Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Article
- In Jerusalem sterben!
- Date
- 1902-02-28
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315969-3318955--30807-3319028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fcf „Ble-s^,We&6C Seite .11 Sie inussten zu Bette gehen, ohne ihn gesehen zu haben, als wäre es ein gewöhnlicher Abend:, an dem er sich mit den Kameraden ans seiner Lehrzeit amüsieren konnte! Sie warteten., bis die Kerzen ausgebrannt waren, die Finsternis, in der sie die Treppe heruntertappten, schien ihnen ein Symbol ihrer Stimmung. Sie schauerten. Das hell flackernde Feuer war zu grauer Asche geworden, die sabbathliche Lichtanzünderin hatte ihren Rundgang um 9 Uhr beendet, sie aber durften weder Licht noch Zündholz berühren. 3er Sonnenaufgang zeigte der Mutter, die kein Auge geschlossen hatte, dass das Bett ihres Sohnes leer sei. Sie bemerkte auch, was sie am Abend vorher schon hätte sehen können, wenn sie (gegen die religiösen Vorschriften) mit einem Lichte hineingegangen wäre — dass auch das Zimmer leer war; die wichtigsten Gegenstände, Bücher und Zeichnungen fehlten. „Gott im Himmel!" schrie sie auf. Ihr Sohn war entflohen! Sie rang die Hände, sie klagte mit orientalischer Weitschweifigkeit, sie hätte sich die Haare ausgerauft, wären sie in frommer Art nicht abgeschnitten, und durch einen schwarzen, in der Mitte getheilten Scheitel ersetzt gewesen. Es war das einzig Unbewegte an der Verzweifelten. Per Rabbi zeigte mehr äussere Ruhe. „Vielleicht finden wir ihn in der Synagoge," sagte er zitternd. „Er ist fort. Er wird nie mehr zurückkehren! Wehe mir!" „Er hat den Sabbath-Gottesdienst noch nie versäumt!" fügte der Rabbi hinzu. Innerlich bebte sein Herz, dass seine Frau richtig prophezeie. Dieses England, das so viele unter seinen Landsleuten zu, christlichen Sitten bekehrte, würde ihm auch, so schien es ihm oft, seinen Sohn stehlen; trotzdem hatte er sich nie von dieser Furcht übermannen lassen. Seine Predigt an diesem Morgen war ganz biblische Exegese, die wirklichen Verhältnisse waren vergessen, mit ihnen auch sein persönliches Leid! Seine Seele weilte in Jerusalem, er träumte, dass Israel, in fernen Zeiten dorthin zurückkehren werde! Als er nachhause kam, sah er, dass der Postbote einen Brief zurückgelassen hatte.. Seine Frau beeilte sich, ihn zu öffnen. „Was thust Du?" schrie er. „Nicht heute. Wenn der Sabbath vorüber sein wird . . . „Ich kann nicht warten. Der Brief ist von ihm — von Isaak." ■ „So warte wenigstens, bis die Feuerfrau kommt, sie wird ihn öffnen." Als Antwort riss die Mutter das Couvert auf. Es war die kühnste Action in ihrem Leben — der erste Bruch mit den Traditionen .... Der Brief war hebräisch geschrieben (konnte ja keüies der Eltern, englisch lesen), und begann kurz, ohne Datum, Anrede oder Titel: „Es ist das letztemal, dass ich in der heiligen Sprache schreibe.. Meine Seele ist der Juden müde., sie sind ein blindes undankbares Volk, die noch immer zögern, wo die Welt ihrer nicht mehr bedarf; sie haben kein eigenes Land, und wollen sich nicht mit den anderen Völkern, die ihnen die Anne entgegenstrecken, vermischen. Versucht nicht, mich aufzufinden, denn ich gehe in eine neue Welt. Streichet meinen Namen, so wie ich den Euren ausstreiche. Denkt, ich wäre nie gewesen!" .... Die Mutter Hess den Brief sinken, sie schluchzte und jammerte: „Ich, die ihn geboren! Ich, die ihn geboren!" „Ruhe!" sagte der Vater; seine Glieder zitterten, die Stimme aber blieb fest. „Er ist todt! Gott hat gegeben, Gott hat genommen. Gesegnet sei der Name Gottes! Von heute Abend wollen wir durch die sieben Trauertage Schiwe sitzen. Heute ist Sabbath!" „Mein Sabbath ist für immer vorüber. Du hast meinen Jungen mit Deinen langen Gebeten vertrieben." „Nein, Gott hat ihn genommen für Deine Sünden, Du gottlose Sabbathschänderin! Friede, ich will den Segen sprechen 2" „Mein Isaak, mein einziger Sohn! Wir werden den K&ddisch (Trauergebet) für ihn beten, wer aber wird für uns Kaddisch sagen?" III. Immer wieder lasen die armen Eltern den Brief und sie kamen darin überein, dass das Aergste geschehen war. " Die Anspielungen auf das „Vermischen" und auf die „Neue Welt" waren leicht zu lösen. Isaak war dem Zauber eines schönen, heidnischen Weibes verfallen; er wird sie in irgend einer Kirche heiraten und mit ihr nach Amerika auswandern. Nolens volcns mussten sie ihn aus ihrem Leben streichen. So vergingen die Jahre; der Lebendig-Todte warf einen düsteren Schatten auf ihr Dasein. Der einzige Sonnenstrahl in demselben war die Verlobung Lea's mit dem Präses der Gemeinde; er war Kurzwarenhändler. Es ist wahr, er sprach gut englisch und kleidete sich wie ein Beamter, aber in dieser degenerierten Generation musste man sich damit zufrieden geben, einen Schwiegersohn zu bekommen, der sein Geschäft am Samstag sperrte. Eines Abends* es war etwa zehn Jahre später, las Lea eben ihr Woehenblättehen, das sie mit den Vorgängen da draussen in der Welt bekannt machte, als sie plötzlich laut aufschrie! — „Was ist geschehen?"' frug ihr Mann. „Nichts — ich dachte —" und wieder starrte sie die Zeichnung eines Männerkopfes an, die das Blatt brachte. „Aber nein, es konnte ja nicht sein!" „Mr. Ethelred P. Windhurst, dessen Talente ihn in der Gesellschaft so populär gemacht haben, hat sich, so lautet das Gerücht, in einer neuen Richtung versucht. Man behauptet, er schreibe ein Stück für Mrs. Dowald 0. Neill, die ihm vor kurzem zu einem Porträt, das jetzt im Künstlerclub ausgestellt ist, sass. Die Diva soll, und das ist bereits festgestellt, im .Herbst in diesem neuen Stücke auftreten. Mr. Windhursts beissende Bonmots gingen oft von Mund zu Mund, es wird interessant sein, zu sehen, ob er seine Bühnenfiguren lebendig zu gestalten wird vermögen!" Was hatten all' diese Herrlichkeiten mit Isaak Lewinsky zu thun? Mit Isaak und seinem heidnischen Weibe drüben über dem Ocean? ... Und doch — Ethelred P. Windhurst zeigte eine auffallende Aehnlichkeit mit Isaak — das war dieselbe charakteristisch gebogene Nase, dieselben starken Augenbrauen. Vielleicht hat sich Isaak zum Portraitmaler emporgearbeitet! Warum nicht? War nicht die alte Zeichnung, die Leah darstellte, die Zierde ihres Empfangszimmers? Ihr Herz schwoll vor Stolz bei dem Gedanken. Aber nicht doch! Wahrscheinlicher ist, dass die Zeichnung schlecht gemacht ist, dass sie bloss zufällig ihrem Bruder gleiche. Seufzend Hess sie die Zeitungsinken. Aber sie konnte den Gedanken nicht fallen hissen. Er hielt sie gefangen und verlangte Befriedigung. Der Name Ethelred P. Windhurst, so oft er in den Spalten des Blattes erschien — und es war eigentümlich, wie oft sie ihn jetzt bemerkte, trotzdem sie ihn vorher nie sah — machte ihr Herz in süsser Hoffnung höher schlagen. Sie kaufte andere Zeitungen, nur um den Namen wieder zu lesen, öfter ward sie auch belohnt. Unwillkürlich baute ihre Phantasie an einer glänzenden, romantischen Carriere, die durch den Namen Isaak gekrönt werden sollte. Sie begann im geheimen Theater- und Familienjournale zu studieren, und nahm, wenn auch im Verborgenen, an allen gesellschaftlichen Veranstaltungen theil. Und aus all der Menge der gedruckten Buchstaben hob sich Ethelred P. Windhurst's Name leuchtend ab. Die Gerüchte über sein Stück mehrten sich. Es hiess „Die Sünden der Gesellschaft." Es wird bald dargestellt werden. Es war noch nicht vollendet. Ein anderer Theaterdirector will es erwerben. Es wird schon geprobt. Es heisst „Der höhmische Knabe". Es kommt in dieser Saison nicht mehr ins Repertoire. Fieberhaft folgte Leah diesen widersprechenden Mittheilungen. Eines Tages erschien ein grosses Bild von — Isaak! Isaak, wie er leibte und lebte! Sie flog in Gedanken gen Himmel. Weiter unten war ein Interview abgedrückt; dasselbe riss sie wieder aus den Wolken hernieder. Ethelred -war in Brasilien geboren, ein englischer Ingenieur und eine spanische Schönheit, die wunderbar Violine spielte, waren seine Eltern. — Das Bild ihrer Mutter mit dem unnatürlich fest aufliegenden Scheitel und (1er Violine lockte ein bitteres Lächeln auf ihre Lippen. Und doch ward's ihr schwer, sich von Ethelred loszumachen. Es schien ihr, als verliere sie Isaak zum zweitemnale. Dann schloss sie schlau, dass der Scheitel und der Chalat sich gedruckt nicht gut ausgenommen hätten, dass ja Isaak sie in seinem Abschiedsbriefe vollständig verleugnet hatte, und dass es ihm ja jetzt freistand, andere Eltern zu erfinden. Natürlich — wie dumm war sie doch — wie konnte Ethelred P. Windhurst sich zu Isaak Lewinsky's Kindheit bekennen! Ja. er wars, es war doch ihr Isaak! ....... Sie wollte sich endlich Gewissheit verschaffen. Sie wusste aus der Leetüre der vielen Zeitungen, zu der sie Ethelred angeeifert hatte, dass die Autoren bei den Premieren auf der Bühne erscheinen. Sie wollte zur ersten Vorstellung vom „Kreisel", das war der endgiltige Titel, gehen und ihre Gemüthsluhe wiedergewinnen. Sie gab vor, eine kranke Freundin zu besuchen und wanderte nach dem Westend: stuendenlang harrte sie, um einen guten Sitz in der ersten Gallerie-Reihe zu erobern. Ihre Hoffnungen sanken mit dem Fortschreiten des Stückes. Trotzdem sie von dem glänzenden Dialog wenig verstand, so schien es ihr doch, als sie mit eigenen Augen all diese vornehmen Leute in den Logen und auf der Bühne sah, unmöglich, dass Isaak zu ihnen gehöre, unmöglich, dass sein Geist und Wille all diese eleganten Herren und Damen in so ausgezeichneter Weise durch diese herrlichen Salons leite. Eine Satire auf die Juden, die sich in die vornehme Gesellschaft einzudrängen versuchten, brachte sie vollends aus der Fassung. Sie nahm an der allgemeinen Heiterkeit theil, ihr Lachen aber klang hysterisch erregt. — Als aber am Schlüsse der „Autor'"' stürmisch gerufen wurde, und Isaak Lewinsky in Person auf den Brettern erschien —- ein anderer Isaak freilich, der sich in einen Märche.npririzen verwandelt hatte, so vornehm, wie nur einer aus seinen Stücken. Isaak, der gekrönte Dichter, der unbedingte Beherrscher dieses glänzenden Kreises — da lösten sich die .widerstreitenden Empfindungen in Lealrs Brust in einem Schluchzen der Freude!