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Die Welt · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Article
In Jerusalem sterben!
Date
1902-02-28
Page
12 (sequence 3)
Language
German
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Seite 12 „Die # Weit*6 Nr. „Isaak!" schrie sie und streckte ihm über die Rampe ihre Anne entgegen. Ihr lautes Rufen verhallte in dem allgemeinen Applaus der Menge. IV. Sie schrieb ihm und adressierte den Brief ins Theater. Das erste Couvert musste sie zerreissen, hatte sie doch unwillkürlich an Isaak Lewinsky adressiert. Ihr Brief war ein Freudenerguss, dass sie ihren theuren Isaak gefunden; wie stolz war sie auf ihn und seine Carrfere! Wer hätte je geträumt* dass der Lithographen-Lehrling eine führende Stellung in der eleganten Welt einnehmen wercle! Zwar habe sie immer an seine Fähigkeiten geglaubt, habe sie doch das Aquarell, das ihr Portrait vorstellte, immer in Ehren gehalten und es in die gute Stube, hinter dem Kramladen, wo sie hineingeheiratet hatte, aufgehängt. Sie habe gedacht, dass auch er verheiratet und nach Amerika gegangen sei. Vielleicht war er doch unverheiratet, wenn er auch in England geblieben war. Würde er ihr es nicht schreiben? Die Eltern hatten ihn natürlich aus ihrem Herzen verbannt, trotzdem die Mutter oft seinen Namen aus dem Schlafe rief. Sie aber hat immer viel an ihn gedacht; vielleicht wird er ihr erlauben, zu ihm zu kommen, um ihn zu sehen. Sie wird im geheimen kommen, wenn kein vornehmer Gast bei ihm sein wird, sie wird sich auch nie verrathen, dass sie eine Jüdin und nicht in Brasilien geboren sei. Der Vater war, Gott sei Dank, noch recht kräftig, aber die Mutter war öfters leidend. In der Hoffnung, ihn bald zu sehen, verbleibe sie seine ihn liebende Leah...... Gespannt wartete sie auf Antwort. Tag um Tag vergieng, aber keine Zeile kam. —' Als die Tage zu Wochen geworden waren, fieng sie an, die Hoffnung zu verlieren. Erst als der „Kreisel", dessen Laufbahn sie in den Theaternachrichten gefolgt war, nach einer kürzeren Zeit, als man es nach dem Erfolg der Premiere gedacht hätte, vom Repertoir abgesetzt wurde, war auch . sie, mit eigentümlicher Uebereinstimmung davon durchdrungen, dass ihr Brief unbeantwortet bleiben werde. Vielleicht war er nicht angekommen. Es war jetzt nicht schwer, Ethelred P. Windhurst*s Adresse zu erhalten, und sie schrieb ihm abermals. Wieder dasselbe verletzende Schweigen. Nach einem Monat begriff sie, dass sein letzter hebräischer Brief sein letztes Wort gewesen war, dass er sich ein für allemal von den fliegenden Kaftans losgemacht hatte und auch nicht durch das leiseste Berühren des Saumes wieder hineingezogen werden wollte. Sie weinte, dass sie ihn das zweitemal verloren habe, aber das fortwährende Denken an ihn hatte eine solche Menge süsser Kindheits- Erinnerungen herauf beschworen; es schien ihr jetzt unf assbar, dass sie nicht noch einmal theilhahen sollte an seinem Sein. Er hatte ihren Horizont erweitert; sie verfolgte seine Laufbahn in den Blättern und vergötterte ihn, da sieh ihr, in ihrer Unwissenheit, alles grossartig darstellte. Nach und nach begann sie in ihren Kreisen davon zu sprechen und zu prahlen, so dass es bald allen ausser den Eltern bekannt ward., dass der verlorene Isaak eine Leuchte der heidnischen Welt geworden war. In die Verachtung des Ghetto mischte sich geheime Bewunderung für Ethelred P. Windhurst. V. In der vornehmen heidnischen Welt mischte sieh geheime Verachtung m die Bewunderung Ethelred P. Windhurst's. Er war, das konnte man njcht leugnen, modern; aber hinter seinem Rücken schimpfte man ihn „Jude". Er verdiente das Brandmal nicht, insoweit es glänzende finanzielle Verhältnisse andeuten sollte. Seine verschiedenen Talente hatten bloss dazu gedient, keines ernstlich ausreifen zu lassen. Der Beginn seiner Carriere war ein kleiner Erfolg mit blendenden, aber schlecht gezeichneten Gemälden, die er gut absetzte; er hatte Liebesgedichte gesehrieben, die in Musik gesetzt worden waren, und stand in zarten Beziehungen zu einigen hässlichen, verlassenen Frauen der Gesellschaft; er war Lebemann in des Wortes vollster Bedeutung, und man verdächtigte ihn, die Kritiken seiner Lustspiele selbst zu fabricieren. In dieser nicht genau begrenzten Welt, in der die Aristokratie und Boheme zvi gleichen Theilen verkehrten, war er eine bekannte Figur (zu bekannt, brummten die Alten) und genoss den Ruf eines Gourmand. Trotzdem waren viele von denen, die ihn einen „Schmarotzer" nannten, nicht abgeneigt, seine Weine zu verkosten, wenn er den liebenswürdigen Wirt spielte. Eben war er in dieser Rolle vor einer grossen Gesellschaft in seinem Arbeitszimmer thätig und stand im Begriffe, eine delicates Sandwich zu verzehren, als ihm ein Telegramm überbracht wurde. „Wieder ein Schauspielerin, die „absagt", ich wundere mich, wie sie es nur anstellen,, ihre Rollen zu behalten!"' Seine Züge veränderten sich, nachdem er ungeduldig das Papier aufgerissen hatte: — „Mutter im Sterben! Zustand hoffnungslos. Wünscht Dich zu sehen. Habe ihr mitgetheilt, dass Du in London anwesend. Der Vater erlaubt's. ,Komme sofort. Leah." — Er verbrannte das Papier an der Gasflamme und zündete sich eine frische Cigarette damit an. r „Ganz so, wie ich5s gedacht," sprach er lächelnd. „Die Frauen bleiben eben immer Frauen, auch wenn sie Künstlerinnen sind —". VI. Nach dem Tode seiner Frau — die Arme hatte vergebens nach dem Sohne verlangt, war der alte Rabbi gebrochenen Herzens zurückgeblieben. Es war, als folgten seine Gefühle den Worten des Talmud, der da sagt: „Wer sein Weib sterben sieht, ist wie einer, der die Zerstörung des Tempels mit eigenen Augen gesehen!" Jetzt gab es nur noch eines für ihn im Leben, die Ruinen des Tempels!' Er musste bald sterben, und der Traum seines Lebens drängte sich abermals in den Vordergrund. Ach könnte er doch nur in Jerusalem sterben! Das lieben war des Lebens nicht wert. Er stimmte darin mit seinen längst verstorbenen Brüdern, den Rabbinern in Babylon, über ein, es war nur eine Last, die mit Anstand ertragen werden musste. Aber, war das Leben auch des Lebens nicht wert/ so war doch der Tod — in Jerusalem— des Sterbens wert! . . . Jerusalem^ wohin >er sich dreimal des Tages im Gebete wandte, dessen Name in goldenen Lettern in seinem Herzen geschrieben stand, so wie in dem des spanischen Sängers, mit dem er sang: „Wer wird mir Flügel geben, dass ich fliegen könnte und brächte Die Ruinen meines Herzens, damit es klopfe unter Deinen Trümmern! —- Ich will mein Haupt zu Deinem Boden beugen; ich will umfassen Theure, Deine Steine/ und will küssen Deinen Staub!' Die Luft Deiner Erde gibt neues Leben der Seele, reine Myrrh n Sind die Körner Deines Staubes und Honigscheiben Deine Ströme. Freuen möeht' sich meine Seele, könnt' ich, wenn auch nackt und bloss, Pilgern zu den Ruinen, wo Deine Schwingen Du entfaltest! Zu dem Ort, wo die Priester lehrten, zu der Stell', Wo die Cherubim weilten, in dem Innersten des Heiligthumsj — In Jerusalem sterben! — Das war sein Lebensziel. Aber es galt eine Schwierigkeit zu überwinden. Der heilige Mann wusste durch Correspondenz mit Rabbinern aus Jerusalem, dass ein russischer Unterthan nur schwer in Jaffa oder Beyrut, selbst mit Hilfe von Bakshish, landen könne. Der einzige Ausweg war, als britischer Unterthan hineinzukommen. Oh Ironie des Schicksals! —• Beinahe ein halbes Jahrhundert hatte der alte Mann m seinem Chalat als Fremder in England gelebt, und jetzt, wo er abreiste, um unter den Frommen zu sterben, war er genöthigt, sich als Engländer freiwillig naturalisieren zu lassen. Mit Hilfe eines frommen reichen Westend-Juden, der oft ostwärts zu den biblischen Exegesen des Rabbi gepilgert war, wurden alle Schwierigkeiten überwunden. Mit einem von den englischen Behörden unterzeichneten Passe gewappnet, reiste der Rabbi, nachdem er Leah den letzten Segen ertheilt — durch das Fenster des Reisewagens legte er seine Hände auf ihre schönste Haube —-> nach seinem heiligen Sterbeorte ab. VII. Solch eine Enttäuschung, wie sie oft den Träumer befällt, wenn er das Land seiner Träume sieht, ward dem Rabbi erspart. Er blieb ein Träumer sogar im Angesichte der kahlen Wirklichkeit; er betrachtete mit abwesenden Blicken die von dem Auswurf der abgerissenen Schnorrer überfüllten Alleen. Er war weltentrückt, erfüllt von himmlischer Liebe, und harrte des Augenblicks, wo er in eine bessere Welt berufen werden würde. Seine Gebete an der heiligen Mauer um die Wiederherstellung von Zions Macht trugen trotz ihrer innigen Glut die unpersönliche Art eines Menschen, dem alles auf dieser irdischen Welt gleichgiltig ist. Was das Aeusserliche betrifft, so lebte er — in den seltenen Intervallen, wo er weder in der Synagoge, noch in der Schule war — auf einer staubigen Stiege in einer schmalen, dunklen Gasse; er bewohnte einen kleinen Raum mit einer Küche in Gestalt eines Öfens beim Treppenabsatz; dort war das Centrum der wandernden Schnorrer, für die der reiche englische Rabbi ein unerwarteter Glücksfall war. Reich und englisch waren im hungrigen Jerusalem gleichbedeutend, aber die Ansprüche dieser Bettler waren so bescheiden und die Theilung des Eigenthums so durchgeführt, dass der heilige Mann mit einem Penny ein Dutzend zu befriedigen vermochte. Hie und da erhielt er einen englischen Brief von Leah. Die Tochter hatte die-gelehrte Tradition der Mutter nicht beibehalten, so dass der Rabbi gezwungen war, sich an den Schullehrer zu wenden, um sieh ihre Zeilen ins Hebräische umsetzen zu lassen. Die Neuigkeiten boten wenig

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