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Die Welt · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
16 (18.4.1902)
Article
Chad Gadja
Date
1902-04-18
Page
11 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 „Die & Welt" Seite 11 alten Wappenschildes über dem Portale — ein kletternder Löwe und ein fliegender Engel — und dachte an das alte, an die Juden erlassene Verbot, bei Strafe von fünfzig Ducaten und sechs Monaten Gefängnis in der Stadt eine Schule zu halten oder überhaupt etwas zu lehren. Nun, die Juden hatten den Venetianern eines vor allem bewiesen: dass der einzig dauerhafte Besitz die menschliche Energie ist. Alle anderen Völker hatten ihre Blütezeit, um dann zu verfallen. Nur Israel allein war mit Kraft und Muth ausgestattet, die sich nicht zu vermindern schienen. Nein, war es nicht wunderbar? Vielleicht gab es wirklich eine „Mission" für Israel, vielleicht war es wirklich Gottes „auserwähltes Volk". Die Venetianer hatten Wunder an Bauten und Malereien geschaffen; dann starben sie und Hessen ihre Schöpfungen zurück — für wen? Damit sie die Touristen anstarren sollten? Die Juden hatten nichts Dauerhaftes geschaffen, ausser einigen Dichtungen und einigen jammernden Synagogen-Melodien, und dennoch: sie lebten, eine Schöpfung von Fleisch und Blut, wunderbarer und dauerhafter als alle Werke in Bronze und Stein. Und was war das Geheimnis ihrer Kraft und Ausdauer? War es ihr inneres Gottvertrauen, ihre Hoffnung, dass er seinen Messias senden werde, um den Tempel wieder aufzubauen und sie zur Herrschaft über die Völker zu erheben? Wie typisch war sein eigener Vater, der da heiter chaldäische Weisen sang: ausser Hause ein moderner unter den Modernen, zuhause ein Gelehrter und Heiliger. Ach, könnte doch auch er dieses Glaubens theilhaftig sein! Seine Seele fühlte sich hingezogen zum brütenden, unerschütterlichen Orient; er sympathisierte ebenso mit dem Mysticismus der Kabbalisten, den Verzückungen der Asceten, ja mit der wahnsinnigen phantastischen Ekstase der Derwische, die er in türkischen Moscheen tanzen gesehen hatte — es war dasselbe berauschende Gefühl eines Zusammenklanges mit dem Wesen des Seins, welches die Alten zweifellos in den eleusinischen Mysterien gesucht, die Mahatmas von Indien vielleicht gefunden haben. Die Ueberlieferung davon pflanzte sich durch die Jahrhunderte fort, missverstanden von den westlichen Rassen. Wegen Mangels dieses Gefühles hatte er oft seinen Kopf gegen eine Mauer kennen mögen! Doch nun ward es hell in ihm: seine Seele war des Orients, sein Gehirn des Occidents. Sein Geist war an der Brust der Wissenschaften genährt worden, welche alles und jedes classificierten, aber nichts erklärten. Doch Erklärung — das AVort ist nichtig! Sein ist alles. Um Dinge zu erklären bestimmt man A in Ausdrücken von B und B in Ausdrücken von A. Wer aber erklärt diese Erklärung? Vielleicht nur in Ekstase kann man das verstehen, was jenseits der Erscheinungen liegt. Aber ebenso ist das Wesen nach seinen Manifestationen zu beurtheilen, und diese Manifestationen sind oft absurd, ungerecht und bedeutungslos. Nein, er konnte nicht glauben. Sein Geist empfand keine Reue. Am glühenden Feuerherde Der Stock den Rächer fand; Die Flamme ihn verzehrte Und schnell war er verbrannt. Chad Gadja! Chad Gadja! Warum ist Israel geschont worden? Warum ist Venedigs Herrlichkeit verschwunden? Er dachte an die Energie, welche nothwendig gewesen war, diese herrliche Stadt zu erbauen, an die tiefen Piloten, die da unten steckten, an die unerschöpflichen'" Kunstschätze — Kirchen, Gemälde, Sculpturen — von denen nicht wenige von unbekannt gebliebenen Schöpfern herrührten, während andere die berühmtesten Namen der Vergangenheit trugen. Welche masslose Arbeit war in diesen stolzen Palästen petrificiert! Carpaccios Bilder tauchten vor ihm auf und Tintorettos Register der vergangenen. Generationen. Und dann fielen ihm jene noch umfangreicheren Gouache-Bilder von Vermayen in der Wiener Gallerie ein : Landgefechte mit Armbrust, Speer und Arkebuse; Seeschlachten mit kenternden Galeeren. Da dachte er wieder an die Sclaven, die an sie geschmiedet wurden, an den Schweiss und das Blut, das historisch geworden ist. Und dann dachte er an ein anderes modernes Gemälde, eine herrlich-schöne, nackte Frauengestalt darstellend, wodurch ein Familienglück zerstört worden war. Der Künstler war nun todt und unsterblich, das geistreiche und vornehme Modell auf der Strasse. Wie nichtig doch alle Dinge sind: Liebe, Ruhm, Unsterblichkeit! Alle Wege führen zu nichts! Was ist des Menschen Nutzen von all seiner Arbeit? Nichts. Alles geht vorüber. Tcavxa $£t. Die weisesten Menschen haben das zu allen Zeiten eingesehen. Die Katze frisst dasLämmleir), und der Hund zerreisst die Katze, und der Stock schlägt den Hund todt, und das Feuer verzehrt den Stock, und so endlos weiter. Sagen nicht die Commentatoren, dass diese Parabel das Auftauchen und Verschwinden der mächtigen alten Reiche Aegypten, Assyrien, Persien, Griechenland und Rom versinnbildlichen soll? Commentatoren, was das für curiose Leute sind! Welche unendliche Wildnis durchwanderte der jüdische Geist mit verschwendeter Logik! Wie endlos sind die Bände des Talmud und seiner Parasiten, die ungezählten, nun veralteten Folianten, auf welchen die Augen so vieler Geschlechter gehaftet haben! Und doch: So gross das Können und die Geduld der venetianischen Kunst war — sie ist nun todt; dagegen das auserwählte Volk? Ist es wirklich kräftig und gesund? Trotz des jahrhundertelangen Druckes und der vielen Verfolgungen, trotz einer langen Inzucht, sowie so mancher angenommenen fremden Sitten und Sprachen und Nationalitäten lebt es dennoch. Dieses Volkes Seele mit der Erinnerung an so viele Nationen gleicht einem Palimpsest*). Dieses Klammern an das Leben ist unheimlich. Eine R.asse muss auch zu sterben wissen. Er für seinen Theil empfand auch dieses Bedürfnis. Er war für die letzten Tage Israels, für den Untergang der Rasse, welche immerdar sich in Extremen bewegt hat. Sie, die erste im Glauben, war nun auch die erste im Zweifel, die kühnste im Bestreben, auf den Grund der Dinge zu gelangen. Alles hielt sie für Illusion. Die betrogenste Rasse betrog sich auch selbst; sie lockte zu Laufbahnen voller Opfer und voller Verachtung. Wenn er sich nur die Hoffnung erhalten könnte, . die ihre Leiden geweiht hatte. Aber nun war es eine Viper — keine göttliche Hoffnung — die sie an ihrer Brust nährte. Er fühlte sich so einsam wie eine Klippe in einem gefrorenen See, wie eine vereinzelte Tanne auf steiler Höhe. Wie schrecklich alles durchgemacht zu haben : Seufzer und Thränen, dumpf sich hinziehende Tage des Jammers und Nächte voller Qualen! Wie oft war er bereit gewesen, zu sterben! Vielleicht war es diese todte Stadt und das Meer, welche seinen Geist so erregten. Turgenjeff mochte recht haben: Nur der junge Mensch dürfe nach Venedig kommen, nicht aber der, welcher mit Virgil die Thränen der Dinge gesehen hat. Dann rief er sich die Verse des Catull in Erinnerung, des stolz-düsteren Anklägers der antiken * Altes Pergament, von welchem die ursprüngliche Schrift entfernt und das neu beschrieben ist.

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