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Die Welt · 1902-03-28 · 13 (28.3.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
13 (28.3.1902)
Article
Die Thätigkeit der Alliance
Date
1902-03-28
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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In den 40 Jahren ihres Bestehens hat die Alliance dem unterdrückten, und nothleidenden Theile unseres Volkes grosse Dienste geleistet; doch die wirksame Hilfe, die sie in ihren Statuten verspricht, hat sie ihm nicht gebracht. Trotz der Anstrengungen, die sie gemacht, trotz der ungeheuren Mittel, dig ihr durch das Solidaritätsgefühl der westeuropäischen Juden zur Verfügung gestellt wurden, trotzdem einer der begabtesten Staatsmänner jüdischen Stammes Jahre und Jahrzehnte an ihrer Spitze stand und seinen Einfluss und seine Erfahrung ihr zur Verfügung stellte, hat sie nur in einzelnen Fällen es zu verhindern vermocht, dass den Juden Unrecht geschah, und nur auf wenige Augenblicke das Elend der jüdischen Massen zu lindern vermocht. Die allgemeine Lage der Juden konnte sie nicht beeinflussen. In den Ländern der Judennoth, in Persien, in Marokko, in Rumänien und Russland seufzen die Juden immer, noch, vom Judenhass bedrückt. Noch immer und noch mehr als früher dringt zum Himmel die Klage unseres unglücklichen Volkes, und noch immer sind die Anzeichen nicht vorhanden, dass die Alliance wirksam helfen werde. Wohl ist es zu verstehen, dass sie beim Beginne ihrer Thätigkeit keine glänzenden Resultate erzielen konnte. Es war das erstemal, seitdem die Juden in der Zerstreuung leben, dass eine Organisation gegründet wurde, deren Aufgabe war, der Judennoth zu steuern. Die Leiter dieser Organisation mussten ihre eigenen Lehrmeister sein; sie mussten anfangs irren; doch aus ihren Erfolgen und Misserfolgen hätten sie lernen solllen, welche Mittel, oder welche Mittel am besten, den dahinsiechenden jüdischen Volkskörper heilen konnten. Von Anfang an war sich die Alliance wohl bewusst, dass die von altersher bekannten Formen der Wohlthätigkeit keine dauernde Hebung der Lage der Juden bewirken konnten. Sie begnügte sich deshalb, und zwar mit vollem Rechte, nur bei katastrophalen Ereignissen durch Unterstützungen zu helfen. Im übrigen suchte sie eine materielle Besserstellung der Juden dadurch zu erzielen, dass sie sie mit Kenntnissen ausrüstete, die ihnen den Kampf ums Dasein erleichtern sollten, und dadurch, dass sie die Völker, unter denen die Juden lebten, dazu zu bringen suchte, die Ausnahmegesetze gegen sie zu mildern oder aufzuheben. Moralisch die Juden bessern, wollte sie wohl im Ernste nicht; denn sie wusste wohl, dass in moralischer Beziehung der emancipierte Jude vom Ghetto juden lernen kann, und nicht umgekehrt. Wo eine Besserstellung im Lande selbst nicht möglich war, regte sie, wenigstens in gewissen Perioden, eine Auswanderung der Juden an. . Ihre Hauptthätigkeit concentrierte die Alliance auf den Unterricht. Ihre regelmässigen Einnahmen benützte sie, um Schulen: Elementar- und Fachschulen, zu gründen und zu unterhalten. Man kann mit vollem Rechte sagen: Die Geschichte der Alliance ist grösstentheils eine Geschichte ihrer Schulen. Sind nun Schulen imstande, die materiellen Interessen grosser Massen zu fördern? Die Antwort lautet: Ja, wenn der Unterricht nur den Zweck verfolgt, die Schüler für das Leben vorzubereiten, und wenn denjenigen Leuten, die die Schule verlassen, Gelegenheit geboten ist, die erworbenen Kenntnisse nutzbringend zu verwerten. Diesen Bedingungen jedoch entsprechen die Allianceschulen nicht. Schulen, deren Unterrichtssprache die Landessprache nicht ist, verfolgen andere Zwecke als blosse Unterrichtszwecke. Wie ferner die Alliance selbst in ihren Berichten vom Jahre 1893 und 1897 mittheilte, sind die Juden in den Ländern, in denen sie die meisten Schulen unterhält, nicht imstande, aus den in den Schulen erworbenen Kenntnissen Nutzen zu ziehen. In dem Berichte aus dem Jahre 1893 heisst es, „die jüdische Jugend, die mit einem Schatz elementarer Kenntnisse versehen die Schule verlässt, muss ihre Thätigkeit in einem unfruchtbaren und sehr oft feindlichen Milieu ausüben". Und im Jahre 1897 wird darüber geklagt, ^,dass die Lage des Handwerks im Orient eine so traurige ist, dass in manchen Orten die Lehrlinge sehr oft ohne Beschäftigung sind, und dass sie, da sie nur eine unsichere Zukunft vor sich sehen, schnell den Muth sinken lassen". Die Aufgabe aber, die sieh die Alliance gestellt, konnte durch ihre Schulen nicht gelöst werden; ebensowenig durch ihren Plan, eine Aufhebung oder Milderung der Ausnahmegesetze, die gegen die Juden gerichtet waren, zu bewirken.

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