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Die Welt · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Article
Die englische Parlaments-Kommission für die Fremden-Einwanderungsfrage
Date
1902-07-11
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Öle £ Welt" Nr. 28 er fliehen könnte, wenn sein Leben anderswo unerträglich geworden ist. Eine Nation ist eine Gruppe von Menschen von erkennbarem Zusammenhange gegen einen gemeinsamen Feind, und für die Juden ist dieser gemeinsame Feind der Antisemitismus. Die Frage ist aufgeworfen worden,, wie ein Jude mit zionistischen Neigungen dem Lande gegenüber«, in welchem er lebe, treu sein könne. Dr. lberzl gab nachdruckvollst seiner Ansicht Ausdruck, dass dies vereinbarlich sei, und führte als Beweis die Zahl der zionistischen jüdischen Soldaten an, welche in Südafrika fochten. Nationalismus wird den Juden ein Gefühl von Selbstzuversicht verleihen, welches bloss wohltätige Kolonisation niemals erreichen kann. Offener Brief an den Vorstand des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Posen, 30. Juni 1902. Der verehrl. Vorstand hat mich vor kurzem mit einem längeren Schreiben*) beehrt, um mich darauf aufmerksam zu machen, wie ich durch einen Zeitungsartikel, natürlich unbeabsichtigt, unsere ^Glaubensgemeinschaft" geschädigt und den Antisemiten willkommenen Anhalt für ihre Bestrebungen geliefert habe. Xachdem ich Ihre Zuschrift gelesen, dachte ich bei mir: Difficile est satiram non scribere. Dennnoch Will ich. da Sie es jedenfalls gut gemeint haben, meine Spott just unterdrücken und mich bemühen, in aller Euhe auf ihr Monitum einzugehen. .> Zuvörderst eine kurze sachliche Klarstellung! Meine Behauptung von der nervösen E ntartung der jetzt lebenden Judengeneration erklären Sie aus der Tiefe des deutschen Gemüts heraus für „sieher nnzutreifend4* , und schöpfen diese beneidenswerte Sicherheit aus der These, dass unter den jüdischen Kaufleuten relativ wenigerjGei- *) Das Schreiben an dieser Stelle zu veröffentlichen und zu besprechen, erscheint mir darum wichtig, weil an ihm sich Wert und Wesen des Z.-V. am besten demonstrieren und mancherlei in unseren Kreisen verbreitete Irrtümer klarstellen lassen. Hier folgt der Wortlaut: Sehr .geehrter Herr Doktor! In einer Zeit, in welcher so viele Gegner der Juden rastlos bemüht sind, die GhettomauernJ wieder aufzurichten, welche in einer glücklicheren Zeit niedergerissen wurden, haben wir Juden gewiss Grund, uns vor öffentlichen Aeusserungen zu hüten, welche Wasser auf die Mühlen unserer Feinde liefern und es den Antisemiten ermöglichen, ihre unberechtigten Forderungen durch den Hinweis auf angebliche jüdische Zugeständnisse den Schein einer gewissen Berechtigung zu geben. Wenn ein jüdischer Nervenarzt, lediglich um das Bedürfnis besonderer Irrenanstalten für Juden nachzuweisen, in einem jüdischen Fachblaite erklärt, „der jetztlebenden Judengeneration sei der Stempel nervöser Entartung unverkennbar aufgeprägt", ist dies eine Behauptung, die, in dieser Allgemeinheit aufgestellt, sicher unzutreffend und nur geeignet ist, die Antisemiten zu veranlassen, daraus Kapital zu schlagen. Die unbestreitbare Tatsache, dass die Zahl der geisteskranken Juden in Preussen grösser ist als die der geisteskranken Christen, sollte von jüdischer Seite nicht erwähnt werden, ohne darauf hinzuweisen, dass die Juden in ganz überwiegender Weise auf Erwerbszweige angewiesen sind, welche die Nerven besonders angreifen. Geht man nicht nach der gesamten Bevölkerungszahl, sondern z. B. nur nach der Zahl der geisteskranken Kaufleute, so dürfte sich ergeben, dass es verhältnismässig weniger irrsinnige jüdische als christliche Kaufleute gibt, und es würde sich unter steter Zuhilfenahme der Berufsstatistik schwerlich bei den Geisteskranken überhaupt ein ungünstiges Verhältnis für die Juden herausstellen. steskranke als unter den christliehen sich finden-- dürften, Waren Sie mir mit einschlägigen Daten an die Hand gegangen, so wäre ich Ihnen aufrichtig dankbar gewesen. Denn statistische Daten über die konfessionellen und über die beruflichen Verhältnisse der Geisteskranken kenne ich wohl; aber eine auf die konfessionellen und beruflichen Beziehungen zugleich eingeengte Zusammenstellung habe ich bisher nirgends gefunden. Doch ist kein Zweifel, dass das von Ihnen angezogene Moment bei der Beurteilung der Irrenstatistik nicht ohne Bedeutung ist, und ich habe mich in einiem demnächst erscheinenden grösseren Essai ausiüh/rliche>r mit diesen und ajnderen) äusseren Einflüssen auf das Anwachsen der Irrenziffer beschäftigt. Aber auch dort habe ich hervorgehoben, dass, wie im Einzelfall geistiger Erkrankung, so auch bei den Massenerkrankungen — sit venia verbo — im Vordergrund der Betrachtung und Bewertung innere Momente stehen: die nervöse Degeneration. Wenn Ihnen die von mir in jenem Artikel beigebrachten Daten nicht eindeutig genug sind, so füge ich noch hinzu, dass auch die Zahl der Kranken mit angeborenem SchAvachsinn bei den Juden bedeutend höher ist, als bei den Nichtjuden — es liegen hier einwandsfreie Statistiken aus Deutschland und Oesterreich, sowie allgemeine Angaben aus Frankreich vor — und dass alle Autoren, die sich mit dieser Materie befasst haben., das Vorwiegen der auf hereditär-degenerativer Basis erwachsenden Zustände des Nerven- und Seelenlebens hervorheben. Endlich gestatten Sie, dass ich Ihrer kühnen Hypothesenmacherei und selbstsicheren Autorität noch die Namen von Charcot, Krafft-Ebing, Erb, Wernicke, Oppenheim entgegenstelle; diese bedeutendsten Neurologen und Psychiater unserer Zeit stimmen darin überein., dass den Juden schlechthin eine ausserordentliche neuropathische Disposition zukomme. Sie sehen, dass ich mit der von Ihnen gerügten Be- Sie, geehrter Herr Doktor, haben durch Ihren in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Mai d. JJ veröffentlichten Artikel „Eine öffentliche Irrenanstalt für Juden", natürlich unbeabsichtigt, den Antisemiten einen dankbaren Stoff geliefert. Die «Deutsche Zeitung" in Wien hat am 1. Juni d. J. den Satz „Die jahrhundertelange physische Depravation ff." abgedruckt und daran folgende Bemerkung geknüpft: „Oder anders ausgedrückt: 27e°/.der Geisteskranken Preussens waren Juden, während der Perzentsatz entsprechend demjenigen in der Gesamtbevölkerung 17»7o hätte sein sollen. Wir haben dem Bedürfnis nach Irrenanstalten für verrückte Juden oder sogar für solche die es nur vor dem Strafgesetze wohlweislich sein wollen, nichts entgegenzuhalten; für die in wahrem Sinne „gesunden Juden" halten wir aber das Ghetto für durchaus nicht depravierend. Woher denn? Probieren wir's übrigens einmal, ob sie dadurch schlechter werden!" Es^versteht sich von selbst, dass wir Juden das, was wir für jüdisch© Verhältnisse nötig finden, unbekümmert um antisemitische Angriffe ins Werk setzen; aber jedenfalls scheint es uns dringend nötig, dabei einzelne Sonderbestrebungen nicht derartig zu motivieren, dass von christlicher Seite Schlüsse gezogen werden können, welche das antisemitische Ziel der Absonderung der Juden rechtfertigen Von dieser unserer Auffassung Ihnen Kenntnis zu geben, haben wir für unsere Pflicht gehalten, weil Ihnen dadurch die Kenntnis von jener gewiss unbeabsichtigten Wirkung Ihrer Publikation vermittelt wird. Hochachtungsvoll Der Vorstand. I. A. Alphons Levy General-Sekretär.

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