Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 26 (27.6.1902)
- Article
- Weiteres über die Jargonliteratur
- Date
- 1902-06-27
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die j£ W«It^ Nr. 26 ausgieng, da er als Denker und Lehrer einer Zeit gehört, deren Absterben er wohl nicht einmal weiss, oder vielleicht sehr gut weiss. Es berührt tief und beängstigt, zuzu- sehen, wie dieser Mensch, der zuerst am Hebräischen verzweifelte, Schutz und Schaffen in der Volkssprache suchte, jetzt eifrig bemüht ist, allein und mit Hilfe anderer seine ewigen Schätze wieder ins Hebräische zu übertragen, sich vielleicht dort zu sichern . . . Solche Sorgen sind die schrecklichsten, die einem Dichter zutheü werden können. AVenn man in Vergessenheit geräth, muss man sieh eben ergeben; aber wehe, wenn man bei lebendigem Leibe in eine Sprache vergraben wird, zu deren Thoren die Schlüssel vielleicht verloren gehen. — Ich kehre zum Thema zurück. Leider nichts Erfreuliches. Der Enkel des grossen Meisters, Schalom Alcchem, der eigentliche Schriftsteller der Jargonliteratur, der Schöpfer des neuen Romans, hat sie nicht fortgesetzt. Der Lyriker in ihm wird zum Spötter, und der Spötter verliert zuweilen den Boden der reinen Kunst. Es gibt keine grössere Gefahr für einen Dichter, als wenn er sich beim Schaffen unter eine Zuhörerschaft zu versetzen glaubt und die dankbare Freude daran hat, zu sehen, wie alle seine derben Spässe treffen ... Es gibt aber freilich höhere Mächte im Leben; man braucht nur „Stempeln" und „Jossele Solowei" zu lesen. Auch sein Nebenbuhler M o r d'c Ii a i S p e k t o r ist uns etwas entrückt, das Melodische in seiner Dichtung hat sich verflüchtigt, seine Farben sind gröber geworden und sein ehrliches Streben versagt-. Uebrigens, mein Urtheil beruht auf Flüchtigem, und es wird mir eine grosse Freude bereiten, wenn reife und grössere Werke mir die beiden wieder in vollem Lichte erscheinen lassen werden. David Pinski hat alle meine Erwartungen überstiegen. Ich habe von ihm ein sociales Drama gelesen, das ich nicht vergessen werde; die kleinen Erzählungen, die mir zu Gesicht gekommen sind, zeigen grosse Keife und starke dramatische Kraft. Er ist aber nicht mehr bei uns, und was in Amerika geschieht, lässt sich nicht gut übersehen. Dafür sind uns in diesem Jahre die Gesammtschriften seines ehemaligen Freundes J. L. P e r e z geschenkt worden. Sie enthalten Altes und Neues, und viele Sachen, an denen man seine Freude hat. TJeber das Allerschönste, was mir den grossten Eindruck gegeben hatte, ich meine seine Erzählungen aus dem Reiche des Chassidismus, habe ich mich in einem hebräischen Jahrbuch, das vor kurzem, erschien, viel ausgelassen und möchte mich hier nicht wiederholen. Ich bin auch von der Persönlichkeit des Dichters, den ich auf meiner Reise nach meiner Heimat kennen gelernt hatte, zu sehr bestochen, um ihm hie und da etwas nachsagen zu können. Ich ärgere mich aber, dass er nicht minder, wie viele von uns, auf das Moderne einzig und allein schwört und es als Dichter nicht einsieht, dass es auf das Gewand, in das wir uns hüllen, nicht viel ankommt. Kunst ist eben das Unzeitliche und Unvergängliche. Das alte, echte Lied in jeder Form, in der es gegossen ist, bleibt immer neu und frisch, wie die Sonne, wie das Leben. Es soll mir nicht geschenkt sein, dass ich bei der ersten Aufzählung einen gediegenen Dichter übergangen habe. Ich meine den Erzähler Jakob Dienesohn, eine der sympathischsten Persönlichkeiten, die ich je gesehen habe. Das Leben dieser beiden Männer ist seit Jahren eng verknüpft und bildet eine Freundschaft, an die man, als an eine Thatsache, dass so etwas bei uns überhaupt möglich ist, in den schweren Stunden der völligen Vereinsamung gerne denkt. Als Zuwachs, der Aufmerksamkeit verdient, will ich Schalom Asch erwähnen, einen viel versprechenden jungen Novellisten, der aber durch seine eigene Freude an den schönen Dingen, die er macht, in eine Maniriertheit verfällt, die wieder unser ganzes Zutrauen zu ihm nimmt. Viel mehr von ernster Begabung scheint mir sein College Ch. D. Nomberg zu sein. Ich stand ihm vom Anfang, seiner masslosen, schwärmerischen Dichtungen wegen, sehr kalt und ablehnend gegenüber, kam aber nach und nach durch andere Sachen, die ich von ihm las, darauf, dass er ein Mensch ist, der ins Leben schaut. In seiner Erzählung „Der Rabbiner und sein Sohn" sehen wir nicht mehr zwei feindliehe Welten, die sich gegenüberstehen, sondern Mächte, Lebensmächte, die sogar ineinander übergehen . . . Der Gedanke, der lebendige, religiöse Gedanke im Gehirn des Vaters schleicht sich ins Herz des Sohnes und wird dort zum Liede verwandelt; dies wird sichtbar, der Erzeuger erkennt es nicht, er erschrickt, sein ganzes Sein fröstelt, und doch schimmert in diesem Neinsagen ein Ja. Ich kann mir nicht helfen, ich finde dies geradezu grossartig, und ich wundere mich, wie so etwas bei uns ganz, ohne Eindruck vorübergegangen ist. Morris Rosenfeld, der Viel gerühmte, wäre wohl als der aüsgeprägteste in diesem neuen Dichterbund zu nennen; aber mein Urtheil in lyrischer Poesie ist nicht so sicher, Wie in epischer. Ich kann nur sagen, dass der Rhythmus einiger seiner Lieder mich so berührt hat, als ob ein brausender Wind in ahnen wehte. So etwas Starkes habe ich nie bei'F r u g gelesen, geschweige denn bei Frischmann. Frischmann aber, wie ein anderer hebräischer Schriftsteller, Bar-Kozin (Rawnizki), haben im Jargon ausgezeichnete Kritiken geschrieben, wie es keiner zuvor und hernach gethan hat. Merkwürdig, derselbe Frischmann hat in seinen hebräischen Kritiken nicht dieselbe Höhe erreicht, wie im Jargon, geschweige denn Rawnizki, der im Jargon als lebendiger, vielsagender Mensch vor uns auftritt und im Hebräischen geradezu plump und spröde wirkt. Seht ihr, das vermag die Sprache. Ich muss hier etwas Aehnliches gestehen. Von allen Arbeiten Sokolows ist mir am stärksten im Gedächtnis geblieben, was er im Jargon über den Weisen Nachman Krochmal geschrieben hat. Wer diese vortreffliche und lebendige Abhandlung gelesen hat, wird es mir nachfühlen. Wenn man mich fragen sollte, was ich über die Jargonliteratur denke, so könnte ich es schwerlich sagen. Das Ganze gibt keine Freude und keine grosse Hoffnung. Man sieht nur Einzelnes, aber keine Leute, die z u s a m - m e n g e h e n und zusammen etwas wollen. Es fehlt eben diesem Schriftthum,ungleich dem hebräischen,an Rückgrat, an einem einzigen leitenden und befruchtenden Gedanken und an derMögMchkeit, von einer starken Persönlichkeit sich zusammenhalten zu lassen. Es liegt zum Theil im Unsegen, der auf uns ruht, alles Leben im Keime zu ersticken, zum Theil im Mangel an äusserem Raum. Das einzige Organ für den Jargon (ich spreche nicht von Amerika), „Der Jude", wird zwar von einem ehrlichen Mann geleitet, der aber nicht mehr ist; und dann steht das Ganze unter der Zwangsjacke des „Aehiasaf", wo von einem starken Ausleben gar nicht die Rede sein kann. Beim gewaltigen Reiehthum, den unser Leben bietet, beim Tragischen auf Schritt und Tritt, wohin man sich nur wendet, schämt man sich, überall aufzuschlagen und nichts von dem zu finden, was in den Adern juckt. Wo ist der grosse Sehmerz gestaltet? Wo ist von dem zu vernehmen, was wir Tag aus, Tag ein an unserem ganzen Sein erleben? Und wenn der Wind sich erhebt., die Jahrtausende aufsteigen, alles, alles, was wir erlebt haben, uns ins Gesicht peitscht und unsere Sehnsucht zermalmt, wer nimmt sich die Mühe, dies zu verzeichnen? Wer hat Ohren dafür? Ich sehe bei keinem Dichter, ausser bei Pere z, die wirkliche Lebensnoth vor Augen geführt. Und ich muss gestehen, dass ich bei alledem in denselben Sachen von ihm, in der hebräischen. Tonfarbe, mich heimischer