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Die Welt · 1902-03-28 · 13 (28.3.1902) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
13 (28.3.1902)
Article
Die Thätigkeit der Alliance
Date
1902-03-28
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr, 13 „Die Welt** Seite 3 Lage eine unhaltbare ist, und ihre Einwanderung in Palästina nach einem rationellen Plan organisiert. Dies soll ihre Hauptaetion sein. Die diplomatischen Schritte und die Schulen sollen in erster Linie dazu dienen, diese Action zu unterstützen. Jene, damit die Mächte der Auswanderung der Juden keine Hindernisse in den Weg legen, diese, damit die junge Generation für ihr künftiges Geschick vorbereitet werde. Durch Eintreten für unsere Candidatur bei den bevorstehenden Wahlen, ist den Mitgliedern der Alliance die Möglichkeit gegeben, zur Ausführung des von uns skizzierten Programmes beizutragen. Sie werden dann aus der Idee, die schlecht informierte Gegner eine Utopie nennen, eine Eealität machen. Das Bulletin der Alliance wird nicht mehr, wie bis jetzt, ein Memorbuch der Leiden der Juden sein; denn die wirksame Hilfe, die das bedrängte Judenthum erwartete, wurde ihm gebracht. Der Antisemitismus in Canada und die jüdische Emigration. Als vor zwei Jahren die Noth der Juden in Rumänien aufs höchste gestiegen war und tausende jüdische Familien plötzlich die grausame Nothwendigkeit vor sich sahen, ihr Geburtsland zu verlassen, da waren die Blicke dieser Haltlosen und ihrer Rathgeber auf Canada gerichtet, als auf ein Land, dessen Fähigkeit, neue jüdische Ansiedler aufzunehmen, anscheinend noch nicht den Sättigungspunkt erreicht hatte. Von Seiten der canadischen Regierung wurden die Einwanderungslustigen anfangs ermuthigt: Man eröffnete ihnen die Aussicht auf ein freies, redlich nährendes Bauernleben, indem man ihnen unter gewissen ' Bedingungen die unentgeltliche Ueberlassung ausgedehnter Landstrecken nebst manchen anderen Begünstigungen verhiess. Dies hatte zur Folge, dass die unglücklichen Auswanderer von einem wahren Canadafieber ergriffen wurden und auch die völlig Unbemittelten unter ihnen nach diesem neuen Lande der Verheissung auszogen, in der Hoffnung, von den dortigen Behörden angesiedelt und ausgiebig gefördert zu werden. Der Rückschlag konnte naturgemäss nicht ausbleiben. Als das rumänische Judenproletariat ohne die geringsten Subsistenzmittel scharenweise nach Ganada strömte, begann man, der Landung dieser unliebsamen Gäste Schwierigkeiten zu bereiten, verhängte später auch über die Wohlhabenderen unter ihnen die Hafensperre und gewährte nur mit Mühe und Noth auf Intervention einflussreicher jüdischer Körperschaften und Privatpersonen den materiell am günstigsten gestellten Einwanderern die Erlaubnis, sich im Lande niederzulassen. In der freien britischen Dominion war der Antisemitismus zu jener Zeit noch ganz unbekannt. Dieser Umstand war es ja, der das Land den rumänischen Juden so verlockend erscheinen liess. Allein die Beobachtung, die man während der jahrtausendlangen Wanderfahrten des jüdischen Volkes oft und oft anstellen konnte, hier erprobte sie sich aufs neue: in ihren Bündeln schleppten die Ankömmlinge die Erreger des Antisemitismus mit sich, und um die vielgepriesene canadische Immunität war's alsbald geschehen. Wie weit die Judenfeindschaft auf canadischem Boden bisher gediehen ist, davon geben uns die folgenden zwei Vorfälle einen ungefähren Begriff: I. Vor einem canadischen Gerichtshofe stand neulich in einem Civilproeesse ein Jude als Beklagter da. Der Richter P a g n u 1 o ist als ein grimmiger Antisemit bekannt. Wohl noch niemals hat ein Jude bei ihm einen Process gewonnen. Diesmal machte er in öffentlicher Gerichtssitzung die Bemerkung: „Es handelt sich um einen Juden." Der Vertreter des Beklagten, Rechtsanwalt Grantshaw, sagte darauf: „Obgleich mein. Client ein Jude ist, hoffe ich doch, dass Ew. Lordschaft bei Ausübung der richterlichen Befugnisse nicht vergessen werden, dass im britischen Reiche alle ohne Unterschied der Abstammung und des Bekenntnisses vor dem Gesetze gleich sind." Der Richter erklärte diese Worte für eine Beleidigung des Gerichtshofes und verlangte eine Bitte um Entschuldigung. Der Anwalt erwiderte, er habe keine Ursache, um Entschuldigung zu bitten. Er habe nur seinem dienten gegenüber seine Pflicht gethan, besonders da Se. Lordschaft, als die Parteien aufgerufen wurden, bemerkt habe: „Es ist ein Jude", wodurch er die Processordnung verletzt habe. Der Richter suspendierte hierauf den Anwalt. Dieser will die Angelegenheit im Gentraiparlament zur Sprache bringen lassen und eventuell an den geheimen Staatsrath in London appellieren. IL Die in Mo nt r e a 1 erscheinende und unter den ^Inhabitants" — welche bekanntlich 29°j0 der canadischen Bevölkerung ausmachen — vielgelesene französische Zeitung „Le Pionnier" brachte vor „kurzem einen Artikel mit der Ueberschrift „La Juiverie — voilä l'ennemi". Darin wird die canadische Gesellschaft ermahnt, beizeiten vorbeugende Massregeln zu ergreifen, „um die schrecklichen Gefahren, die das Judenthum auf unser junges Vaterland heraufbeschwören will, abzuwendenti. Das „Judenthum" ist nach dem Artikelschreiber „die Gesammtheit jener eingewanderten orientalischen Parasiten, welche, ohne selbst zu arbeiten, das beste Mark der Arbeitenden aussaugen". Er sucht nachzuweisen, dass das Judenthum im Wirtschaftsleben aller Gulturvölker Verwüstungen anrichte und dass es sich auch in Ganada anschicke, „Besitz zu ergreifen von unserem Handel und unserer Industrie und uns bloss das Recht auf Ausübung der niederen Gewerbe, wie das der Wasserträger und Holzhauer, zu überlassen". Als Mittel dagegen empfiehlt der Artikelschreiber, „die gute (soll heissen: nichtjüdische) Einwanderung nach Canada zu ermutbigen und den Rest strenge auszuschliessen". Das ist wohl deutlich genug. Ein grosser Theil der canadischen Bevölkerung will den Zuzug neuer jüdischer Einwanderer vom Lande fernhalten und wird allem Anscheine nach Mittel und Wege finden, .seinen Willen durchzusetzen. Es ist nicht einzusehen, was die canadische Regierung abhalten sollte, die Einwanderungs-Frage im Sinne der judenfeindlichen Beschwerdeführer gesetzlich zu „regeln", wo doch selbst im englischen Mutterlande eben eine königliche Commission an der Vorbereitung einer „Alien-Bill" arbeitet. (Vergl. den Artikel „Zur Einwanderungs-Frage in England" in dieser Nummer.) Auch hat man in Canada das Beispiel der Vereinigten Staaten vor Augen, welche die Einwanderung von Juden längst gehörig eingeschränkt haben. Inzwischen wird dafür gesorgt, dass der ewige jüdische Wanderzug auch nicht einen Augenblick zum Stillstande komme. Neuerdings sind in Rumänien durch einen feindlichen Act der Gesetzgebung tausende von Juden entwurzelt worden. Auch in den anderen osteuropäischen Ländern, namentlich in Russland, werden immer wieder neue jüdische Existenzen vom Heimatsboden losgerissen und von der Emigrationsströmung fortgeschwemmt. Es ist ein eontinuierlicher, unaufhaltsamer Abflussprocess. Dabei werden gegen den Auswandererstrom heute in England, morgen in Canada und übermorgen Gott weis wo sonst starke Dämme aufgerichtet. Es muss mit der Zeit zu einer furcht er-

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