Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 28 (11.7.1902)
- Article
- Die englische Parlaments-Kommission für die Fremden-Einwanderungsfrage
- Date
- 1902-07-11
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 28 „Die # Weit" Seite 3 zu betrachten. Selbst wenn der Jude dazu bereit wäre — eine sehr weite Voraussetzung — wie kann man sich vorstellen, dass die Leute, die uns als Nachbarn nicht dulden wollen, sich mit uns als Fainilienmitglie&er verbinden würden? Und wenn ich von dem Mittel der Mischehe spreche, so basiert es auf der Voraussetzung, dass dieses Mittel sich zu einer Universalpolitik heranbilde, und nicht auf vereinzelt dastehende Fälle der Mischehe beschränkt bleibe. Bevor aber das Mittel der Mischehe probat wird, müsste der ganze Zustand der Juden anders sein, wenigstens müsste man sie in der ganzen Welt mit anderen Gefühlen ansehen, als diejenigen sind,welche heutzutage vorherrschen; und an dem Tage, an welchem die Welt den wahren Wert der Juden in so hohem Grade anerkennen würde, würde sie auch unseren Wert als eine besondere Wesenheit anerkennen und uns das Eecht geben, als ein besonderes Volk zu existieren, indem sie uns unsere rechtmässige Stelle unter den Nationen der Welt einräumen würde. Entweder würden wir Mischehen eingehen, bevor noch die Welt für uns empfangsbereit ist, und durch die Verschärfung der Gefühle gegen unseren Eintritt in nichtjüdische Kreise mir Unheil heraufbeschwören, oder wir würden es tun, wenn die Welt bereit ist, uns zu empfangen. Dann würde aber keine Veranlassung mehr dazu vorhanden sein, denn es würde damit ein Volk vernichtet werden, welches die Welt anerkennen und achten gelernt hat und zu erhalten bestrebt sein sollte. Ich habe für einen Augenblick den Gegenstand unter der Annahme diskutiert, dass unser Volk geneigt wäre, Mischehen einzugehen. An nichts aber klammert sich die grö'sste Mehrheit unseres Volkes mehr, als an die Empfindungen, welchen die Ehen unter- Hegen. Die Mischehe wird dann nicht mit Aversion angesehen — selbst von den Orthodoxen nicht — wenn die Person, welche eine Mischehe mit dem Juden oder der Jüdin eingeht, ebenfalls Jüdin oder Jude wird. Es verbleibt demnach die Lösung, welche ich in meiner Broschüre „Der Judenstaat" angedeutet habe. Natürlich möchte ich das, was ich damals schrieb, jetzt nicht in seiner Gesamtheit in denselben Worten oder in den einzelnen Punkten wieder schreiben. Damals hatte kein Kongress von Juden stattgefunden; seit der Zeit aber waren deren fünf. Damals schrieb ich ohne Kenntnis dessen, was ich seither aus Gesprächen mit Juden gelernt habe; damals schrieb ich in .keiner offiziellen Stellung. Aber das Prinzip ist aufrecht geblieben. Die Lösung der Judenfrage liegt in der Anerkennung der Juden als ein Volk, und darin, dass sie ein rechtlich anerkanntes Heim finden, wohin Juden aus denjenigen Teilen der Welt, in denen sie bedrückt sind, naturgemäss wandern würden, denn sie würden dahin als Bürger gelangen, gerade weil sie Juden sind., und nicht als Fremdlinge. Im Resultate würde dadurch der Emigrantenstrom von diesem Lande und von Amerika, wo sie eine Last werden, sobald sie zu einer merklichen Zahl heranwachsen, nach einem Lande abgelenkt werden, wo den besten Interessen dadurch gedient wäre, dass man für die grösstmögliche Anzahl Platz finden würde. Wenn den. Juden dort ihre rechtliche Position als Volk eingeräumt wird, so bin ich überzeugt, dass sie eine spezifisch jüdische Kultur, nationalen Charakter und nationale Aspirationen entwickeln werden, welche zur Hebung der Menschheit führen würden. Vielleicht kommt es mir nicht zu, die Aufmerksamkeit der Kommission auf diesen Zweig des Gegenstandes zu lenken, welcher möglicherweise ganz ausserhalb der jetzigen Enquete liegt, aber ich bin' fest überzeugt, dass das Problem, welches zu untersuchen und zu begutachten die Kommission berufen ist, nicht anders gelöst werden kann, als durch die Annahme des Prinzips, dass der Auswandererstrom, welcher in steigendem Grade von Osteuropa her weitergehen muss, abzulenken ist. Die Juden von Osteuropa können nicht dort bleiben, wo sie jetzt sind; wo sollen sie hin? Will man sie hier nicht, dann muss ein Ort gefunden werden, wohin sie emigrieren können, sonst wird das Problem geschaffen, mit dem Sie hier beschäftigt sind. Diese Probleme entstehen aber nicht, wenn eine Heimat gefunden wird, welche rechtlich als jüdisch anerkannt wird. Und ich stelle der Kommission anheim — ob sie die Lösung der Frage beeinflussen kann oder nicht — es nicht zu unterlassen, diese Lösung in Betracht zu ziehen und derselben den hohen Wert ihres Gutachtens angedeihen zu lassen. Was die Juden anbetrifft, so trage ich kein Bedenken, zu behaupten, dass die Lösung praktisch und durchführbar ist. Sie ist vor allem anderen diejenige, welche die unglücklichen Juden selbst willkommen lieissen. Diese Lösung würde ihre ernsteste Mitwirkung erhalten, weil ihr hoffnungsloses Elend die Ursache von Störungen ist, mit denen sie selbst, aber auch diese Kommission gegenwärtig zu schaffen haben. # In Ergänzung seiner Hauptaussage vor der Kommission und in Beantwortung verschiedener Fragen der Kommissionsmitglieder welche durch seine Bemerkungen hervorgerufen wurden, fügte Dr. Herzl hinzu, dass die Kraft, welche die jüd. Einwanderer in dieses Land bringt, eher moralischer als materieller Natur sei. Sie suchen hier eine Zuflucht vor den Verfolgungen, welche sie aus ihren Heimatsländern vertreiben. Männer mit Familien verlassen nicht aus freien Stücken ihr Geburtsland. Ein Engländer kann die furchtbaren Yerhältnisse nieh(- begreifen, welche in Bumänien und Galizien herrschen. Die Juden leben dort in fortwährender, erstarrender Angst, und gehen buchstäblich in Furcht um ihr Leben herum. Ihre Verfolgungen sind nicht bloss der Ausfluss des Hasses des unwissenden Volkes, in dessen Mitte sie leben, sie sind ebenso administrativ wie gesetzlich. In Kumänien ist ein Jude ausgeschlossen von den bürgerlichen Berufen und es wird ihm die Naturalisation nicht gewährt, selbst wenn seine Ahnen im Lande geboren worden sind. Der Jude wird als Fremder behandelt und kann nur durch besonderen Parlamentsakt naturalisiert werden. Von 250 000 rumänischen Juden sind nach Dr. Herzls Informationell bloss 300 naturalisiert worden. Es ist daher nur natürlich, dass sie ein Heim suchen, in einem freien Lande, wie es England ist, dessen Name ihnen mit Freiheit gleichbedeutend ist. Sie folgen der Linie des geringsten Widerstandes. Gefahr ist, dass mit der merklichen Zunahme der Fremdenbevölkerung in diesem Lande Antisemitismus entstehen würde. Und Antisemitismus würde weder für dieses Land, noch für die Juden gut sein. Lokale Mittel im East End von London werden, wie er glaubt, dem Uebel nicht abhelfen. Verteilung der Fremden in die verschiedenen Gegenden des Landes würde bloss zu einer Vervielfältigung des 'Hebels führen. Nebenbei, wenn den Fremden Hilfe zuteil werden wird, um sie *von dem überhäuften East End von London wegzuschaffen, würde es dazu führen, dass sie in der Zukunft um Unterstützung nachsuchen würden. Er glaubt aber nicht, dass Wohltätigkeit der Weg ist, um zu verwalten; obgleich unzweifelhaft an sich selbst gut, zerstört sie das Selbstvertrauen. Dann erachtet er., dass die Lösung der Frage auch nicht in Assimilation gefunden werden kann; selbst wenn die Juden gewillt wären, Mischehen einzugehen, würden es ihre christlichen Nachbarn nicht tun. Wo immer die Assimilation zu einer gewissen Ausbreitung gelangt ist, dort ist der Antisemitismus umso grösser, wie Frankreich und Spanien es bezeugen. Das einzige Mittel ist Nationalismus oder Zionismus. Das würde den Strom der Einwanderung am wirksamsten ablenken. Der Jude würde dann ein Heim haben, das ihm durch tausend historische Bande lieb und teuer ist; ein Heim, in welches