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Die Welt · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
16 (18.4.1902)
Article
Chad Gadja
Date
1902-04-18
Page
14 (sequence 6)
Language
German
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Seite 14 4&te 2& Welt" Nr. 16 seinem Auge zogen Gestalten aus dem Mittelalter vorüber: Päpste und Könige, Kreuzfahrer und Mönche' Bettler und Bauern, Flagellanten und Scholastiker« Dann das vielseitige moderne Leben in Paris und Wien, Rom und London, Berlin, New-York und Chicago; das Glänzende der reichen Stadtviertel; das Treiben der Boheme; die Armen in ihren Schlupfwinkeln; Kranke auf ihren Lagern; Soldaten und Dirnen, Verbrecher und Irre; die russischen Horden und die Bootsschwärme auf den chinesischen Gewässern; das fröhliche Schmetterlingsleben der Japaner; die unbekannten Wildnisse Central-Afrikas mit ihren Fetischen und Kriegstänzen; das gewaltige Problem, zu dem die schwarze Rasse für die grosse Republik von Nordamerika wird. Und jedes dieser Völker dünkt sich der Mittelpunkt der Welt und seiner Liebe und Sorge besonders theilhaftig. Die Bestimmung der Rassen war nicht klarer als die der Individuen, und nicht göttlicher als das Leben der Inseeten, und all das Hin und Her der Geschichte war nichts als ein Krampf im Leben eines der Geringsten in einer obscuren Gruppe von Planeten in der Unendlichkeit der unermesslichen Sternbilder. Es war zu gross! Er konnte in das Angesicht seines eigenen Gottes nicht blicken und leben. Ohne die stereoskopischen Illusionen, welche seines Vaters Leben festigten, konnte er nicht weiter leben. Seine Lebensanschauung war hoffnungslos kosmisch. War alles gleich gross und räthselhaft? Ja wohl, oder alles war gleich klein und gemeinverständlich. Kants Princip der Unendlichkeit ausserhalb. Bloss Lumpe drehen sich im Kreise und werden dabei heiss. Grösse ist nichts an sich. Es gibt Berge und Seen in einem Tümpel, malerisch genug für mikroskopische Touristen. Eine Billion solcher Tümpel sind nicht bedeutender, als ein einziger. Geologie, Astronomie und Chemie — sie sind alle in einem Kothspritzer eines vorbeifahrenden Wagens enthalten. Ueberau dasselbe Gesetz und dieselbe Zwecklosigkeit. Die Menschen — sonderbare Monstren, die im Bette eines Luft-Oceans herumkrabbeln, unfähig aufwärts zu schwimmen, und auf seltsame Weise sich mit den geraubten Häuten anderer Geschöpfe schmücken. Unparteiisch besehen, ebenso absurd wie die Thiere, die man in den Aquarien sieht. Durch einen Cholerakeim zerstörbar, ein curioses blaues Netzwerk, einer Karte von Venedig nicht unähnlich. KantsMor algesetze nach innen. Ja wohl, die Kosmik und Komik sind verwandt. Warum in spinozistischer Ehrerbietung prahlen? Vielleicht war Heine — auch ein Jude — wahrer, und seine letzten Worte vom Weltall, in welches er ungefragt gesetzt wurde, mochten nur eine Verspottung jener gewesen sein, welche seiner gespottet hatten^ ein Lachen unter Thränen. Und er sah die Zukunft aller Rassen voraus, ebenso wie seine eigene. Sie würden alle kämpfend vorwärts gehen, bis sie selbstbewusst geworden sind. Dann — wenn sie von Kindern zu Männern herangewachsen sind — fallen ihnen die Schuppen von den Augen und sie fragen sich dann selbst, was all das Um und Auf ist, und erkennen, dass sie von unbekannten Kräften angetrieben worden sind, zu arbeiten, zu kämpfen und zu streben. Dann verschwinden sie vom Schauplatze und die Natur schüttet neue Energien aus ihrem unerschöpflichen Born aus. Denn Kraft liegt im Unbewusssten. Wenn ein Volk über sich nachzudenken und sich zu fragen beginnt, ob es reif ist, so ist sein Reich auch schon vorüber. Der alte palästinensische Hebräer, der Jehovah seine Schafe opferte, welche Granitfigur war das im Vergleiche zu ihm, mit all seiner Beweglichkeit und Schlauheit. Ein oder zwei Jahrhunderte hindurch wird die moderne Welt daran Vergnügen finden, sich selbst durch ihre decadentesten Geister in Literatur und Kunst dargestellt zu sehen, das Pathos und die Stimmung aller Perioden des räthselhaften menschlichen Daseins auf diesem verschrobenen kleinen Planeten nachzufühlen. Aber all' das wird schal werden — und dann die Sündflut! . . Eine lustige Musik klang von aussen herein. Er stand auf und gieng geräuschlos zum Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Der Vollmond hieng am Himmel, so niedrig, dass er ein irdisch Ding zu sein schien im Vergleiche zu den hohen zerstreuten Sternen. In der klaren italienischen Atmosphäre machte er sich selbst in dieserj leuchtenden Gesellschaft bemerkbar, und man bemerkte auch, wie schnell er sich im Räume vorwärts bewegte. Ein breiter, silbergrauer Mondlichtfleck lag auf dem dunklen Wasser, sich in einer Reihe von tanzenden Goldstücken verstreuend. Unten am Canal scharten sich schwarze Gondeln um eine durch buntfarbige Lampions erleuchtete Barke, aus der die Musik kam. Funiculi, Funicula — es schien der wahre Geist der Fröhlichkeit mitzutanzen. In der Barke sass ein junges Paar, die Hände verschlungen. Er wusste, dass es Engländer waren, Kinder jener glücklichen, kräftigen, siegreichen Rasse. Ein sonderbares Gefühl regte sich in ihm: er dachte an Brautstand, Jugend, Kraft; es war nur wie das dumpfe Echo eines entfernten Bedauerns, ein vager Sonnenaufgang über Traumhügeln. Ein prächtiger Tenor begann Schuberts Serenade zu singen. Es war die wahre Stimme einer hoffnungslosen Leidenschaft, die Sehnsucht der Motte nach dem Lichte, des Menschen nach Gott Tod, Tod um jeden Preis! Tod! um dieses entsetzliche, unendliche Kriechen an den Grenzen des Lebens zu endigen. Noch einen Augenblick länger ohne Gott zu leben, schien ihm ungebürlich. Er wollte im Schosse des dunklen Wassers Frieden finden. Er wollte wortlos hinuntergleiten. Dem Schlächter nahte leise Der Todesengel sich; Er that nach seiner Weise — Der Schlächter drauf verblich. Chad Gadja! Chad Gadja! Wenn sie ihn ertränkt finden werden — nie wird die Welt ihn begreifen können, sondern es verurtheilen, dass ein Mensch, der jung, gesund, wohlhabend und ein wenig berühmt war, sich selbst das Leben nahm. Seine Familie wird vielleicht denken, dass es ein Geist gewesen sei, der so still und geräuschlos an der Sedertafel gesessen sei. Und in der That, war er nicht ein Geist? Man braucht nicht todt zn sein, um ausserhalb des warmen Lebenskreises zu wandeln. Er war immer ein Geist gewesen. Von Kindheit an, da Einzelne dieses sonderbaren und ernsten Volkes mit ihm giengen und sprachen, damals schon schlich er unter ihnen als wesenloser Geist, welchem sie fälschlich Fleisch und Blut gleich dem ihrigen zumutheten. Als Kind hatte ihm das Sterben schrecklich geschienen. Jetzt hiengen seine Gedanken stets von neuem beim glücklichen Augenblick, da man den Geist aufgab. Gabs ein Leben nach dem Tode? Warum nicht? Die Welt war nicht gross genug für e i n Leben; es muss sich unaufhörlich wiederholen. Bücher, Zeitungen, jimmer dasselbe; einige Ideen geschickt wiedergekäut. Es gab nichts Neues unter der Sonne, Das Leben gleicht einer Geschichte, die ein Idiot erzählt: es ist voll von Schall und Wuth und bedeutet doch nichts. Shakespeare hat dafür wie für alles den erhabensten Ausdruck gefunden . . .

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