Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Article
- Jüdische Literatur und Wissenschaft
- Date
- 1902-02-21
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 „Die £ Welt'* Seite 3 bereichert. In Frankreich arbeitet die „Societe des Etudes- Juives", in England der „Jewish Quarterly lieview". Meht minder aber erwachte nach und nach dasBestreben, auch den Lehr- und Gedankeninhalt des Judenthums zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis und Bearbeitung zu bringen. JDies.gieng allerdings mehr aus praktischen Motiven hervor. Diese praktischen Motive waren die Predigt und der E e 1 i g i o n s u n t e r r i c h t. Beide, aus realem Bedürfnis erwachsen, müssen den ideellen Inhalt des J udenthums, selbst da, wo sie das Gesetz und die Oeremonie besprechen, aufsuchen. Aber die erstere thut dies in freier Bewegung und populärer Weise, der andere systematisch, aber oberflächlich. Erst in den Vierziger jähren des PJ. Jahrhunderts wurde der Versuch unternommen, den Lehrinhalt des Judenthums auch in philosophischer Weise zu höherem Bewusstsein zu bringen. Der eme Versuch geschah vom eklektischen Standpunkte und bewegte sich nur um die obersten Principien (Pornistecher), der andere, tiefer in die Details und den Charakter der Lehre eingehend, construierte die Lehre des Judenthums auf dem Grunde Hegelscher Principien (Samuel Hirsch), der dritte wollte die Offenbarungslehre zu einer „exaeten Wissenschaft*4 machen (Steinheim), d. h. sie wie ein physikalisches Experiment oder mathematisches Axiom erweisen. Bedeutender war in dieser Beziehung der durch und durch national jüdische Philosoph Naehman Krochmal. Das Ueberraschende seiner Anschaung, der Scharfsinn und die Combinationsgabe hoben ihn hoch über seine Pachgenossen, und unter seiner Meisterhand nahm auch die Harmonisierung des Judenthums mit der reinen Philosophie eine edle Gestalt an. Hieran knüpfte sich eine allseitigere Bearbeitung in mehr inductiver Methode, d. h. auf dem Grunde der Geschichte und naturwissenschaftlicher Begriffe. (Philippsohns „Israelitische Keiigionslehre", 3 Bände, 18ül, 18G^ und 1865.) Originell können wir die letztere auch um folgenden Elementes willen nennen. Mit der tieferen Auffassung des Judenthums, ja schon mit seinem Hervortreten in das moderne Culturleben, man kann selbst sagen, bereits mit der Forderung der Gleichberechtigung für die Juden musste Zwiefaches zur Frage kommen. Zunächst nämlich der Beruf und die Stellung des Judenthums im allgemeinen. Es währte nicht lange, bis von der jüdischen Kanzel herab die Verkündigung ertönte, dass das Judenthum nicht bloss particularistisch eine Eeligion der J uden sei, sondern einen welthistorischen Beruf habe. Man kam hierzu wie von selbst. Die Predigt musste sieh ihrer.Natur nach immer am meisten an die Propheten anlehnen. Berufen, vorzugsweise die allgemeinen Sätze der Gotteslehre und die Gesetze der Sitt lichkeit zu behandeln und dies auf dem Grunde des historischen Judenthums dem Volke eindringlich zu machen, stellte sie sich auf den Standpunkt der Propheten und gipfelte in "der Vorstellung, dass dereinst die ganze Menschheit sich zu dieser Gotteslehre bekennen und diese Sittlichkeitsgesetze verwirklichen werde. Nachdem dies aber die jüdische Predigt oft und laut genug ausgesprochen, musste es endlich auch historisch begriffen und nachgewiesen werden, und zwar namentlich, inwief erne die Lehre des Judenthums theilweise durch die aus ihm abgeleiteten Eeligionen in die allgemeine Menschheit übergegangen ist und durch die Verbreitung unserer Bibel immerfort übergeht, theils durch die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechtes im Leben des letzteren wirkte und immer mehr wirke. Hierzu kam aber noch ein zweites. Wenn die Predigten und Religionsbücher die Lehre von Gott und die Gesetze der Sittlichkeit zu ihrem Gegenstande hatten, so war doch noch ein drittes vorhanden, das von nicht geringerer Bedeutung. Das politische und sociale Leben war in Europa zu einer Periode energischer Entwicklung gekommen, und brachte alle Zweige des staatlichen, gesellschaftlichen und Rechtsgebietes von neuem in Frage, indem es zu langwieriger Discussion, zu gründlichster Untersuchung Veranlassung gab. Von selbst drängte sich hier die Präge nach dem Verhalten der Religion zu jenen Objecten auf; aber am nächsten lag dies für das Judenthum, welches von seinem Ursprung an diese grossen Elemente des menschlichen Lebens als integrierende Theiie der Eeligion, als nothwendige Consequenzen der Sittenlehre betrachtet und behandelt hatte. Das mosaische undatalmudische Recht wurde nur zum Theil von selbständigem wissenschaftlichen Standpunkte aus bearbeitet (Frankel, Saalschütz, Samuel Mayer 18ü#, 18Gb), theils mit besonderer Beziehung auf jene allgemeinen Fragen (Salvador). Mit diesen Specialarbeiten zugleich wurde es aber auch nun unternommen, aus den speciellen Gesetzen und Institutionen des Judenthums, insbesondere des Mosaismus, die allgemeinen Principien herauszuziehen und nachzuweisen, dass diese gerade diejenigen sind, nach welchen die Entwicklung des Menschengeschlechtes hinstrebt, und nach deren Verwirklichung es ringt, ein Streben und Ringen, das zu jener Zeit mit nachhaltiger Kraft hervortrat. Diese Principien als Consequenzen der Lehre von der Einheit Gottes, von der Einheit der Welt und der Einheit des Menschengeschlechtes, in der Vereinigung aller Menschenvölker zu einer menschlichen Pamilie, in der Gleichberechtigung und persönlichen Freiheit alier Individuen, in einer gewissen Ausgleichung der Besitzverhältnisse innerhalb der Freiheit des persönlichen Eigenthums und in der Harmonie dieser Rechte des Individuums mit dem Aufgehen der letzteren in gesellschaftliche Gesammtheit des Staates bestehend, sollten als die Principien des Mosaismus, wie dieser sie theils proclamiert, theils subjeetiv in seinen Institutionen verkörpert hat, und wie sie zuletzt im allgemeinen Frieden, in allgemeiner Herrschaft der Liebe und des Rechts sich realisieren sollen, nachgewiesen werden. Es ist einleuchtend, dass diese grosse Principienfrage wieder nur ein Theil der ersteren Frage nach dem historischen Berufe des Judenthums sein musste. Für beide Momente waren Philippsohns Vorlesungen über die Entwicklung der religiösen Ideen im Judenthum, Üliristenthum und Islam (1847) und „über die Religion der Ge~ sellsciiaft'"' (1848) bahnbrechend. Leider gieng diese Prineipienreiterei zu weit. Man mühte sich, einen Gegensatz zu construieren zwischen einem particularistischen iSTationaljudenthum und der Menschenverbrüderungsidec. Ein solcher Gegensatz existiert aber nicht, denn die Basis eines gesunden und vernünftigen Völkerfriedens ist eben e i ne kräftige n a t i o n a 1 e C u 11 u r. Das eine schJiesst das andere nicht aus, das eine ist die Voraussetzung des anderen. Eine Principien Vertretung, welche ihr Volksthum ohne Schutz lassen würde, die sich insbesondere nicht kümmern würde um die Erhaltung ihrer Eigenart, das wäre eine phantastische, unmögliche, chimärische Mission — in zeitloser Ewigkeit, in raumlos freier Allgegenwart. Es war ein Modedogma jener Zeit. Guter Wille, aber dabei Mangel an Selbstbewusstsein und stolzer Kraft trieb leider die Männer jener Zeit in ein Kebelland und zwang sie, in eine höhere Luftschichte hinaufzusteigen. Anstatt besonnen und stark, ernst und würdevoll den Kleinmuth zu verscheuchen und das Volksgefühl zu stärken, anstatt Persönlichkeit und freie Eigenart, unbedingte nationale Offenherzigkeit und Volksnaivetät, bewahrten sie das Nationaigefühl scheu in des Busens Tiefe und entwickelten eine Phraseologie, die schon damals leicht zu durchlöchern war. Es gebrach ihnen nicht an Talent, auch nicht au gutem Willen, sondern an Muth. Immer verfiel man ms Predigen, immer zeigte man die abgenützte Geste des Sichverleugnens. Kläglich kleine Diplomatenkünste, die Gunst der „Völker" zu erkaufen; eine Höhensehnsucht zu einer apostolischen Weltmission, die mit rührender Naivetät in Bälde erwartet wurde; ein langweiliges, theils auch albernes Widerstreben der Gemeinplätze über Menschenverbrüderung, ohne Verständnis, dass man eben durch Absonderung