Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Article
- Chad Gadja
- Date
- 1902-04-18
- Page
- 13 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315976-3320326--31735-3320389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 16 „Die £ Welt" Seite 13 sich selbst mit Platonismus und Hegelismus zu blenden, wies den Standpunkt der Aestheten und Künstler und selbstzufriedener deutscher Gelehrter gleichwie den der conventionelien Prediger zurück. Sie verlangte Gerechtigkeit für das Individuum bis zu den Spatzen, von denen auf dem Marktplatze zwei für einen Heller verkauft wurden. Sie sah Bedeutung und Absicht in dem Wandel der Geschicke. Doch wusste sie, dass Absicht ebenso ein Begriff des Wesens der Dinge ist, wie Gerechtigkeit oder Güte. Die Welt ohne Gott ist ein schönes, aber kaltes und herzloses Weib, dem das Feuer der Seele fehlt. Er hatte mit der Natur Versuche angestellt; was hatte er nicht alles versucht? Er hatte die Natur geliebt, war nahe daran gewesen, Frieden zu finden in der Leidenschaft für die Erde, in dem berauschenden Gras- und Blumendufte, in den Tönen und Gerüchen des Meeres, in der Begeisterung für überraschende Lichteffecte. Aber die Leidenschaft verblasste stets, und die alte Sehnsucht nach Gott kam wieder. Er hatte zeitweilig in Spinozas Gott Frieden gefunden: in dem ewigen unendlichen Wesen, von dem alle gestirnten Unendlichkeiten nur ein armseliger Ausdruck sind, und das zu lieben noch nicht in sich begreift, zurückgeliebt zu werden. Es war herrlich, sich zur Verehrung dieses himmlischen Glanzes erheben zu dürfen; aber der Glanz sengte nicht, er fröstelte. Ihm fehlte das Ewige Wesen, dessen Daseins er bewusst~ sein könnte, nicht aber um ihm zuzuraunen, dass er eine metaphysische Erscheinung sei. Andererseits sagte er sich selbst, was Voltaire Spinoza sagen liess: „Je crois, entre nous, que vous n'existez pas." Gehorsam! Verehrung! Er hätte sich auf die Knie werfen und sich in stundenlangen Gebeten ergehen mögen. 0 Luther! 0 Galilei! Ihr Feinde der Menschheit! Wie weise von der Kirche, Ungläubige zu verbrennen, die des Geistes Heim zerstören — das warme Heim mit der Liebe und den Schätzen von Generationen — und die arme menschliche Seele nackt und zitternd zu lassen inmitten der kalten zahllosen Welten. 0 Du Erzfeind Napoleon, der Du die Ghettos geöffnet hast, wo die Juden in kleinlicher Freude sich um die Sabbathfeuer herumkauerten, und über sie di£ Last des Weltalls kommen liessest! Ein durstiger Ochse eilte Zur Wasserquelle schnell, Er trank daraus, und weilte Bis trocken war der Quell. Chad Gadja, Chad Gadja! In Wien, von wo er gekommen, träumte jetzt ein Jude, auf den die moderne Welt drückte, den alten Traum eines Judenstaates — eines modernen Staates als Verwirklichung all' der grossen Principien, welche durch die Arbeit der Jahrhunderte errungen worden waren. Das Chamäleon unter den Rassen sollte seine eigene Farbe annehmen: Line jüdische Kunst eine jüdische Architektur soll geboren werden: Wer weiss? Er, der im Geiste Mazzinis aufgewachsen war, der diesen Helden die grösste aller Niederlagen, den Sieg erringen sah, e r wusste, was da herauskommen würde — wenn es überhaupt zustande kommt Er verstand das Geschick Christi und aller Idealisten, die verurtheilt sind, sich selbst verehrt und ihre Ideen missverstanden zu sehen in einer Religion oder einem Staate, die eigens dazu aufgerichtet zu sein scheinen, um gleich einem Monument ihre Niederlage zu verewigen. Erst gestern hat er seine jüdischen Brüder in Wien getroffen: In der Leopoldstadt die Galizianer in schmierigen Kaftans mit Seidengürteln; im Prater arrogant und strahlend in Pracht-Carrossen hingestreckt. Diese sonderbare Rasse, die für andere, aber nur nicht für sich selbst Städte zu bauen verstand! Diese Religion, die zugleich Nationalität war, für viele aber keines von beiden! Ironie der Geschichte: Moses, der Sinai, Palästina, Jesaiah, Ezra, der Tempel, das Exil, die Ghettos and das Martyrium — all das soll nur dazu vorhanden gewesen sein, um den Wiener Witzblättern Gelegenheit zum Witzeln zu geben über die stark gebogenen Nasen der Börsenmakler, auf welchen die- Operngläser ungehalten ruhen könnten? Ein anderes Glied reihte sich dieser Gedankenkette in seinem Gehirne an: Die glücklichen Bewohner dieses neuen Judenstaates würden zur Welt kommen gleich den Kindern eines reich gewordenen Mannes, die sich der Kämpfe zur Erwerbung des Reichthums nicht mehr bewusst sind, und die Ueppigkeit als selbstverständlich annehmen, dickbäuchig und engherzig werden. Der Tempel soll wieder aufgebaut werden. Und dann? Der Architekt wird die Rechnung präsentieren. Das Volk wird sich nach den guten Mahlzeiten in die Rippen stossen und die alten Anekdoten erzählen. Es wird auch dort fashionable Schneider geben. Die Synagoge wird diejenigen verfolgen, welche lässigere Ansichten haben werden als sie. Die professionellen Pfaffen werden zu einer verteuerten Menge unter Beifallssalven von Vergeistigung sprechen. Die Presse wird die Sonderinteressen von Capitalisten und Politikern vertreten. Dichterlinge werden Wuth schnauben gegen diejenigen, welche sie nicht als gross anerkennen werden wollen. Die Directoren des Nationaltheaters werden auch dort ihren Maitressen zu guten Rollen verhelfen. Jawohl, der Ochs wird kommen und das Wasser aussaufen, und Jeschurun würde dick und rebellisch werden. „Das, was gekrümmt ist, kann nicht gerade werden." Menanders Komödien wären frisch von der Presse, das Buch der Sprüche so actueil wie eine Zeitung, Nein, e r konnte nicht träumen. Die jüngeren Rassen mochten träumen; die älteste konnte es nicht mehr. Sie, welche die erste gewesen war, den herrlichen Traum vom tausendjährigen Reiche zu träumen, war auch die erste, ihm zu entsagen. War das ein schöner Traum : Jedermann unter seinem eigenen Feigenbaume, gesättigt und schlaftrunken, der Geist verwittert? Fürwahr! Omnia vanitas! Auch dies war eitel. Da ward der Ochs ergriffen Vom Schlachter mit Gewalt; Das Messer ward geschliffen, Geschlachtet ward er ball Chad Gadja! Chad Gadja! Chad Gadja! Chad Gadja! Er hatte nie auf die Bedeutung dieser Worte geachtet, sondern sie mit dem Ende der Geremonie in Zusammenhang gebracht: „Alles vorüber! alles vorüber!" schienen sie zu klagen. Und in der seltsamen Musik schien der Sinn von unendlicher Enttäuschung zu liegen: das Ende, der Schluss, ein Nachlassen des Fiebers, eine erledigte Plage, ein niedergeschlagenes Getöse, eine Abschiedsglocke, ein Falten der Hände vor dem Schlafengehen. Chad Gadja! Chad Gadja! Es war eine Klage ob des Kampfes ums Dasein, den zwecklosen Verlauf der Zeiten, das Untergehen der alten Reiche — wie es die Gommentatoren herausgeklügelt haben — und der neuen, die ihnen folgen werden, bis die Erde selbst — wie es die Wissenschaft behauptet — in Eisstarre und Finsternis verfallen wird. Ebbe und Flut, Feuer und Wasser, Wasser und Feuer! Er dachte an das Skelet, das gerade in Pompeji zutage gefördert worden war, an die Mumien der Pharaonen, an die Aschen von Liebespaaren in etruskischen Gräbern. Vor