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Die Welt · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Article
Weiteres über die Jargonliteratur
Date
1902-06-27
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 „Die $ Welt?* Seite 7 fühle . . . Und daran liegt es, dass es in einer Sprache auf den Uranfang ankommt, nicht auf das, was nachher damit passiert. Saget tausendmal, die Volkssprache kommt in erster Beihe, ich verstehe es logisch ganz gut, dass das reale Leben richtig wiedergegeben werden kann nur in der Form, in welcher es sich abspielt, in der Sprache, die es spricht. Es ist aber dem doch nicht so, im inneren Grunde stimmt es nicht. Der Jargon vermag nicht dort sesshaft zu werden, wo die Uranfänge des Lebens, die ersten Geberden der Seele in einer anderen Art zur Auslösung gekommen sind. Es thut ja auch nichts, wenn man das Hebräische nicht mehr weiss, es ist in einem da . . . Der Jargon verläuft sich schnell in eine andere Sprache, geschweige denn ins Deutsche, wenn man darin aufgeht, das Hebräische taucht aber nicht unter, und wenn man jahrelang sich damit nicht beschäftigt, wächst es doch gewaltig in uns aus, weil es eine Macht für sich ist, die ohne unser Hinzuthun sich fortwebt und gedeiht. Dabei will ich wieder nicht verhehlen, dass in einem Sinne der Jargon den Vorzug hat, weil in ahm nicht so v-iel wie im Hebräischen sich schwindeln lässt . . . Zwerge brauchen sich nur auf die Schultern des Kiesen zu stellen, um sieh gross zu fühlen. Gerade, weil die hebräische Sprache eine so grosse Tradition hat, brauchen die Leute sich nur der schönen, gegebenen Worte zu bedienen, um zu meinen, dass sie es selbst thun . . . Dieses ist mir bis in die Seele zuwider, und lieber möchte ich das einfache Volkswort von gestern hören, als das Wort eines Jesaias, vom Munde eines, der es mit der blossen Feder aufgeschnappt hat. Vielleicht wäre es hier am Platze, gelegentlich aufmerksam zu machen, wie der Jargon, die Thatsache seines Bestehens, auf eine merkwürdige Erscheinung hinweist, wie weit sich ein Volk fremde Cultur zu eigen machen kann. J edenfalls reicht doch diese fremde Sprache dem Volke aus, und es spricht in ihr, als sei sie die semige. Dass der Jargon bei uns „j ü d i s c Ii" heisst, dass die meisten in ihrer frommen ^aivetät glauben, dass Moses, Abrabaham und alle Väter jüdisch gesprochen haben, lässt doch tief blicken. Wie weit diese Sprache in uns gedrungen ist, lässt auch schon das bekunden, dass wir alle der germanischen Cultur viel näherstehen, als der slavischen und romanischen, dass die Juden in der deutschen Sprache viel mehr geleistet haben, als in irgend einer anderen. Dies soll das vorige, ich meine, meine vorigen Einwände gegen den Jargon, nicht aufheben. Die Thatsache verdient jedoch, dass man auf sie hinweisen soll. Und umsoinehr, da ein grosser Theil der Volkssagen, jener anonymen Geschichten von Gespenstern und Heiligen, von Königstöchtern und Bösen, die ein schlechtes Ende haben, Geschichten, die von Mund, zu Mund gehen, von Geschlecht zu Geschlecht, zum grossen Theil im Jargon erzeugt worden sind. Alle diese Geschichten primitivster Art, meist verkannt und unbeachtet, sind wie von einer unsichtbaren Macht geschaffen und erstrecken sich über alle Wunder des Lebens. Alles ist von einer wohlthuenden Frömmigkeit Übergossen, von einem ehrlichen Glauben an alles Gute und Schöne, an die Gerechtigkeit und an die Gerechten. Solche Sachen kann man immer lesen, ohne zu fragen, was ist Kunst, was bedeutet Dichtung. Und wenn ich wieder an die neuen Erzeugnisse der Jargon- Literatur denke, so fühle ich doch eine Bedrückung. Es ist hier, wie in dem Neuhebräischen, ein völliger Mangel an Religion und an Ehrfurcht für die Mächte, die in unser Leben tagtäglich eingreifen. Wer denkt bei uns, P e r e z und P i n s k i ausgenommen, an die menschliche Gerechtigkeit? Und diese ist nicht nur social zu nehmen, wie die obigen es thun, die Versündigung vom Menschen an seinem Nächsten, an seinem Stande und an seiner Lage, sondern alles, was geschieht vom Morgen bis zum Abend, das Leben in seinem ganzen Umfange muss liier aufgenommen werden. Und das ist es; die Jargonliteratur ist, wie die neuhebräische, mehr Gemachtes, nur Literatur . . . Die Mächte des Lebens, die im dunklen Kämmerlein einer armen Frau beim Federlösen innewohnen, das Blut der Gläubigen, der Herzschlag aller jenen, die auf dem Markte mit Leib und Seele wie ausgeliefert stehen, als ob es keine Rettung mehr gäbe, ist hier nicht eingedrungen. Die Leute haben das Wort und wissen nichts vom Wort . . . Das ist es, was ich gesagt habe, es fehlt bei uns an Rückgrat und an wahrem Halt. Das einfache Volk, jene blinden Leser, denen man vorwirft, sie zögen alle wilden Geschichten den Erzeugnissen der edlen Literatur vor, haben schon ihren richtigen Instinet dabei: sie finden in jenem Chaos wenigstens etwas vom Lebensgrauen, sie finden dort das, was sie selbst bewegt. Unser Volk ist brutal, wild und ausschweifend in seinen Wünschen. Es hasst von jeher das Pharisäerthum in jeglicher Art und liebt das nackte, zügellose Leben. Es braucht ein Himmelreich, wo die Königstöchter herumspazieren und der Satan recht behaglich seine Spässe treibt. Und es will auf eigenen Füssen von der Frömmigkeit wissen, dann lässt es die Posaunen des Gerichtes erschallen und den Messias in all seiner Pracht kommen. Dann regnet es von Gold und Silber und von Edelsteinen, die Völker kommen und haben ihren schweren Dienst . . . Was aber bei uns in neuem Gewände geboten wird, ist, vom wenigen Guten abgesehen, lauter Ziererei, blutlose Schöpfung, Erzeugnis eines dürren Geschlechtes. Wenn in an an eine Sache eine Weile streift, kommt noch manches in den Sinn. So gibt es zu bedenken, dass der Dualismus im sprachlichen Wesen bei uns schon seit dem politischen Untergang und noch viel früher seinen Anfang hat. Die Sprache der Bibel macht schon in diesem Zeitalter selbst einem Dialcct Platz. Die Mischna hat noch einigermassen einen hebräischen Bau, wogegen der Talmud einer ganz anderen Sprache, mehr dem Alltag angepasst, sich bedient. Von allen Seiten drangen die Sprachen der Gegenwart auf unsere Vorfahren, die sie tlieils gänzlich hinübergezogen oder sich ihnen angepasst haben. Diese alle waren dem Wechsel der Geschichte unterworfen, da kommt der Jargon und wird bestehend: er zieht mit, er lebt mit; er geht einerseits in Fleisch und Blut über, so dass die Leute ihn für die Sprache der Väter halten, andererseits wird er noch immer mit dem Worte „profan" bezeichnet und gilt als eine Sprache für die Wochentage; am Sabbath legt man sich die heilige Sprache zu, wie man sich den Sabbathrock zulegt. Das ist doch merkwürdig. Und siehe da, in denselben Häusern, wo die Männerwelt sieh am Sabbath an der heiligen Sprache erbaute und froh war, die Sprache der Woche unter dem Tische zu lassen, holten sie die E r a u e n hervor und gössen in sie das Licht ihrer Herzen. Aus diesen Wünschen entstand das Jargonscliriftthum und entfaltete sich über Seele und Leib. Die wahre Frömmigkeit dieser Wesen, welche einen persönlichen Gott brauchten, mit dem man sprechen kann von Herz zu Herz, schuf jene tausende von „Gebeten", die zwar von der Gesetzgebung nicht genehmigt worden sind, dafür aber für einen Groschen zu haben sind und jedem so angepasst sind, wie die Mutter dem Kinde: „Ich danke dir, du lieber, guter Gott, dass du von deinen Herrlichkeiten eine Weile zu mir dich wendest. Mein Mann ist -schwach und steckt in Sorgen, die Kinder, sollen leben, brauchen Brot und Kleidchen. Was soll ich arme, sündige Person machen, wenn nicht du mich schützest. Fürwahr, man vergisst sieh manchesmal, und mau ist nicht, wie du wünschst, und wie du es geboten hast. Du bist aber gut und verzeihlich und du kennst mein Herz . . .£i So beteten unsere Mütter in einer Sprache, die mit ihnen du auf du war. Und wenn die Männer in ihren bläulichen Kitteln die alten, unverständlichen Bücher hervorholten und in sie hineinsahen, machten sieh die Ehehälften vertraiumgsvoll an ihre anschaulichen Bücher: „Tretet hinaus

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