Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 13 (28.3.1902)
- Article
- Die Thätigkeit der Alliance
- Date
- 1902-03-28
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 . ' „Die £ Welt" Nr^ Sie hoffte, die Presse und die öffentliche Meinung würden für die Juden eintreten; sie glaubte ferner, durch geeignete Schritte bei den Mächten ihr Ziel zu erreichen. Die öffentliche Meinung, auf die die Alliance gebaut hatte (vgl. den Bericht Levens aus dem Jahre 1873), hat sie im Stiche gelassen. Ihren Hoffnungen zum Trotze, ist die Angelegenheit unserer Glaubensgenossen durch die Anstrengung der Alliance n i c h t zu einer Angelegenheit aller civilisierten Menschen gemacht worden; und die Presse, die die bedrückten Juden schützen sollte, ist zum grössten Theile in das Lager der Judenfeinde übergetreten. Dagegen hat die Alliance durch die diplomatischen Schritte, die sie machte, Resultate erzielt — aber nur auf dem Papier; die staatsrechtliche Lage der Juden konnte sie auch durch dieses Mittel nicht bessern. 1873 traf die Leitung der Alliance in Paris mit dem Schah von Persien zusammen, und sie benützte die Gelegenheit, um die persischen Juden seinem Wohlwollen zu empfehlen: 1876 und 1878 verlangte sie von den in Constantinopel und Berlin versammelten Vertretern der Grossmächte die Enianeipation der rumänischen Juden; im Jahre 1880 wandte sie sich an die Madrider Confereiu:, um die Lage der Juden Marokkos zu bessern. .Vlies war vergebens. Trotz der Versprechungen des Schahs Nasr-Eddin hat sich in der Lage der persischen Juden nicht geändert.; die Megilla, die, wie Cremieux träumte, einst von der Alliance reden werde, die im 19. Jahrhundert die Juden Persiens rettete, wird leider nie geschrieben werden. In Rumänien ist die Lage der Juden eine schlimmere als je, die Alliance wurde nicht ein Wall, der sie beschützte; die' Conferenzen in Oonstantinopel und Berlin haben ihre Leiden nicht vermindert: früher wurden sie mit Ruthen, jetzt ' werden sie mit Scorpionen gezüchtigt. In Marokko blieb,! trotz der Beschlüsse, die die Madrider Conferenz fasste, und trotz aller Zusicherungen des Sultans Muley es Hassan, alles beim Alten. 1 In Russland erhielt die Alliance nie die Erlaubnis, Schulen zu gründen: sie hatte auch nie Gelegenheit, mit1 den russischen Machthabern über die Aufhebung der Judengesetze zu discutieren. Die diplomatische Action der Alliance ist also als gescheitert zu betrachten. Auch die Auswanderungsbewegung, die die Alliance angeregt und materiell unterstützt hat, hat wenig Erspricssliches gezeitigt. Aber hier ist nicht die Idee verfehlt, sondern die Art, wie sie sie zu realisieren suchte. Statt einem wohlüberlegten Plaiie, folgte sie einem Ziekzackeourse. 1800 g a 1) sie d e n r nssischen Juden die A n r e g u n g, n a c h A m c r i k a aus z u w a n d e r n : sie s e 1 b s t bestritt die TT e b e r f a h r t s k o s t e n v o n 800 A u s w a n d e r e r n — 1896 stellt sie die B e h a u p t u n g a u f, die Lösung der Jude jvf rag e, soweit R it s s 1 a n d inBet rächt k o in m <\ 1 i e g e in R u s s 1 a n d s e 1 b s t. 1882 u n t e r s t ü t z t e sie die C o 1 o n i s a t i o n Palästinas mi t R a t h u n d T hat; in denle t zt e n J a h r e n h i 1 f t s i e, das p a 1 ä s t i n e n s i s c h e Colon i s a t i o n s w e r k zu zerstören. Die Bilanz ihrer Auswanrlerungs- und Colcmisationsbestrebungen ist folgende: Millionen von Juden haben das alte Ghetto in Osteuropa verlassen und sind in Amerika in ein neues eingezogen; nur einige Tausende sind in Palästina als Bauern angesiedelt und haben dort eine staatsrechtliche Besserung ihrer Lage gefunden: dies letzte relativ günstige Resultat ist jedoch in erster Linie der Arbeit der Choveve-Zion und den Millionen des Baron Rothschild zu verdanken. Durch Auswanderung und Coloniöation die Lage der jüdischen Massen zu bessern, hat die Alliance nicht vermocht. Für das Fiasco in Argentinien^ deren Gründe Zaiigwill in einer seiner letzten Reden auseinandergesetzt hat, ist ihr kein Vorwurf zu machen, weil sie die argentinischen Colonien nicht gegründet, und sie eist seit wenigen Jahren in Gemeinschaft mit der Anglo Jewish Association deren Verwaltung übernommen hat. Wer die Ergebnisse der bisherigen Arbeit der Alliance kennt, versteht es wohl, dass die Mittel, die sie zur Hebung der jüdischen Bevölkerung anwandte, einer Revision unterzogen werden, und dass dafür gesorgt werde, dass die ungeeigneten fernerhin unbenutzt bleiben und nur solche Mittel angewandt werden, die durch die Erfahrung erprobt oder durch die üeberlegung empfohlen werden. , . Wir betrachten die Judennoth als eine Folge des Kampfes ums Dasein; die Juden, die durch Rasse und Religion eine besondere Menschengruppe bilden, werden in den meisten Fällen nicht als Freunde, sondern als Gegner betrachtet, machtlos und numerisch schwach, wie sie sind, m ü s s e n sie unterliegen. Da nützen die Allianceschulen nicht viel; Bildung, die nicht verwertet werden kann, macht die Juden nicht kämpf tüchtiger; durch Schulen wird das ungebildete jüdische Proletariat nur in ein gebildetes umgewandelt. Und kein Argument und kein Protest und kein Hinweis auf die Menschenliebe und die fortgeschrittene Cultur, wird den Sieger veranlassen, den Juden durch Verminderung des politischen und gesellschaftlichen Druckes. Waffen zu geben, um mit gleichen Chancen den Kampf ums Brot und um die Genüsse dieser Welt weiterzuführen. Demgemäss ist eine wirtschaftliche Besserstellung der jüdischen Massen nur dadurch möglich, dass sie die Länder, in denen der Druck zu gross ist, und in denen er in absehbarer Zeit sich nicht verringern wird, verlassen — instinetiv sucht ja jedes lebende Wesen, der Gegend zu entfliehen, in der es den Hungertod vor sich sieht — und in solchen Ländern sich ansiedeln, deren Besitzer ein Interesse haben, im Kampf gegen mächtigere Feinde auf die Hilfe des Judenthums rechnen zu können, die sie aber nicht als Gegner, sondern als Mitarbeiter, und Bundesgenossen aufnehmen und betrachten werden. Wohin ist aber der jüdische Auswandererstram zu dirigieren? Nach Amerika keinesfalls: Im Norden werden vor den jüdischen Proletariern die Thore geschlossen; im Süden warnt das argentinische Experiment vor weiterer jüdischer Einwanderung. Nur ein Land erfüllt alle vernünftigen Anforderungen, die an ein jüdisches Einwanderungsgebiet gestellt werden können, und dieses Land ist Palästina. Es ist imstande, Millionen unserer Brüder zu ernähren; die Türkei, die Besitzerin Palästinas, die innerhalb und ausserhalb ihrer. Grenzen ökonomisch und politisch bedrängt, weiss, dass eine arbeitsame jüdische Bevölkerung ihr nur nützen kann. Die Blicke der osteuropäischen Juden sind seit Jahren nach Palästina gerichtet. Nach dem Bulletin der A11 i - n n c e vom Jahre 1895, „ist es nicht nur die Anziehungskraft, die das Heilige Land auf fromme G e m ü t h e r ausübt,' die die J u cl. e n nach Palästina führt, sondern vor allem d as B e d ü r f n i s nach der Ruhe und de r ■S i c h e r h eit, dieihnehin Eussland und R u - münien fehlen; es ist auch die Sorge um i h r c in ihrem Geburtsland so unsiche r e E x i stenz, es ist endlich der W u n s c h , v o m A e k e r b a u zu lebe n", mit dem sie durch d i e ältesten Traditionen unserer Geschichte v e r k n ü p f t sin d." Ihrer Aufgabe wird die Alliance in der Zukunft gerecht werden, indem sie die Auswanderung der Juden aus Osteuropa und den übrigen Ländern, in denen ihr«