Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Article
- Chad Gadja
- Date
- 1902-04-18
- Page
- 12 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 11 „Die # Welt" Nr. 16 Welt — die Verse, welche wie der unterdrückte Seufzer klangen: Soles occidere et redire possunt, Nobis cum semel occidit brevis lux, Nox est perpetuo una dormienda. *) Und dann dachte er wieder an Virgil, und es schwebte ihm eine toscanische Landschaft vor, die ganz dem Dichter entsprach mit ihren Cypressen, die sich majestätisch aneinanderreihten gleich Hexametern. Er sah im Geiste die Terrasse eines alten Schlosses mit grotesken steinernen Thiergestalten ander Brüstung; er sah die grüngefleckten Eidechsen an dem schläfrigen Gartenwall, die alterthümliche Sonnenuhr und die Grotten und Marmorfontainen und die kühle Melancholie der Cypressenhaine mit ihren köstlichen Sehattensprenkeln. Eine unsichtbare Amsel flog darüber hinweg. Er spazierte die grosse Allee entlang unter den gemeisselten Augen steinerner Götter und schaute auf die heisse Landschaft hinaus, und hielt dann seine Siesta unter dem brennenden blauen Himmel. Ringsum grüne, sonnenbeschienene Hügel, eben erstandene Villen, graue Olivenbäume. Wer alles hat diese klösterlichen Terrassen abgeschritten? Mittelalterliche Prinzessinen, leidenschaftlich und übermüthig, zierlich einhertändelnd in seidenen Schleppgewändern, zarten Duft um sich verbreitend. Er wollte darauf ein Gedicht machen, 'doch es hatte schon ein Localsänger in der theuren, milden Venetianer Mundart gejubelt: Belissimo xe el mondo perche Te molto vario. Xe omo ghe xe profondo Che dir possa el contrario.*) Jawohl, die Welt war in der That reizvoll und mannigfaltig. Terenz sagte es, es gäbe genug Komödie und Pathos darin. Wir bieten einer dem anderen ein genügendes Schauspiel. Eine heftige Glut überkam ihn. Einen Augenblick lang klammerte er sich ans Leben, und die unendlichen Fühlfäden des Lebens suchten ihn zu umstricken. Da sprudelt eine Quelle, Das Wasser strömt heraus; Es floss zur Brandesstelle Und löscht das Feuer aus. Chad Gadja! Chad Gadja! Seine Gluth verschwand und er ward wieder traurig und hoffnungslos. Denn er wusste nun, was ihm fehlte. Heidenthum genügte ihm nicht. Ihm fehlte Gott, er hungerte nach ihm, dem Gott seiner Väter. Die dreitausend Jahre des Glaubens konnten nicht abgeschüttelt werden. Es war Atavismus, was ihm diese sonderbare plötzliche Wahrnehmung Gottes beim Dufte der Rose, beim Ertönen von Kinderlachen, beim Anblicke einer verfallenen Stadt machen liess, was Enthusiasmus in sein Herz und Thränen in seine Augen gebracht hatte, was in ihm ein Gefühl für die unendliche Schönheit und Heiligkeit des Lebens erweckte. Aber der Gott seiner Väter war es nicht, und sein eigener Gott war fern und zweifelhaft; und nichts, was die moderne Wissenschaft ihn gelehrt hatte, war seinem Organismus entsprechend. Konnte er es seinen Nachkommen überliefern? Was war es, was Weismann*) von gewissen Charakter-Eigenschaften sagte? Gewisse Rassen bringen einen gewissen Glauben hervor, und *) Sonnen können auf- und untergehen. Wenn uns einmal das kurze Licht erlosch, wird nur ewige Nacht uns zutheil. *) Sehr schön ist die Welt, weil sie so mannigfaltig ist. Kein'Weisen gibt's, der das Gegentheil behaupten kann. *) Berühmter Naturforscher, welcher durch, seine „Theorie des Keimplasma" Begründer der Vererbungslehre geworden ist. bis man nicht die Rassen tödtet, kann man den Glauben nicht ertödten. O, es war eine grausame Tragödie, diese westliche Cultur auf einen östlichen Stock gepfropft! Sie verstimmte alle Lebensaccorde, zersetzte Herz und Hirn. Da war also die Natur grausam. Er dachte an die letztjährige Weinernte, die durch ein Gewitter zerstört worden war, an die schreckliche Armut der Bauern unter dem Joche der Lehnsherren. Und dann hatte er die Vision von einem gefangenen Tintenfisch, den er einst auf einer Sandbank des Lido fast auf menschliche Art nach Luft schnappen sah. Es hatte ihm die Erhabenheit der endlosen Fläche von Sand und Wasser gestört. Seine Seele verlangte Gerechtigkeit, verlangte Gerechtigkeit auch für den athemschnappenden Tintenfisch. Er konnte nicht begreifen, wie die Leute in einer ganz in sich aufgehenden Welt leben konnten, welche den grössten Theil der Schöpfung ausschloss. Wenn Leiden reinigten und erhoben, welche Reinigung mussten jagende Pferde oder hungernde KaÜen erfahren? Der Mensch hatte einem nicht moralischen Universum Moral auferlegt, jedes Ding vermenschlicht; in den grossen unbarmherzigen Mechanismus die ethischen Ideale eingeführt, welche das Verhältnis der Menschen untereinander regeln. Religion wie Kunst haben den Menschen — ein unwichtiges Nebengeschöpf — zum Mittelpunkte des Universums gemacht: es war schlechte Wissenschaft in gute Kunst übersetzt. Seine eigene Rasse war es gewesen, welche diese Täuschung in die Welt gesetzt hatte. „Und Abraham sprach zu Gott: Soll der Richter alles Irdischen nicht recht thun?" Früher hatten die Götter vermeint Macht zu besitzen, aber des Menschen Seele verlangte Recht. Seit der Umwälzung im Menschendasein hatte der Mensch die Idee der Güte abstrahiert und daraus einen Gott gemacht; dann wendet er sie thörichterweise um und frägt, warum er das Schlechte zulasse, ohne welche Idee er selbst nicht hätte entstehen können! Und weil Gott die Güte war, war er auch einzig. Es fiel ihm die scharfe Analysis von Kuenen*) ein. Nein, das Moralgesetz war um nichts mehr das Geheimnis des Weltalls, als Farbe oder Ton. Die Religion ist für den Menschen gemacht worden, nicht der Mensch für die Religion. Recht war ein bedeutungsloser Begriff in der äussersten Analysis: Was war, war. Des Künstlers Ansicht vom Leben war die einzig wahre, des Künstlers, der an alles und nichts glaubt. Die Religionen verzerren alles unbewusst. Das Leben selbst war einfach genug: ein biologisches Phänomen, das Wachsthum, Reife und Verfall aufweist. Der Tod ist kein Mysterium, Kummer keine Strafe, noch Sünde etwas anderes als der Ueberrest von tieferen Symbolen einer früheren Entwicklungsphase, oder nicht selten der berechtigte Protest des Natürlichen gegen künstliche Social-Ethik. Für ihn bestand die alte Sehnsucht fort nach Gott. Er war gottberauscht, ohne Spinozas Ruhe oder Spinozas Gewissheit. Gerechtigkeit, Mitleid, Liebe, das waren ihm verständliche Begriffe. Er wusste es, es war blinde Vererbung, was sein Leben zerstörte, und dass er — o über die Ironie! — herrlich leben könnte, wenn er sein Nichtigkeitsgefühl vergässe. Das Glücksrad war ihm günstig gewesen, aber seine Seele verwarf alle Lösungen und Gompromisse seiner Freunde. Die Selbstgenügsamkeit der Wissenschaft, der Kunst, der Vergnügungen, sie sah mit unerbittlicher Einsicht über den phantastischen Optimismus hinweg; verwarf es; *) Holländischer Theologe, berühmt wegen seiner historisch-kritischen Bibel-Untersuchungen.