norman: Sie sind der Ansicht, dass es bloss nach einer gewissen Zeit an vielen Orten das Uebel erzeugen wird, welches gegenwärtig hauptsächlich an einem Orte besteht. Dr. Herzl: Das ist ein Gedanke, welcher, wie ich glaube, nicht völlig durchdacht wurde von jenen, die ihn ausgehegt haben. Ein Mann, dem Sie empfehlen, sich irgendwo anzusiedeln, wird glauben, dass Sie ver^ pflichtet sind, ihn zu unterhalten. Er wird immer und immer Jhnen sagen: Sie raten mir, hier zu bleiben, Sie müssen mir die Mittel geben, um mein Leben hier zu erhalten. Mr. Norman:, Also, Sie betrachten diesen Vorschlag als sinnlos? . . Dr. H e r z 1: Ja! — Wenn das Wort für mich nicht zu hart ist. Mr. Norman: Und che Assimilation als Remedium kann, wie ich von Ihnen entnehme, weder erwartet werden, noch ist dieselbe vom jüdischen Standpunkte aus zu wünschen?