Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Article
- Eine Kommanditgesellschaft zur Errichtung jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen
- Date
- 1902-07-04
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Törkensfirasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscrfpte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction täglich von VJ2—1/J Uhr. Preise der Anzeigen: laut aufliegendem. Tarif. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. p Oesterreich-Ungarn*: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.t-, vierteljährig Kr. 3.—. Für das ■ Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1J5, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 27. Wien, 4. Juli 1902. 6. Jahrgang Eine Kommanditgesellschaft zur Errichtung jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen. Von Alfred Weissberg er. Einer Anregung des Bielitzer Parteitages zufolge bildete sich in Wien ein vorbereitendes Komitee zur Errichtung dieser Gesellschaft. Damit hätten wir wieder eine Etappe erreicht, wo aus Versuchen und Anfängen, aus Ideen und Anregungen ernste Arbeit wird; jüdischer Geist und .jüdisches Kapital soll honzentriert werden,, die wirtschaftliche und kulturelle Hebung unserer Paupers zu fördern; diese Konzentration soll es ermöglichen, Institutionen zu schaffen, die den Charakter grossangelegter Hilfsaktionen haben und trotzdem nicht auf dem Prinzipe des einseitigen Gebens oder Empfengens begründetsind, sondern den Forderungen entsprechend Leistungen gegenüberstellen, womit Geber und Empfänger in ein würdigeres Verhältnis kommen. Bei den Nationalhäusern der Deutschen und Tschechen, den Instituten der englischen Gewerkschaft, den Studentenheimen und Arbeitshäusern in Brüssel, Paris etc. finden wir unsere Anschauungen ganz oder teilweise verwirklicht und die Elemente unseres Strebens zu Tatsachen erhoben. Diese Elemente finden aber bei uns noch eine Ergänzung durch die abnormale Komplikation und Stärke des ökonomischen. Bedürfnisses, dass auf allen Gebieten Ansätze von Selbsthilfe gezeitigt hat, deren erfolgreiche Entwicklung bei einiger Unterstützung wahrscheinlich ist. So versuchte man die Gründung von Handwerkerschulen, von Dienstboten-, Koch- und Nähschulen, errichtete Volksküchen und Freitischvereine, all das mit den grössten materiellen und persönlichen Opfern und mit meist ganz geringem, vorübergehendem Erfolge. Durch das Ineinandergreifen, Verbinden und Gemeinsamarbeiten der genannten Institutionen ist es möglich, die Regiekosten derselben auf ein Minimum zu reduzieren, und die Vorteile und Vorzüge der einen auch den andern nutzbar zu machen. Vorhandene Räumlichkeiten könnten verschiedenen Zwecken dienen, die persönliche Betätigung einzelner opferwilliger und tüchtiger Menschen fände, ein reiches und lohnendes Arbeitsfeld, ohne eine Zersplitterung und nutzlose Ausbeutung der besten Kräfte nötig zu machen. Eine systematische'Wohltätigkeit, die sich nicht im Nur-Almosengeben erschöpft, würde die Volkskraft und die Volksmoral nicht lähmen, sondern die soziale und ethische Gesundung der Judenmassen fördern. Deshalb ist eine Konzentration der zahlreichen Wohlfahrtseinrichlungen und -Bestrebungen für uns Juden dringend notwendig geworden. In allen grossen Städten, namentlich bei allen unterdrückten Nationen, finden wir bedeutende Kapitalsvereinigungen zur Errichtung von Krankenhäusern, Asylen, Heimstätten, zur Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten etc., bei allen Nationen wissen die Reichen, dass das Ansehen und die Achtung ihres Besitztumes davon abhängt, wie viel sie zur Hebung des Volkswohles und zur Steuerung der Volksnot beigetragen haben; auch in unseren Reihen wird man sich auf die Dauer dieser Erkenntnis nicht verschliessen können, umsomehr, als die Opfer, welche die jetzt gebräuchliche Wohltätigkeit von jedem einzelnen wohlhabenden Juden fordert, gewiss bedeutend grösser sind, als dies bei einer etwas geregelteren und zentralisierten Wohltätigkeit der Fall wäre. Die Gesellschaft wird sich nach und nach mit dem ganzen Komplex der in das Gebiet der Armenpflege und sozialen Wohlfahrt gehörigen Fragen befafesen müssen, allerdings wird sie hierbei das bisher übliche System ändern, indem sie das Almosengeben in ein Gewaliren von Darlehen, in ein Verschaffen von Arbeitsgelegenheit, in eine Vermehrung der im Existenzkämpfe notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten verwandeln wird; damit werden lebendige Werte produziert, die es ermöglichen, dass das aufgewendete Kapital allmählich wieder amortisiert und verzinst wird, dass die Gesellschaft, welche ganz bedeutende Mittel zur Verfügung haben muss, auf kaufmännischer Basis gegründet wird. Dies soll nicht missverstanden oder missdeutet werden. Das selbstverständliche ethische Prinzip, dass aus der Zwangslage Bedürftiger kein Profit geschlagen werden darf, wird stets ein unantastbarer Grundsatz unserer Moral bleiben. Der Gewinn der Gesellschaft soll — wie bereits angedeutet — in einer rationellen Raumverwendung, einer geschickten Arbeitsteilung nnd der Verwertung brachliegender Arbeitskräfte begründet sein. So unbedeutend diese Mittel zur Fruktif iziexung von Kapitalien auch erscheinen mögen,