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Die Welt · 1902-06-20 · 25 (20.6.1902) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
25 (20.6.1902)
Article
Das jüdische Paradoxon
Date
1902-06-20
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die #;Welt" Nr.- 25 ' stolz sind "wie der ärmste ausgewiesene russische Jude. Aber ein grosser Theil reicher englischer Juden — und sie sind noch im Wachsen begriffen. — entspricht vollkommen meiner Beschreibung, und mir scheint dies wahrhaftig ein trauriges Ende eines edlen Kampfes, ein kraftloses, unnöthiges Aufgeben einer grossen Sache, die mit fast unglaublichem Heldenmuthe vertheidigt worden ist. Ich bin Christ, und meine Phantasie ist schon lange zum Schreiben angefeuert worden durch die wunderbare Geschichte dieses Volkes. Ich empfinde grosse Sympathie und Bewunderung für die ausgezeichneten Kasseneigenschaften des Juden, und nichts liegt mir ferner, als unwissendes Yorurtheil oder lächerliche Gönnerschaft. Als aufrichtiger Bewunderer alles Grossen bin ich betrübt über die Entartung, nicht derjenigen, die sich an der christlichen Welt gerächt haben für die bittere Verfolgung — der Wucherer und ihresgleichen — sondern jener Eeiehen, die ohne zwingenden Grund den Christen in erbärmlicher Weise ihre Huldigung darbringen. Manch glänzendere Feder als meine hat über die grossen Männer, die Dichter, Musiker, Staatsmänner, Philosophen geschrieben, die die jüdische Hasse in allen Zeiten und Ländern der Menschheit geschenkt hat, ich will nur ein paar Worte über das jüdische Volk im allgemeinen, über seine Geschichte und seine Beschaffenheit sagen. Das jüdische Volk ist doch wahrhaftig so bewundernswert wie die Griechen. Diese erreichten in einem flüchtigen Augenblicke der Weltgeschichte den höchsten Gipfel abstracten Denkens, ihre Poesie, ihre Sculpturen sind von unvergänglicher Vollkommenheit — ein zweiter Augenblick in der Weltgeschichte, und ihr Genius war erloschen. Die Juden dagegen haben in zwei tausend jährigem Drucke das Ideal ihres Glaubens und ihres Familienlebens bewahrt und sind dieselben geblieben —unbezwingbar. Mir, der ich die griechische Poesie als einen Theil meiner Erbschaft betrachte, während ich die Juden als Aussenstehender beurtheile, mir erscheint das moralische Wunder ungleich grösser als das geistige. Es ist leichter, den Geist anzuregen und zu pflegen, als die Moral einzuimpfen und aufrecht zu erhalten. Der menschliche Geist hat in diesem und jenem Zeitalter, in diesem und jenem Lande auserlesene Blüten gezeitigt. Aber eine Nation, die in Armut und Entbehrung über die ganze Erde wandert, keinen Zollbreit von ihren alten Gewohnheiten abweicht, für sich lebt, sich unverändert fortpflanzt, heiter, gutmüthig,, freundlich und klug in ihrem Familienleben, gesittet und unterrichtet ist, während die Völker, unter denen sie lebte, roh und ungebildet waren, dabei nie verweichlicht oder entmannt wird — das ist ein "Unicum. Das ist ein Sieg des Charakters über zufällige "Umstände, der in meinen Augen viel wunderbarer ist, als jeder Sieg, den der Geist über die Natur davontragen mag. Ist es wirklich möglich, dass man diesem Volke angehört, und ohne dass man von Verfolgung bedroht wird, sich dieser Zugehörigkeit schämt? Natürlich hat die Sache eine Kehrseite. Wir wissen alle, was man den Juden vorwirft: dass sie in der Noth kriechen und im Glücke prahlen; dass sie schlau und niedrig und feige sind. Aber der moderne reiche englische Jude weiss sehr wohl, dass jeder ehrlichdenkende Engländer ihn nach persönlichem Verdienste behandeln wird. Wir alle, wenn wir überhaupt mit Juden bekannt sind, wissen, wie viele unter ihnen gute, grossmüthige, unabhängige Menschen sind. Und der Jude kann, abgesehen von der Zähigkeit, der wunderbaren Ausdauer und dem sittlichen Muthe, die das Judenthum vor dem Untergänge bewahrt haben, wenn er will, noch auf andere nationale Tugenden hinweisen, auf Tugenden, die allgemein sind unter ihnen und jene Fehler wohl reichlich aufwiegen. Er kann die Intelligenz der Juden, ihre Gutmüthigkedt, ihren Sinn für Humor, ihren Frohsinn hervorheben, er kann arö ihr savoir vivre hinweisen,; auf das 'alte Sprichwort, d^ss-der Jude weder ein Trinker, noch ein-Antialkoholiker ist, er braucht nur zu erwähnen, wie sie einander unterstützen, welch gute Gatten und Eltern sie sind.Oder erröthet er, weil Isak Moses eine Quelle der Heiterkeit ist? Dann ist er ein Narr, denn Paddy von Cork und Taffy und Me Phairson, sie werden alle von dem Engländer, dem alles Unenglische stets komisch vorkommt, ausgelacht, aber in gutmüthiger, nie in hämischer Weise. Aber wenn dein reichen Juden diese 'unbedeutenden Versuchungen, sein Judenthum zu verleugnen, millionenmal heftiger erscheinen, so würde es mich immer noch inErstaunen setzen, dass es einen Juden gibt, der sein Erbe in der Geschichte seines Volkes im Stiche lassen kann. Wie kann er nur, wenn er weiss, dass dasselbe. Gebet, welches sein Grossvater oder sein Vater jeden Sabbath-Abend zu seinem Gotte emporschickt, vor der Gefangenschaft und seither immer wieder gebetet wurde, wie kann er sich nur davon loslösen wollen? Ich ziehe sehr wohl in Betracht, dass es bei dem jetzigen Fortsehritte des Geistes einem und dem anderen Juden unmöglich vorkommen könnte, am Glauben seiner Väter festzuhalten. Aber schliesslich ist die jüdische Eeligion wesentlich nur ein liberaler Theismus mit dem Zusätze, dass ein besonderes Volk dazu , auserwählt wurde, den Willen Gottes auf Erden zu erfüllen. Wenn ich bedenke, wieviele Gelehrte die weit verwickelteren Dogmen des Christenthums anerkennen, so kann ich nur schwer glauben, dass der gewöhnliche Börseaner aus innerer Ueberzeugung behauptet, das Judenthum sei unwahr. Es ist richtig, dass die rituellen Ceremonien verwickelt und beschwerlich sind, aber sie sind gleichzeitig angenehm und innig, sie halten die Freuden und Leiden des Lebens,, gleich hoch; die Heiterkeit ist bei mancher Gelgenheit sogar geboten wie eine Pflicht. Wenn ich ein Jude wäre, so würde ich mich zu den jüdischen Gebräuchen entschieden hingezogen fühlen; wenn ich ein Jude wäre, so würde ich sogar Bedenken tragen, das koschere Essen aulzugeben. Doch kann ich verstehen, dass der englische Jude all das aufgibt; erstens, weil es beschwerlich ist, und dann aus dem viel triftigeren Grunde, weil er als Bürger Englands wie ein Engländer zu leben wünscht; wenn er aber zu verstehen gibt, dass er seine Zugehörigkeit zum Judenthume zu vergessen wünscht, so setzt mich dies in das höchste Erstaunen. Und welch jämmerliche, untergeordnete, materielle Art von Glück gehört dazu, diesen Abfall zu unterstützen! Die spanischen Juden, welche wirkliche Aristokraten waren, die grosse Ländereien besassen und hohe Aemter inne hatten, waren stolz auf ihr Judenthum, und als die Inquisition einige von ihnen zwang, das Christenthum anzunehmen — viele zogen es vor, den Tod auf dem Scheiterhaufen zu sterben — da blieben sie im Geheimen Juden, und sehr oft bekannten sie sich, wenn es ihnen möglich ward, noch nach Generationen zu ihrem angestammten Glauben. Man sagt, und ich hoffe, dass es wahr, ist, Benjamin Disraeli habe einer solchen Familie angehört; sicher ist, dass er, obwohl das Bekennen zum Protestantismus in seinen Kram passte, weit davon entfernt war, sich seiner Abstammung zu schämen. Der moderne englische Jude aber, der auf die Börse geht, dem keine Inquisition und auch sonst nichts droht, was die öffentliche Meinung gegen ihn aufbringen könnte, der ändert seinen Namen, um nur ja für einen Engländer gehalten zu werden. Es ist ganz erstaunlich. Wenn ich Isaac Salomon unter seinem wahrenNamen kennen lerne, so weiss ich, dass, wie bescheiden_auch sein Beruf sein möge, die Vorfahren dieses Mannes eine Cultur und eine grosse Literatur besassen, als meine noch Barbaren waren. Nennt er sich aber Mc Intosh oder mit einem ähnlichen Namen, so werde ich auf seine Gesichtszüge aufmerksam und erkenne, dass

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