Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 28 (11.7.1902)
- Article
- Die englische Parlaments-Kommission für die Fremden-Einwanderungsfrage
- Date
- 1902-07-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315988-3322788--33369-3322881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 „Die # Welt« Nr. 28 ich nicht, dass der Versuch, die armen bedrückten Juden auszusekliessen, gelingen kann. Es wird dann erwiesen sein, dass England ein für die Einwanderung durchaus geeignetes Gebiet ist. Ich kann die Frage, welche der Kommission vorliegt, nicht als eine verhältnismässig unbcdeutendje erachten, wie z. B. die Frage, in welchem Stadtbezirke die Leute leben sollen, oder ob irgendwie eine Ueberfüllung stattfindet. Was diese Frage anbelangt, weiss ich wenig zu sagen, so weit sie den Osten Londons angeht. Alles, was ich weiss, beruht auf der Kenntnis der vor der Kommission gemachten Zeugenaussagen, und diese Aussagen überzeugten mich, dass die oben genannten Fragen des örtlichen Domizils oder der örtlichen Ueberfüllung meistenteils Vorkommnisse des Zufalles sind, dass die treibenden Kräfte mit denjenigen, welche anderwärts gegen unser Volk arbeiten, identisch sind, und welche ich „die Kräfte, welche aus Arbeitsneid, aas ererbtem Vorurteil und aus vermeintlicher Selbstverteidigung* entspringen", genannt habe. Diese Kräfte sind hier tätig, und man mag es sich noch po sehr verhehlen, der Ruf nach Beschränkung der Fremden- Einwanderimg entsteht aus der Anwesenheit einer merklichen Anzahl von Juden und aus dem Wunsche, dass diese Zahl nicht in merklicher Weise vergrössert wrerde. Sie haben hier beugen gehabt, welche Urnen die Ursachen auseinandergesetzt haben, warum Juden aus Osteuropa veranlasst sind, hierher und nach Amerika zu kommen. Gestatten Sie mir die Behauptung, dass es keinesfalls hauptsächlich materielle Annehmlichkeiten sind, welche sie hierherziehen. Grösstenteils sind es moralische Dinge, nämlich der sehnliche Wunsch, unter Verhältnisse zu kommen, welche mit menschlichen Aspirationen im Einklang, sind, der Wunsch, die Lebens- und Geistesfreiheit zu geniessen, welche der Jude in Osteuropa unter den gegenwärtigen Verhältnissen gar nicht kennt. Heber die Frage, ob die Einwanderung an und für sich für dieses Land gut ist oder nicht, steht niir kein Urteil zu. Im besten Falle bin ich ein parteiischer Zeuge. Es kann sein, dass — weil diese Einwanderer bestimmte Tugenden in merklichem Grade besitzen, wie z. B. Fleiss, Massigkeit und Sparsamkeit — sie gerade deswegen möglicherweise weniger willkommen sind, als wenn sie unverfälschte Laster besässen. So weit Osteuropa in Frage kommt, welches für die ganze Judenheit ausschlaggebend ist, weil es einen solch grossen Teil der Gesammtjudenschaft in sich fasst, wird die Lage von Tag zu Tag ärger. Ich brauche nur auf Rumänien hinzuweisen, als ein in die Augen springendes Beispiel der Methode, durch welche Juden gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen. Selbst jvachdem sie in der Armee gedient haben, bleiben sie Fremdlinge im Lande ihrer Geburt. Die Kommission wolle begreifen, dass die Juden mehr als alle anderen Völker, gewiss aber nicht minder vaterlandsliebend sind, und dieser Umstand erhöht die Tragik des Loses. Im mittelalterlichen Deutsch bedeutete das Wort „Elend'* sowohl Misere als auch Exil, und seit jeher waren diese Ausdrücke für die Judenheit gleichbedeutend. Dennoch dürfen Sie nicht annehmen, dass der Jude sich von seinem Geburtslande in dem Augenblicke losreisst, in welchem sieh die Lage für ihn ungünstig gestaltet, und dass Sie hier in England die Frage endgilt ig beantwortet haben; im Gegenteile, ich muss dieses Land dazu beglückt iinseheri, dass es eine Enquete insceniert hat zu einer Zeit, welche nach meiner TJeberzeugung fast als das Anfangsstadiwu angesehen werden wird. Die merkliche Anzahl von Juden, welche ich vorhin erwähnt habe, wird sich wahrscheinlich vergrössern, und zwar infolge der Einwanderung unter den jetzigen Umständen; denn ich bemerke, dass selbst Mr. Arnold White nicht versuchen will, die Einwanderer, welche die Opfer von Verfolgungen sind, auszuschliessen. Ich kann nicht sagen, dass ich über die Verzweiflung erstaunt bin, welche sieh schon am Anfange der Judenfrage der jüdischen Gemeinde in England bemächtigt hat. In den zahlreichen Reden, welche ich und andere mit mir Gleichgesinnte in England gehalten haben, habe ich die englischen Juden gewarnt, einem Zustande gegenüber /umvorbereitet zu bleiben, von dem sie hofften, dass er niemals entstehen würde. Was mich wundernimmt, ist die Tiefe der Verzweiflung, die Grösse der Mehtbereitschaft, welche nur die sinnlose Proposition der örtlichen Verteilung als ein Rernedium für das Uebel verschlägt, welches mit Riesenschritten über und um die englischen Juden heraufzieht, genau so, wie es anderwärts schon der Fall war. Es lässt sich in Wirklichkeit behaupten, dass diese Proposition in jenem veralteten Geiste konzipiert ist, den man „jüdische Wohltätigkeit" nennt. Die jüdische Wohltätigkeit beruht noch immer auf den Grundsätzen, welche im Mittelalter für die Verhältnisse ausreichten. Die veränderten Verhältnisse der Neuzeit sind ihr jedoch über den Kopf gewachsen. In alten Zeiten hatte die jüdische Wohltätigkeit den Zweck, denjenigen, welche von Ort zu Ort reisten, und welche durch die Verfolgung an den Bettelstab gebracht waren, hilfreich zur Seite zu stehen, und das Leitmotiv mag zum grössten Teil der Umstand gewesen sein, dass man nicht wusste, wie schnell der heutige Almosengeber zum morgigen Bettler werden dürfte. Alle Juden waren, wenn vorläufig noch nicht tatsächlich, doch voraussichtlich Brüder im Unglück. Aber zu jenen Zeiten war die Strecke, welche der wandernde Jude zu durchschreiten hatte, eine Fussreise von vielleicht bloss einigen Meilen, und folglich brauchte ihm die beanspruchte Hilfe nur für die kurze Strecke zu genügen. Heute aber sind die Kommunikationsmittel diesem wohltätigen System entwachsen, so dass die Londoner Wohlthäter beispielsweise aufkommen müssen für die Weiterschiebung von Juden, die von Russland nach Amerika emigrieren, und das alte System hat einen solchen Grad von Verwirrung erreicht, dass es sieh schon nicht mehr allein damit befassen kann, den Leuten zu helfen, sondern dass das Geld, welches den Zweck hatte, die Juden aus ihrer elenden Lage zu befreien, dazu benützt worden ist, sie in dieselbe wieder zurückzustürzen. Dies war hauptsächlich der Fall bei den rumänischen Flüchtlingen, welche nach England kamen, und deren einziger. Empfang in dem Remedium bestand: „Per Schub zurück in das Vaterland", ein Vaterland, in welches sie als Fremdlinge wieder zurückgelangen!! Das ist es, was ich gemeint habe, als ich sagte, dass das System der jüdischen Wohltätigkeit bankerott ist. Ihr wirklicher Zweck ist, Juden aus schlimmer Lage in bessere Verhältnisse zu befördern, wenn sie aber gezwungen ist, sie aus besseren Verhältnissen in eine schlimmere Lage zu bringen, so ist das ein Zeugnis, dass die Methode Fiasko gemacht hat. Dann kommt der Vorschlag der Assimilation. Diejenigen, welche sie als eine Lösung der jüdischen Frage hinstellen, meinen damit nicht eine bloss äffische Assimilation, gleichbedeutend mit einer sklavischen und oft vulgären Nachahmung. Sie meinen wahrscheinlich Assimilation auf dein Wege der Mischehe, damit der kleine Strom unserer Rasse in dem breiten Ström der Völker, unter denen sie lebt, sich verschmelzen und verlieren soll. Was die Mischehe anbetrifft, so gibt es zwei Gesichtspunkte, die Frage