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Die Welt · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Article
In Jerusalem sterben!
Date
1902-02-28
Page
13 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 9 „Die # Welt" Seite 13 Interesse. Leahs Welt war ilim fremd geworden. Er brachte alles zu Papier und wandte sieh damit an den Sterbenden. Das letzte Band, das ihn an die Vergangenheit knüpfte, ward schwächer und schwächer, so wie sein Körper schwach und schwächer wurde, bis er endlich, gebeugt von Alter und Krankheit, mit dem langen weissen Bart durch die heilige Stadt schlich, wie ein Bild ihrer Ruinen. Er erschien, wie einer, der über die Grenze des Jüdischen gelangt war., und bald in die Tiefe versinken würde. Sicher werde, ihm Gott noch heute den Todesengel senden, dachte er! Da erhielt er eines Tages einen Brief von Leah, der ihn gewaltsam aus seinem glückseligen Traume riss; die Worte warfen ihn mit einem Schlage ins irdische Leben zurück! . Isaak, Isaak war heimgekehrt. Er war heimgekehrt ins verödete Heim! Er hatte seine Schwester aufgesucht, die pflegte ihn jetzt auf seinem Todtenbette. Er war an Leib und Leben bankerott geworden; sein Hab und Gut war — eine schreckliche Uebereinstimmung — in diesem Augenblicke verkauft worden, in dem ihm die Aerzte mittheilten, dass er ein verlorener Mann sei. Sein Todtenbett war ein vorzeitiges Fegefeuer von Reue und Qual. Er stöhnte fortwährend nach seinem Vater. Wollte er nicht seinen Fluch widerrufen, ihn segnen, ihm versprechen, Kaddisch für seine Seele zu sagen, um ihn vor völliger Verdammnis zu retten? Möchte er ihm nicht sofort seine Verzeihung mittheilen? Isaaks Tage waren gezähltj länger als einen Monat könne er nicht leben! Der Rabbi war furchtbar erschüttert. Er erinnerte sich an all die Leidensjahre, "die durch die Brutalität, mit der Isaak dem Ruf der sterbenden Mutter keine Folge leistete, erhöht worden waren; aber je ärger die Sünde des Sohnes war, umso schwerer hatte er den Zorn Gottes erregt. Und die Mutter — würde nicht ihr Gan-eden*) getrübt werden durch den Sohn, der die Qualen der Hölle erleidenwe de? Ihr zuliebe musste er seinem ungerathenen Sprössling vergeben; vielleicht wird Gott dann barmherziger sein. Die Verdienste des Vaters zählten: Er selbst war gesegnet durch die Verdienste seiner Väter Abraham, Isaak und Jakob. Er war nach Jerusalem gepilgert. Vielleicht wurden seine Gebete erhört ...... Mit zitternder Hand schrieb der alte Mann einen Brief an seinen Sohn, in dem £r ihn seiner vollen Verzeihung versicherte, ihn aber bat, Gott Tag und Nacht hindurch anzuflehen! Dann folgten einige Gitate aus dem Talmud tröstlichen Inhalts. „Der Mensch soll Gott so lange um Gnade anflehen, bis die letzte Seholle Erde .auf sein Grab geworfen wird......" „Reue, Gebet und Wohlthätigkeit wenden das Gericht ab." Wohlthätigkeit übte er, der Rabbi, .gegen die Schnorrer. Der Schulmeister schrieb, wie gewöhnlich, die Adresse, aber der Rabbi gab den Brief nicht auf die Post. Das Bild seines Sohnes auf dem Todtenbette verfolgte ihn. Isaak rief ihn mit den Kosenamen der Kindheit. Konnte er seinen Sohn sterben lassen^ ohne den Trost seiner Gegenwart, ohne den körperlichen Beweis seiner Verzeihung, ahne ihm die Hand segnend auf's Haupt zu legen? Nein, er musste zu ihm. Aber in seinem Alter Jerusalem verlassen? .... Wer weiss, ob er zurückkehren konnte, um hier" zu sterben? Wenn er das Ziel seines Lebens verlieren würde? Und doch Isaak rief ihn und Isaak's Mutter! Ja, er werde die Kraft haben, zu reisen! Wunderbar war sie über ihn gekommen, wie eine Gabe des Himmels, ein Pfand seiner .Barmherzigkeit! Er fuhr nach Beyrut und nach wenigen Tagen schon schiffte er sieh in Marseille ein. VIII. Während dieser Zeit erschien dem unglücklichen Ethelred P. Wmdhiirst im Londoner Ghetto jeder Tag wie ein Jahr. Er hatte die galoppierende Schwindsucht; das wüste Leben hatte Gesundheit und Vermögen rasch vernichtet. In diesem doppelten Zusammenbruch tiberkam ihn ein unwiderstehliches Wiedererwaehen der Itindheits-Gefühle; vergessener Aberglauben drängte sich ihm ins Gedächtnis. Er hatte die rächende Hand schwer auf seinem Haupte gefühlt, — Wer weiss, welche Qualen ihn jenseits des kühlen Grabes erwarteten. Die Schatten des Todes, die Schrecken des Gerichts, senkten sich auf ihn hernieder und erregten sein krankes Gehirn beinahe bis zum Walinsinn! — Für ihn gabs keine Vergebung, — seines Vaters Entfernung hatte seine Hoffnung getödtet. Das war, er fühlte es, die Nemesis dafür, dass er es versäumt hatte, an das Todtenbett seiner Mutter zu eilen. Gott hatte den Vater seinen Bitten entzogen. Er hatte ihn in eine heilige Atmosphäre versetzt. Wie konnte Leah's Brief durch die Mauern Jerusalems dringen, wie konnte er ein durch zwanzig Jahre der Verlassenheit versteinertes Herz erweichen? — Einen Tag nach der Äbsendung des Briefes fühlte er sich durch die Frühlingsluft gekräftigt und muthig, wie schon seit langem nicht mehr, da kam ihm eine neue Idee. Wenn er auch nach Jerusalem gienge? Wenn er seinem Vater um den Hals fiele und seine Verzeihung erflehte? *) Himmel der Seligen. Und dann, dann würde auch er in Jerusalem sterben! Eine halbvergessene Bibelstelle klang in seinen Ohren: „Um des Landes willen wird die Sünde vergeben!" Er versuchte es, sich zu erheben. Das Liegen im Bette, so fand er, als ihn die Sonne wärmte, war mehr Hoffnungslosigkeit und Mitleid mit sich selbst. Er wollte den Tod stehend erwarten, ja noch mehr, er musste ihm entgegenreisen ins Land der Sonne. Und als Leah den Schreck über sein Aufstehen überwunden und davon zu träumen begann, dass ihn das milde Klima Palästinas curieren werde, da glomm ihm ein letzter Hoffnungsstrahl; er sprach von dem Lieht und den Farben des Ostens, die er nie gesehen, die er aber, bliebe er am Leben, versuchen würde, auf der Leinwand festzuhalten; so konnte er sich einen Namen in der Kunstwelt machen! Heute noch wolle er reisen! Leah verpfändete ihren Schmuck, um ihn mit dem Nöthigsten zu versehen, wagte sie es doch nicht, von ihrem Gatten noch mehr für den Fremden zu verlangen. Noch lange bevor Isaak Jaffa erreicht hatte, wusste er, dass ihn nur die Hoffnung auf seines Vaters Verzeihung am Leben erhielt. Wer wTeiss, an welcher Stelle im Meere die Schiffe aneinander vorbeigesegelt sind!..... IX. Der alte Habbi hatte Leah's Haus mit dem Aufwände seiner letzten Kräfte erreicht; als er die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen erfuhr, wäre er beinahe auf der Stelle todt zusammengestürzt. .... „Es ist Gottes Wille", sprach er hoffnungslos. Der Sünder sollte keine Barmherzigkeit finden. Er brach in Schluchzen aus; Thränen rollten über seine bleichen Wangen und tropften von seinem schneeweissen Barte. — „Du hättest uns benachrichtigen sollen", sagte Leah sanft. „Wir haben nie daran gedacht, dass es Dir möglich sei, zurückzukehren." „Ich kam so rasch, als der Briefträger meine Ankunft gemeldet hätte." „Aber Du hättest telegraphieren können." „Telegraphieren?" 'Dieses Verfahren lag ausserhalb seines . Gesichtskreises. „Aber wie konnte ich denken,, dass er imstande war, zu reisen? Dein Brief sagte, er sei auf dem Todtenbette! Ich bat Gott, dass ich nicht zu spät eintreffen möge!" . . . Er wollte sofort zurück. Leah brachte ihn jedoch zu Bett — in dasselbe Bett, in dem Isaak gelegen. t „Du kannst ihm Deine Verzeihung telegraphisch schicken" sagte sie; da bat er Leah, ohne weiter über dieses neue Wunder nachzudenken, sie möge den Lehrer ersuchen, in seinem Namen dem Sohne seine Verzeihung mitzutheilen. „Wenn Isaak lebend ankommt, so wird er sich nach mir erkundigen" sagte er. „Der Lehrer wird davon hören. Es ist ein kleiner Ort, leider! Gott hat den Glanz hinweggenommen um unserer Sünden willen!......" Die Antwort langte nachmittags an. „Botschaft zur richtigen Zeit empfangen, Dein Sohn friedlich entschlafen!" Der Rabbi zerriss sein Gewand. „Gott sei Dank!" schrie er. „Er starb in Jerusalem! Besser er, als ich! Isaak starb in Jerusalem! Gott wird seiner Seele gnädig sein!" Freudenthränen entströmten seihten trüben Augen. ,„Er starb in Jerusalem!" wiederholte er glückselig murmelnd. „Mein Isaak starb in Jerusalem!" Drei Tage später starb der Habbi in London. Zweierlei Juden. Rottum von Max Viola. (Fortsetzung.) Eine halbe Stunde verfloss, ohne dass ein einziges Wort gefallen wäre. Ein leises Lüftchen begann die Aeste der Bäume zu bewegen, Pauls fieberhafte Erregtheit liess nach, und es überkam ihn die ruhige Sicherheit, die er, nachdem die Schwierigkeiten des Anfangs überwunden waren, stets wie ein wohliges Gefühl empfand. Er stopfte seine leergerauchte Pfeife und frag Mirjam, ob sie müde sei. Sie verneinte mit einer Bewegung des Kopfes. Er gieng auf sie zu, fasste mit beiden Händen behutsam ihr Haupt und neigte es ein wenig zur Seite. Erschreckt fuhr sie zusammen, und ihre grossen, glänzenden Augen blickten in fragender Angst in sein Antzlitz. „So, Fräulein, so ist's recht," sagte er ruhig und kehrte auf seinen Platz zurück, und als sie die Lider wieder sinken liess, fügte er hinzu: „Bitte, die Augen offen zu halten und auf mich zu richten; ja?" Sie erschrack förmlich vor diesem Verlangen, kam ihm aber nach einer Secunde des Zögerns nach. Sie öffnete die Augen langsam, langsam, wie in hypnotischem Schlafe, aber sie erhob den Blick nicht bis zu seinem Gesichte. Er haftete auf seiner starken gepflegten Hand, welche die

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