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Die Welt · 1902-06-20 · 25 (20.6.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
25 (20.6.1902)
Article
Das jüdische Paradoxon
Date
1902-06-20
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Es gehört mit zu den Verkehrtheiten der jüdischen Ghettoseele, dass sie sich am wohlsten fühlt, wenn sie still und unbeachtet in irgend einem dunklen Winkel ihr Sonderdasein führen darf; was änderen Einzelmensehen und Völkern höchstes Glück ist, nämlich Ansehen und Ruhm, das bereitet uns Unbehagen, böse Ahnungen und alle die Unlustgefühlc, welche eine unsichere Gegenwart und eine dunkle Zukunft erzeugen. Die öffentliche Meinung Englands hat zu viel mit uns Juden zu thun. Dass eine königliche Commission sich bemüht, die brennende Judenfrage von Whitechapel nach allen Seiten kennen zu lernen, um wenigstens den Versuch einer Lösung zu machen, ist gewiss keine Annehmlichkeit für die Juden von Park Lane, denn — die Herren mögen es leugnen, so laut und so oft sie wollen — der reiche Jude bekommt Striemen, wenn sein armer Stammesgenosse geprügelt wird, ja es ist ganz wie im Raimund'sehen Märchenstück: der jüdische Hausierer mag hundert Meilen weit vom jüdischen Millionär entfernt sein, und doch sind sie unzertrennlich mit einander verquickt; wenn der Hausierer ins Wasser fällt, ertrinkt der Millionär. Also schon das Studium der Fremdeneinwanderung in London raubt den unfreiwilligen Juden Englands den Schlaf; aber was wollen die Vorkommnisse der Untersuchung, was wollen die Aussprüche der namenlosen Zeugen besagen, gegenüber den Aussprüchen berühmter englischer Schriftsteller, die sich seit einiger Zeit mit Judenthum und Juden befassen! Ich habe vor ein paar Wochen das naive Staunen Rider Haggards mitgetheilt („Die Welt" Nr. 16 vom 18. April d. J.), der es nicht begreifen kann, warum die jüdischen Millionäre Europas tausende von jüdischen Bettlern erhalten und dazu ermuthigen, die traurige Posse des zwecklosen Weinens vor der Klagemauer in alle Ewigkeit fortzusetzen, statt mit einem Pappenstiel von Capital den Boden' der Väter zu erwerben und aus den ruhelosen Schnorrern sesshafte Grundherren zu machen; heute liegt mir die Betrachtung eines zweiten englischen Christen vor, die vielen unserer Stammesgenossen in England bittere Stunden bereitet. G. S.. Street hat, wie es scheint, so wenig Ahnung von Zionismus, wie Eider Haggard, er dürfte auch kaum erfahren haben, dass sich in unseren Tagen eine gross© Wiedergeburt des jüdischen Geistes vollzieht; gerade deswegen, sind seine Ausführungen von so schlagender Beweiskraft. G.. S. Street ist nur Beobachter und Fühler (wenn es gestattet ist, dieses Wort an Stelle des nebelhaften . „Impressionist"'.zu prägen); er begnügt sich damit, das Hebel zu schildern und die Gefühle zu schildern, die es in seinem Gemüthe erregt. Woher kommt die Krankheit? Wie ist sie zu heilen? Das zu fragen ist nicht sein Beruf. Für heute will ich mich damit begnügen, Streets Ausführungen in der „National Review" ohne Randbemerkungen wiederzugeben, vielleicht fühlt sich ein Jude angeregt, den nöthigen Commentar zu der Philippika des Christen zu , schreiben. „Der arme Jude fastete oder ass trockenes Brot, wenn er kein koscheres Fleisch bekommen konnte; der reiche Jude isst trefenes Fleisch, weil man im Hotel Savoy kein anderes bekommt. Der arme Jude legte die Gebetriemen sogar in Gegenwart des Nicht juden an; der reiche Jude schämt sich des Versöhnungstages. Der arme Jude ertrug lieber jede Verfolgung, ja sogar den Tod auf dem Scheiterhaufen, als dass er sieh zu einer Religion bekannt hätte, die er verachtete; der reiche Jude geht in die Kirche, weil dies auf gleichgültige Nachbarn einen guten Eindruck macht. Der arme Jude war stolz auf sein Volk, wenn es verachtet und geschmäht wurde; der reiche Jude ändert jetzt, wo in Eng- ' land niemand, höchstens ein Narr, die Juden verachtet, seinen Namen, und hofft für einen Schotten gehalten zu werden. Der arme Jude klammerte sich an sein Erbe, und wenn die WTelt ihn darum zerschmetterte; der reiche Jude lässt es fahren, um ein geringschätziges Lächeln zu erhalten. Der arme Jude war ein tüchtiger Mensch, trotz seiner Fehler einer glorreichen Vergangenheit würdig; der reiche Jude ist ein Heuchler, der seine unwürdige Gegen- " wart kaum verdient. Das ist das jüdische Parodoxon. Ich spreche van reichen Juden, die jetzt in England leben, und ' füge gleich hinzu, dass ich nicht alle meine, ich weiss sehr wohl, dass viele von ihnen — und darunter befinden sich die geachtetsten Narnen — auf ihre Abkunft gerade so

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