Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Article
- Das jüdische Paradoxon
- Date
- 1902-06-20
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315985-3322190--32960-3322324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mr. 25 „Die & Welt" Seite 3 er ein Schwindle^ und ein sehr jämmerlicher Schwindler ist. Ich weiss, was er zu seiner Entschuldigung anführen wird. Ein junger Mann in Zangwills „Children of the Ghetto" gibt denselben Grund an. Er ist ein künstlerisch veranlagter, begabter Mensch und sagt, wenn er sieh bei seinem wirklichen Namen — Abrahams — nennen Hesse, so wäre er eine lebendige Lüge, denn das Volk stellte sich unter Abrahams einen Fagin oder Shylock yor, er nannte sieh also Graham. (Er war in der Aenderung seines Namens nicht so geistreich wie der Sänger Braham, der einfach den ersten Buchstaben von dem Namen seines Vaters wegliess und sofort einen englisch klingenden Namen besass.) Aber der jämmerliche Mensch hätte sich sagen müssen, dass die Kunst ein Erbtheil seines Stammes ist, und dass die meisten Juden Schätzer der Kunst sind,, und hätte wohlgemuth seinen wrahren Namen führen sollen. Es ist ein altes Wort, dass jedes Land die Juden hat, die es verdient. In Frankreich und in Deutschland ist ihr Antheil an dem Eeichthum gerade gross genug, dass sie gehasst werden, doch gibt es nur wenige Engländer ausserhalb der Börse, denen die Juden unbequem werden, und vom nationalen Standpunkte sehen wir ihre Gleichberechtigung weder mit Neid noch mit Besorgnis. Waruni sollte also ein englischer Jude sich seines Judenthums schämen? Wir haben im Parlament Juden, die sieh als solche bekennen und anerkannt werden, wir haben im Gerichtshofe Juden von hervorragender Stellung. Die natürliche Liebe, die sie zum Theater haben, kommt unserer Bühne, sowohl vor, als auch auf derselben sehr zustatten. Sie sind im Grossen und Ganzen noch nicht so gute Bürger, wie sie ganz sicher einmal sein werden, es sind noch zu viele Financiers und zu wenige Fabrikanten, Aerzte, Soldaten, Polizeibeamte darunter, aber wir verstehen die historischen Gründe und hoffen in diesem Punkte zuversichtlich auf Besserung. Aber muss man darum wünschen, dass sie, wenn auch nur oberflächlich, sich mit der englischen Mittelclasse verschmelzen? Sie sind Orientalen, das beweisen die Gestalten der Männer, die Schönheit der Frauen. Und sie wollen sich auch gar nicht wirklich mit dem Westen vermischen! Sie mögen ihre Namen ändern, sie heiraten doch immer noch untereinander, der Easseninstinct ist stärker als der berechnende Verstand. Möge es nur recht lange so bleiben. Ich möchte das orientalische Element nicht missen, und es ist auch nicht wahrscheinlich, dass es untergehen wird. Wenn aber ein Jude die Gewohnheiten seines Stammes aufgibt, seinen Namen ändert und in die Kirche geht, trotzdem seine Stammeseigenthümlichkeiten unauslöschlich in ihm sind, dann hat er bei vollem Bewusstsein den Kampf aufgegeben und die Flagge gestrichen, die seine Vorväter hochgehalten haben inmitten der Verachtung und Verfolgung, dieselben, die bei Tag Zündhölzer verkauft und bei Nacht dem Studium der Babbiner obgelegen haben, die von brutalen Christen verspottet und gestossen, im Geiste mit ihrem Vater Abraham und ihrem Lehrer Moses im Himmel auf dem Throne sassen. Und ihre Enkelkinder schämen sich ihrer! Ich — ein Christ — finde keine Worte, um mein Erstaunen auszudrücken: Welch eine erbärmliche Gegenwart nach einer so glorreichen Vergangenheit! Der. Geist, den die Könige im Mittelalter nicht brechen konnten, soll er sieh vor dem modernen Philisterthume, dem modernen Protzenthuni beugen? Welchen Klagegesang werden;£ie Töchter Israels anstimmen, um diese Knechtschaft zu beweinen?" Ein Vorstand, der unsterblich werden will. Von Dr. A. Elias (Mülhausen). Wie den Lesern der „Well" schon bekannt ist, hat die diesjährige Generalversammlung der »Alliance« den Zweck, die Statuten in der Weise zu modificieren, dass das Centralcomite inZukunft nicht mehr durchdieVereinsmitglieder gewählt wird, sondern durch Cooptation sich ergänzt. Statutenmodificationen sind mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Dieselben müssen von mindestens zwei Dritteln der Mitglieder des Centralcomites beantragt werden; das Centralcomite hat ferner in zwei Abstimmungen, die durch einen Intervall von einem Monat voneinander getrennt sind, dieselben zu beschliessen; sie müssen endlich von der nächsten Generalversammlung gutgeheissen werden. In den Augen der leitenden Geister des Centralcomites sind diese Schwierigkeiten blosse Formalitäten, man hält sie jedenfalls nicht für unüberwindlich. Allem Anscheine nach hat man allen Vorstandsmitgliedern noch nicht die Absicht mitgetheilt, dass man die Statuten modificieren wolle. Man hat noch nicht die Unterschriften der Vorstandsmitglieder gesammelt, die die Modification beantragen sollen, der zweimal zu fassende Beschluss des Vorstandes liegt auch noch nicht vor. Doch die Pariser Leitung der »Alliance« ist so wenig gewöhnt, bei ihren auswärtigen Mitgliedern auf Hindernisse oder Opposition zu stossen; sie ist so sicher, dass alle ihre Vorschläge ohne Widerspruch aeeeptiert werden — dass sie jetzt schon mit der Gewissheit rechnet, der General Versammlung Vorschläge unterbreiten zu können, die der Vorstand, in der auch für die Statuten vorgeschriebenen Form, gutgeheissen hat. Dass die Generalversammlung ihre Vorschläge sanetioniert, hält sie für ganz selbstverständlich. Wie mir ein Pariser Mitglied des Centralcomites mittheilt, will man das Wahlrecht aufheben, weil dasselbe doch kein Kriterium für die Stimmung der Vereinsmitglieder sei, und weil das System der Cooptatfon, das seit einigen Jahren für die Ergänzung des Centralcomites zur Anwendung komme, allein der Logik und den Thatsachen entspreche. Mein Correspondent hat mir zweifellos die Argumente mitgetheilt, die die »Alliance«-Leitung ins Treffen führt und führen wird, um die sogenannten unentschlossenen Vorstandsmitglieder für ihren Plan zu gewinnen; es sind auch die Argumente, durch die man der Generalversammlung die Statuten-Modification plausibel machen wird, durch die man also die Vereinsmitglieder bewegen will, auf ihr einziges Recht zu verzichten. Die Argumentation ist jedoch nicht stichhältig. Es muss wohl zugegeben werden, dass aus den bisherigen Wahlen und ihren Resultaten ein Schluss auf die Stimmung der Wählerschaft nicht gezogen werden konnte. Die Geschichte der »Alliance« zeigt, dass die Wähler noch nie eine Direcüve gegeben haben, dass sie sich immer begnügten, die Vorschläge anzunehmen, die ihnen die Leitung unterbreitete, und dass die Gewählten (sieht man von Cremieux ab, der immer und immer wieder auf die Wichtigkeit der Wahlen für den Gang der Vereinsgeschäfte hinwies) sich nie als Repräsentanten eines Wahlkörpers gefühlt und auch nie als solche gehandelt haben. Die Wahl ist jetzt —und da haben die Herren des Vorstandes, die das Wahlrecht aufheben wollen, Recht — eine Farce. Doch es gibt Mittel und Wege, um aus derselben einen wichtigen und ernst zu nehmenden Vorgang zu machen; es ist möglich, aus ihr einen bedeutungsvollen Factor für die Fortentwicklung der