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Die Welt · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
16 (18.4.1902)
Article
Chad Gadja
Date
1902-04-18
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Welt" Nr. 16 Stammes — die um den Tisch herum sassen, waren jeder nach seiner Art glücklich und zufrieden; eine Atmosphäre von Frieden und Ruhe, von Glaube und Frömmigkeit erfüllte den Saal. Ein Hund, den es verdrossen, Dass floss unschuldig Blut, Kam pfeilschnell hergeschossen, Zerriss die Katz' in Wuth, Chad Gadja! Chad Gadja! Und der Gontrast all dieser Friedlichkeit zu seinem eigenen unstäten Leben überwältigte ihn, erfüllte ihn mit Hoffnungslosigkeit. In seine Augen traten Thränen. Nie wird er an der Spitze seines eigenen Tisches sitzen, der Kette der Pietät sich anreihend, welche die einzelnen Generationen miteinander verband. Keines Weibes Liebe wird ihm zutheil werden und keine Kinder ihre kleinen Händchen in die seinen legen! Einsam wie ein Gespenst, das die traulichen Feuerplätze mit hoffnungslosen Augen anstiert, muss er durchs Leben gehen — der ewig wandernde Jude der Seelenwelt. Wie hatte er gelitten, er der modernste der Modernen, der Träumer der Träumer, der Räthsel- Grübler! Vanitas vanitatum, omnia vanitas! Der Modernste der Modernen? Aber es war doch ein alter Jude, der das gesagt hat? Und ein anderer, der ausgerufen: „Besser ist der Tag des Todes als der Tag der Geburt!" Wahrlich, ein ironischer Beweis für des Predigers Ausspruch, dass nichts unter der Sonne neu sei. Er rief sich die grossen Sentenzen der jüdischen Weisen ins Gedächtnis zurück. Wie sie doch alle, alle, wahr sind! Wie doch der jüdische Genius auf den Grund der Dinge zu dringen wusste, so dass die Rassen und Völker, die ihn hassen, dennoch in seinen Psalmen Trost suchen! Und doch hatte er einst die Griechen mehr zu lieben vermeint, hatte von Kindheit an nach verbotenen Göttern verlangt, durchschauert von jener einsamen Marmorfigur eines Mädchens, die von einer Grenzmauer in das Ghetto hineinstarrte. Er hatte vor dem Altar der Schönheit Ehrfurcht empfunden. Er hatte — mit dem vielseitigen Anpassungsvermögen seiner Rasse ausgestattet — in hellenischer Begeisterung französische Gedichte geschrieben, halb gefühlte und halb geheuchelte erotische Lyrik zart gemeisselt. Er sah nun in plötzlicher Eingebung, dass er in der Kunst niemals sich selbst zum Ausdruck gebracht hatte — ausgenommen vielleicht in jener einzigen, unter dem Einflüsse Zolas entstandenen, brutalen italienischen Novelle, die von der Welt so hart beurtheilt wurde, weil sie für die Liebe, sowie für die Thränen, welche die unmaskierte Unbarmherzigkeit erzeugt, keine Empfindung hat. Ein Stock stand nah* beim Hunde, Der lang ihm schon gedroht, Er schlug zur selben Stunde Den Hund, er schlug ihn todt. Chad Gadja! Chad Gadja! Er empfand es jetzt: er war in seinem innersten Wesen doch ein Jude. Die im Ghetto verlebte Kindheit, die Vererbung banden ihn in seinen Trieben und Empfindungen so, als wären es die Gebetriemen. Chad Gadja! Chad Gadja! Die Melodie löste in ihm unzählige Gedanken-Associationen. Er sah im Fluge das intensive Gedankenleben eines lockigen Knaben an sich vorbeiziehen, der im Umkreise des Ghetto, inmitten der hochaufstrebenden, pittoresken Häuser, ruhelos umherschweifte. Ein Reflex der einstigen kindlichen Freude ob der Festtage erleuchtete seine Seele. Wie bezaubernd war diese Folge der Feste, dieses Ueberleben des alten Orients im modernen Europa, dieses Nachleben in den Seelen der Ahnen! Die Sehnsucht packte ihn, mit seinem Vater mitzusingen, in der Synagoge einen Fussfali zu thun. Warum haben sich seine Brüder je darnach gesehnt aus der glücklichen^ Sclaverei des Ghetto herauszukommen? Seine Einbildungskraft suchte es sich zu vergegenwärtigen, wie es da ausgesehen haben mochte, ehe er geboren worden war : Das eine Campo umsäumt von einer Laden-Colonnade; die schwarzhaarigen jüdischen Händler in ihren langen Röcken; die eisernen Thore, welche um Mitternacht geschlossen wurden; die WächterT welche in ihren Barken in den das Ghetto umschliessenden Ganälen die Runde machten. Der gelbe Hut, das gelbe „Ou auf der Brust, das waren Ehrenzeichen. Denn es ist edler, verfolgt zu werden, als selbst zu verfolgen! Wozu haben sie die Emancipation gewünscht und erstrebt? Ihr Leben im Ghetto war in sich abgeschlossen, selbst-zufriedenstellend. Und jetzt? Nun waren sie ruhelos, zum ewigen Wandern verdammt. Er sah im Geiste den ersten jüdischen Einwandererstrom sich nach Venedig ergiessen — es war zu Anfang des 13. Jahrhunderts, und die Einwanderer waren Kaufleute aus Deutschland; später waren es Levantiner. Sie waren es, welche geholfen haben, Venedig zum Handelsemporium des 15. Jahrhunderts zu machen. Er erblickte weiters die letzten Ankömmlinge, welche vor den Verfolgungen der Inquisition unter den Fittigen des Marcus-Löwen Schutz suchten und — dank der Vermittlung ihres Volksgenossen Daniel Rodrigues, Consuls der Republik in Dalmatien — auch fanden. Einen Augenblick lang verharrte er bei der hervorragenden Gestalt dieses Daniel Rodrigues. Dann entsann er sich der endlosen Kniffe, welche die Juden anwenden mussten, um die strengen Vorschriften der Republik zu umgehen; es fiel ihm ihr zuerst listiger, dann passiver Widerstand ein, den sie der Verordnung entgegensetzten, in Mestre zu leben, worauf sie ins Ghetto verwiesen wurden. Welche Summe von Energie loderte in seinen seltsamen Ahnen, welche die Ruhe des Ostens mit dem Fieber des Westens vereinigten, in diesen Idealisten, die sich stets mit praktischen Dingen abgaben, in diesen Fürsten der Ideen, weiche ihre Umgebung nur deshalb beherrschten, weil ihre Ideen stets auf concrete Fragen Bezug hatten. Diese Art des jüdischen Geistes war dem griechischen verwandt. Und er, dem seines Vaters reale Welt ein Schatten war, empfand dennoch dessen instinctiven Hass gegen die in den Wolken Lebenden, die Wortgaukler. Wenn er selbst verfolgt oder arm gewesen wäre, und sein Vater ihm nicht den Weg zu einer unfruchtbaren literarischen Garriere geebnet hätte — vielleicht wäre er dann diesem ihn verfolgenden und quälenden Gefühle von Nichtigkeit und Daseinsleere entgangen. Er hätte dann auch eine Freude daran gefunden, seine christlichen Peiniger durch Anhäufung von Ducaten auf Ducaten zu überlisten. Er kicherte bei dem Gedanken, dass die Strazzaroli*) die fadenscheinig gewordenen Purpurmäntel des venetianischen Ruhmes zum Verkaufe hatten. Er entsann sich einmal, in den Ergebnissen einer alten Volkszählung folgende Reihenfolge gelesen zu haben: Männer, Frauen, Kinder, Mönche, Nonnen und Juden. Nun, die Dogen waren abgethan, Venedig war eine melancholische Ruine und die Juden — nun die Juden lebten üppig in den Palästen des hochmüthigen Adels. Er blickte um sich im prächtigen, langgestreckten Speisesaale mit seinen herrlichen Teppichen und Oelgemälden, der Frescodecke und dem Palmenschmuck. Er erinnerte sich des *) Venetianische Trödler.

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