Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Article
- Eine Kommanditgesellschaft zur Errichtung jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen
- Date
- 1902-07-04
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die j& Welt" Nr. 27 bei näherer Untersuchung müssen wir konstatieren, dass — die Spekulation ausgenommen — fast niemals andere Ursachen normaler wirtschaftlicher Erfolge nachweisbar sind. Das Komitee in Wien wird genaue Pläne und gewissenhafte Kalkulationen der unmittelbar geplanten Wohlf ahrtseinrichtungen für die Unterhandlungen mit den Interessenten vorbereiten, so dass dieselben auch ziffernmässig die voraussichtliche Rentabilitätsquote zu beurteilen in der Lage sein werden. Von Fachleuten wird die Form der Kommanditgesellschaft für die Sammlung eines unpersönlichen Kapitals als die empfehlenswerteste bezeichnet, weil hierbei weder die Zahl der Teilnehmer, noch die Höhe der einzelnen Einlagen vorgeschrieben ist. Jeder Teilnehmer partizipiert, der Grösse seines Anteiles entsprechend, an dem Erträgnisse des Unternehmens, und kann auf Grund eines gemeinsamen ücbereinkommens auch an der Leitung, Verwaltung und Kontrolle teilnehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sieh genügendes Kapital zur Verfügung stellt, könnte noch vermehrt werden, wenn es gelänge, den grossen Geschäftsleuten, Haus- und Fabriksbesitzern, die wohl über Kredit und unbewegliches Vermögen verfügen, ihrem Besitzstande aber grössere Beträge nicht entziehen können, die Teilnahme an der Gesellschaftsbildung zu ermöglichen. Dies ginge vielleicht in der Form, dass die Kolonialbank solchen Interessenten das notwendige Geld gegen deren Akzepte unter Mithaftung der Gesellschaft vorstreckt, wodurch erstens dem Zwecke gedient würde, dass die freien Mittel der Kolonialbank eine ruhige und sichere Anlage fänden, zweitens einer Eeihe von Männern die Möglichkeit geboten wäre, an dem grossen Wohlfahrtsunternehmen mitzuarbeiten, ohne übermenschliche Opfer zu bringen. Das Arbeitsgebiet der Gesellschaft ist gross genug, um alle jene zur Mitarbeit zu reizen, denen es um die wirtschaftliche Hebung der Juden ernst ist; die Notwendigheit der Gesellschaftsgründung braucht wohl nicht weiter betont zu werden, die Ausführbarkeit der Idee ist zweifellos, dafür bürgen zahlreiche Analogien bei anderen Nationalitäten. Die Initiative, die Handwerker und Baumeister der Institution, das Menschen- und Tatsachenmaterial ist vorhanden; wird nun der gesunde Egoismus und der humane Geist unsere Kapitalisten zur Arbeit veranlassen? Werden sie endlich zur Erkenntnis kommen, dass es für sie ehrenvoller ist, Brücken zu uns zu suchen, als uns bei unseren beste?i und humansten Bestrebungen im Stiche zu lassen? * Die erste grosse Institution, an deren Schaffung die Gesellschaft zu schreiten berufen sein wird, ist das Jüdische Volksheim! Es herrscht namentlich in grossen Städten ein tiefes Bedürfnis nach einer Zentralstelle jüdischen Lebens; örtliche und zeitliche Zersplitterung erschwert die Gelegenheiten der gemeinsamen Aussprache, trägt zur Zerfahrenheit und Schwächung der Volksmasse bei und macht eine Disziplinierung derselben fast unmöglich. Deshalb sind auch die Wirkungen aller kulturellen und wirtschaftlichen Hebungsversuehe so verschwindende; es fehlt an einem Sammelpunkte, wo die Ernsten und Ehrlichen aller Klassen Berührungspunkte finden könnten. Die Vereine, die ähnliche]! Bedürfnissen ihre Entstehung verdanken, gehen meist daran zugrunde, dass ihr Wirkungskreis ein beschränkter ist, weil in einem abgesonderten Vereine die Grenzen der geistigen und materiellen Mittel bald erreicht sind und neue Kräfte wegen der Dezentralisation nur ganz spärlich zuf Hessen. Deshalb wird der Ruf nach einem Vereinsheim' immer dringender; es gibt keine jüdische Korporation, die die Errichtung eines solchen Heimes nicht freudig begrüssen und tatkräftig unterstützen würde. . Die materielle Basis ist bereits gegeben. Die zahlreichen jüdischen Körperschaften und Vereine bestehen und zahlen seit Jahren ihrer Grösse entsprechende Mietzinse; seit langem wird die Idee der Gründung eines Vereinsheimes beraten und für dieselbe in allen Kreisen agitiert. Der Boden ist also vorbereitet, und die zu gründende Gesellschaft wird eine dankenswerte und rationelle Aufgabe leisten, wenn sie — sei es durch Adaptierung eines günstig gelegenen Hauses — sei es durch den Neubau eines solchen — diese so wichtige Basis für das Volksheim schaffen würde. Zunächst wäre damit die Möglichkeit gegeben, eine Anzahl von kleinen Wohnräumen "an Studenten und Angestellte zu massigen Preisen zu, vermieten. Wer grossstädtische Wohnungsverhältnasse kennt, weiss, dass die Aermsten hier die Ausgeb enteisten sind, dass die mangelhaft, oft unglaublich schlecht wohnenden Afterparteien, und das sind ja meistens Studenten und Angestellte, nicht selten den Mietzins für die ganze Wohnung zu bestreiten haben. Eine Gesellschaft, die, unbeschadet dessen, dass sie eine reelle Verzinsung und Amortisation des investierten Kapitals anstrebt, einen ausgesprochen humanen Charakter haben soll, wird zu denselben, wenn nicht zu günstigeren Bedingungen, gesunde, freundliche Wohnstätten' zu vergeben in der Lage sein, was für die wenigen, die bei einem bescheidenen Anfange davon Gebrauch werden machen können, eine grosse Wohltat bedeuten wird. Es liesse sich diese Idee leicht weiter ausführen. Die Gründung einer allgemein zugänglichen jüdischen Bibliothek ginge mit der Errichtung des Vereinsheimes und der Wolmstätten Hand in Hand, ein grosser gemeinsamer Vortrags- und Versammlungssaal wäre eine selbstverständliche Mitschaffung, die das Ende einer grossen Kalamität im Vereinsleben bedeutete. Zum Volksheim aber würde die Institution erst durch die Errichtung der schon so lange geplanten und namentlich von so vielen jüdischen Studenten sehnlichst herbeigewünschten jüdischen Mensa resp. Volksküche. Die Gründe, die diese Wohlfahrtseinriehtung als eine dringend notwendige erscheinen lassen, sind ebenso zahlreich als bekannt; einerseits die Gewohnheit, andererseits die Religiosität oder Pietät gegen fromme Eltern lässt die in der. Fremde weilenden Studenten und Angestellten nach jüdischer Kost verlangen; das Bedürfnis, anstatt mit Feinden und Spöttern, mit Gesinnungs- und Stammesgenossen an einem Tische zu sitzen, verstärkt den Wunsch nach einer jüdischen Mensa. Auch hier gilt dasselbe, was von den Wohnungen gesagt wurde. So sehr es auch wahrscheinlich ist, dass dieses Unternehmen den entsprechenden notwendigen Gewinn abwerfen wird, die geschäftliche Seite wird nur so weit im Auge behalten werden müssen, als es im Interesse des Ausbaues, der Verbesserung gelegen ist, die humanen Gesichtspunkte aber werden stets die leitenden sein. Im Anschlüsse an die genannten Institutionen Hessen sich eine Eeihe ausgezeichneter Einrichtungen und Wohlfahrtsideen verwirklichen, die ohne diese materielle Basis undurchführbar wären. So z. B. Hessen sich die so häufig angeregten Koch-, Nah- und Dienstbotenschulen mit der Volksküche verbinden, die Errichtung von Arbeitshallen, die den Handwerkern die grössten Vorteile bieten würden, wäre möglich; entsprechende Räume könnten dazu Ver-. wendung finden, Kindern,, deren Eltern tagsüber ausser Hause beschäftigt sind, für diese Stunden ein Heim zu bieten, wobei die wohlhabenden jungen Damen nützliche Betätigung finden würden. Die tausendfältigen Beziehungen, die sich aus dem Verkehre in einem solchen Volksheime ergeben, müssten