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Die Welt · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Article
Jüdische Literatur und Wissenschaft
Date
1902-02-21
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt*4 zur Gemeinschaft gelangen kann und dass man bezüglich der sehr fernen Ideale das Goethe'sche Wort im Gedächtnis behalten muss, man solle das Keifen einer Frucht nicht dadurch zu beschleunigen versuchen, dass man eine Lampe darunterhält. Den Weg zu unseren alten Literaturdenkmälern bahnt nur das Hebräische. Einleuchtend ist es, dass einen wesentlichen Theil der Wissenschaft des Judenthums die Exegese der Bibel und des Talmud, sowie die Philologie dieser beiden ausmachen. Es ist aber zugleich klar, dass in diesen beiden Zweigen die grossen Eesultate der allgemeinen wissenschaftlichen Arbeiten dem Judenthum unmittelbar zugute kommen. Es lag hier ob, die in der nichtjüdischen Literatur gewonnenen Erfolge in der rechten Weise in das Judenthum hinüberzuleiten und sie unsererseits fortführen und erweitern zu helfen. Es war dies der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorbehalten, umsomehr, als die Dürre, welche die Periode von Mendelssohn bis zu den Zwanziger jähren im Judenthum, charakterisiert, sich namentlich auch in der biblischen Exegese zeigte, die das Werk Mendelssohns, einer deutschen Bibelübersetzung, mit Ausnahme der zwölf kleinen Propheten, des Buches Daniel und der Sprüche Salomonis nicht einmal fortzusetzen vermochte. Es war somit die Aufgabe gestellt, die wissenschaftliche Exegese in das jüdische Leben einzuführen und dafür jener aus der grossen Fundgrube der älteren jüdischen Exegese wertvolle Schätze zuzuführen. Es war dies ein Werk der Sichtung und der Vermittlung zugleich, der Sichtung, indem selbstverständlich der christlichen Exegese bei aller Objectivität einzelner Forscher doch immer die christliche Anschaung und Tendenz innewohnte, oder bei negativer Richtung sie allzu aoitipositiv sich gestaltete. Umsomehr war das nächste Bedürfnis, eine neue, vollständige Bibelübersetzung vom j üdischen Standpunkte aus mit gleicher Berücksichtigung der christlichen und der jüdischen bisherigen Forschung zustande zu bringen, also im freien, wissenschaftlichen Geiste, wozu das Judenthum umsomehr Gelegenheit bot, als es keine kirchlich autorisierte TJebersetzung kennt, wie die katholische Kirche in der Vulgata, die protestantische in der lutherischen Uebersetzung besitzt, lind schon der Talmud die Exegese als freiwaltende Interpretation anerkennt. Zu gleicher Zeit traten vier neue, vollständige Bibelübersetzungen ans Licht: die von Gotthold S a 1 o m o n, die unter Redaction von Z u n z von mehreren Gelehrten, die von Herxheimer und die von Philippsohn, an welche letztere sich später eine revidierte der israelitischen Bibelanstalt schloss. Diesen zur Seite vollendete auch S. Calien eine vollständige französische Bibelübersetzung, gab Leeser in Philadelphia eine englische, begann S. D. Luzzatto eine italienische, und zeigten sich auch Versuche zu einer russischen (Lew M a n d e 1 s t a m m) und einer polnischen (N e u f e 1 d). Herxheimer gab einen grösseren, mit eigenen Forschungen bereicherten Commentar. Eine freiere Uebersetzung mit populärem Commentar wurde von Fürst, ein umfassender Commentar von Philippsohn geliefert. Ausserdem haben auch einzelne Bücher eine besondere Bearbeitung erfahren. Was endlich die biblische Kritik betrifft, so ist sie von Geiger (Urschrift) in einer scharfsinnigen, aber hypothesenreichen Weise geübt, deren Resultate über das jüdische Bewusstsein hinausgiengen. Grossartiges leistete Luzzatto, der in seinen hebräisch geschriebenen Arbeiten unvergleichliche grammatikalische, lexikographische und exegetische Erfolge 1 aufzuweisen hat. Auch der Talmud fand umfassende Bearbeitungen. Für die Geschichte ist er vielfach benützt, die Kritik an seinen historischen Notizen geübt, das Wesen der Halacha zum Theil beleuchtet und über mancherlei specielle Gegenstände mit mehr oder weniger Gründlichkeit gehandelt worden. Verdienstvoll waren die Forschungen Ch a j e s', Einleitung in die Mischna von F r a n k 1 und die halachisehe Exegese von Hirschfeld. Bedeutendes hat Salomon Lob Kapp a - p o r t in dieser Beziehung geleistet. Er hat eine Literatur erschlossen, von der bis dahin ihre Angehörigen kaum eine Ahnung hatten, er hat die jüdischen Gelehrten gelehrt, bei ihren Studien sich nicht bloss mit Kenntnisnahme der nackten Thatsachen zu begnügen, sondern auch Ort und Zeit in das Bereich der Forschung zu ziehen, wodurch die betreffenden Thatsachen erst in das gehörige Licht gerückt werden. Für die hebräische und chaldäische Grammatik leistete Fürst Bedeutendes, über viele Specialitäten Geiger, über einzelne Zaehs u. a. Dann begann die Reform-Literatur und die Polemik sich zu entwickeln. Nachdem man das uralte, aber nicht alternde Judenvolk par foroe zu einer Confession herabdrücken wollte, kam von selbst der Wille, eine frisch gefirnisste Confession zu haben. Wie es sich christelt, so jüdelt es sich. Man lebte in einem protestantischen Lande, man bedurfte also einer Beform. Man hat ein der jüdischen Seele, dem jüdischen Geiste, der ganzen Erscheinung des Juden fremdes Kleid angelegt. Man wollte mit Gewalt nachahmen und hatte doch kein Verständnis für den inneren Sinn des Nachzuahmenden. Die ersten hatten zuweilen noch etwas Ideelles, dann kam eine Verfettung durch die Commercienräthe-Vorstände und durch Nachahmungsprediger ohne schöpferische Intelligenz und gestaltende Kraft. Andererseits entwickelte eine sui generis Orthodoxie, ebenfalls von der Nationalität entwurzelt, nur dogmatisch strammer, eine grosse Widerstandskraft. Eine Fülle bedeutender Männer drängt sich uns in den Gesichtskreis, eine Fülle von Gedanken, die schliesslich eine Zerklüftung, Lähmung und Zersetzung des Judenvolkes in confessionelle Schattierungen herbeigeführt hat. Alles war da — nur die Hauptsache fehlte: die Pflege der Stainmesart, ein leuchtender, activer Zukunftsgedanke, die Sorge um die Fortdauer, die Permanenz, die Einheit der Nation, um des eigenen Wesens Kern individuell gedeihen zu lassen. In einer verblüffend dilettantenhaften Weise wollte man sich über das Nationale hinwegsetzen, und indem man das Judenthum verhimmelte, hat man es zu einem irdischen Siechthum verurtheilt. Das Neuhebräische wurde stob missachtet, man dachte sich darüber unendlich erhaben; die Fundamente jüdischer Soliclarität wurden gelockert; die „Theologen" haben den Kapport mit dem Volke verloren. Jede hervorstechende Eigenart wurde mühsam nivelliert — im Gegensatz zu der Methode, nach der sich alle anderen Nationen richten. Jedoch unbewusst arbeitete der Volksgedanke und wuchs über diesen künstlichen Kähmen hinaus. Auf einem grossen Umwege kehrtedie Erkenntnis zurück, dass das nationale Gefühl mit Unrecht so lange missachtet wurde und dass gerade wir Juden dieses Gefühls am wenigsten entrathen können. Einen starken Griff in die jüdische Volkssache kennzeichnen die Proteste Zunz', Frankels und Grätz', die sowohl gegen die Reform als gegen die Neo-Orthodoxie das historische Princip kraftvoll betonten. An den Abhängen und zu den Füssen jener Höhenzüge der Wissenschaft breitete die Literatur sich in breiten Fluren aus. Diese Fluren der jüdischen Literatur lagen vor der Hälfte des 19. Jahrhunderts fast ganz brach. Nehmen wir die paar Schulbücher von Moses Philippsohn, Peter Beer und Joelsohn aus, sowie eine Anzahl Predigten von Wolf, Salomon, Kley, erinnern wir an die in zwanglosen Heften erscheinenden Zeitschriften „Sulamith" und „Jedidjah" und an einige Streitschriften, so haben wir ziemlich alles, was aus den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts aufzuführen wäre. Mit dem neu erwachten Leben in den Dreissigerjahren nahm auch die jüdische Literatur einen neuen Aufschwung. Zuerst trat die politische Polemik energisch auf. Börnes „Waage" und Kiessex;s „Jude" leiteten eine lange Reihe von Emancipationsschriften ein, welche gegen die immer aufgefrischten Ein-

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