Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Article
- Jüdische Literatur und Wissenschaft
- Date
- 1902-02-21
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315968-3318759--30620-3318860- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 8 Di© & Welt46 Seite 5 wände ankämpften, bis sie mit 1848 momentan gegenstandslos wurden, und von da ab nur, wie es von Zeit zu Zeit nöthig ward noch einmal anf dem Kampfplätze zu erscheinen pflegten. Dann kam die Eeaction. Das jüdische Volk wurde enttäuscht und der grossen Worte überdrüssig. Goldene Berge sind ihm versprochen, hohe Ziele gezeigt worden, doch die erhoffte Herzlichkeit wurde immer dichter von Nebel umhüllt. Keiner Verheissung ist die Erfüllung, keiner tönenden Eede die Sehöpferthat gefolgt. Immer wieder dieselben Conflicte, dasselbe Sehwanken zwischen Gleichberechtigung und Rechtlosigkeit. Hieran lehnte sich zunächst die erste regelmässig erscheinende jüdische Zeitschrift, die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" (1837), welche sowohl die äusseren als die inneren Verhältnisse der Juden aller Länder in ihr Bereich zog und eine Menge von Nachfolgerinnen („Jewish Chronicle", Archive Israeliten) bald längerer^ bald kürzerer Dauerhaftigkeit und in den verschiedensten Sprachen erhielt. Es war hiermit eine jüdische Journalistik geschaffen, die seitdem unentbehrlich geworden. Auch die Homiletik gewann eine tüchtige Spannkraft. Ein anderer grosser Zweig ist die Schulliteratur. Für den Religionsunterricht in allen Stufen erschienen zahlreiche Lehrbücher und Katechismen, für die biblische Geschichte eine überaus grosse Menge. Viele brauchbare Lehrbücher der hebräischen Sprache sind ans Licht getreten, zahllos sind die hebräischen Lesefibeln, "Wörterbücher zum Pentateuch und zum Gebetbuch existieren mehrere. Für die jüdische Elementarschule waren besondere Lesebücher nothwendig, da die letzteren für die allgemeine Schule sehr confessionell christlich gefärbt sind und man hinwiederum Lesestoffe aus der jüdischen Sphäre bedurfte. Auch hierfür sind viele' Schriften erschienen, die mehr oder weniger dem Zwecke entsprachen. Was immer noch in diesem Bereiche fehlt, ist eine, die Jugend ansprechende, in gehörigem Masse ausführliche Beschreibung Palästinas, für welche ein dürrer Abriss, wie er bereits mehrfach vorhanden, umsoweniger genügt, als die Lehrer selbst in der Regel wenig hiervon wissen. Nachdem das geschichtliche Bewusstsein wieder geweckt, die jüdische Literatur zu neuen Ansichten wieder gebracht worden, stellte sich auch eine grosse Regsamkeit für den Wiederdruck selten gewordener hebräischer Werke, sowie für den Druck bis jetzt unedierter Manuscripte ein. Neue Editionen fast aller bedeutenden Werke früherer Zeit kamen ans Licht, und viele Handschriften wurden aus dem Staube der Bibliotheken oder des Privatbesitzes hervorgeholt. Hieran reihten sieh die TJebersetzungen. Nachdem die jüdische Religion sphilosophie wieder geweckt^ ja einzelne Zweige derselben, namentlich die Kabbala durch die Arbeiten Frankels, Jellineks und Joels aus ihrem Dunkel gebracht wurden, knüpften sich hieran die TJebersetzungen der religionsphilosophischen Werke S a a d i a s (1845), des M o r e von Maimonides (Seheyer, Pürstenthal, Münk), des A 1 b o (Schlesinger 1848), des C u s a r i. Ebenso wurde die Mischnah und einzelne Tractate des Talmud übersetzt (Jost, Pinner, Sammter, Rabinowitsch, Schwab). Es blieben auch TJebersetzungen der hebräischen Dichter der spanischen Periode nicht aus, worin sich besonders Kämpf, Sachs, Dukes, Geiger, Steinschneider, Heller, Löwenstein u. a. auszeichneten. Auch die Piutim wurden übersetzt, und der TJehertragungen des Gebetbuches der verschiedenen Riten in viele Sprachen ist eine ganze Flut vorhanden. Hier ist denn, auch die Stelle, eines anderen Literaturzweiges zu gedenken, der für die Allgemeinheit von Bedeutung ist, nämlich des belletristischen. Die Entstehung einer dichterischen Behandlung der jüdischen Stoffe entsprang ganz eigenartigen Motiven. Man sagte sich: Wenn die Poesie überhaupt die dem Menschen unentbehrliche Verklärung dessen, was ihm lieb und theuer ist, schafft, wenn sie der Religion darum sehr nahe steht und der Geschichte ihre Schroffheit und Schärfe nimmt, so ist sie gerade darum dem Judenthum umso nothwendiger, als dieses in Vergangenheit und' Gegenwart so vieles bietet, was dem gebildeten Sinn und Herzen wehe thut oder sie abstösst. In der Dürre der vergangenen Zeiten hatte das Judenthum dem Anseheine nach allen poetischen Glanz, hatten die Juden, niedergebeugt unter den Lasten des Lebens, allen poetischen Sinn verloren. Es war und ist daher von grosser Wichtigkeit, dass die Dichtung auch an Judenthum, und Juden wieder herantrete und ihren Lichtglanz über dieselben verbreite. Was in ausser jüdischen Kreisen hierfür geschah, war zweideutiger Art, denn entweder gieng man von edlen, begünstigenden Motiven oder von feindlichen, missgünstigen aus. Im ersteren Falle verschwand die Wirklichkeit allzu sehr, im anderen carikierte man diese, in allen Fällen schoss man über das Ziel hinaus. Unter den Dichtungsarten fand man die des Romans und der Novelle als die geeignetste. Sie ist die Dichtung der Wirklichkeit, sie gestattet ins Breite zu gehen und Details zu malen. Da man Judenthum und Juden vorzugsweise als historische Figuren betrachtete, so fand man den Roman als die angemessenste Dichtung. Hierfür gab es wieder zwei Arten: Das Genre und den historischen Roman. In dem ersteren sollte der Jude in seiner individuellen Art, in den ihm eigenen Charakterzügen und Sitten gezeichnet werden, wobei es auf die jüngste Vergangenheit, die dem neuesten Anstreben zur allgemeinen Cultur vorangieng, ziemlich beschränkt war. Dasselbe ist trefflich angebaut worden, namentlich von Kompert, Rebenstein, Stenben, Alexandre Weill. Es hat zugleich eulturhistorischen Wert, indem es besser als jede Sittenschilderung die vor dem Hauche der Zeit versehwinden den Eigentümlichkeiten des jüdischen Lebens festhält. Eine andere Tendenz verfolgt die historische Novelle und der historische Roman. Ihnen ist es nicht um die Zeichnung jüdischer Sitten zu thun, sondern um die Darstellung bedeutender Situationen aus der jüdischen Geschichte und des jüdischen Charakters innerhalb dieser Situationen. Dieser Art des historischen Romans wurde die besondere Wichtigkeit beigelegt, die Vergangenheit des Judenthums und des jüdischen Volkes nicht bloss in der Monotonie der ewigen Elegie, des steten Jammers der Menschennatur, sondern im verklärenden Lichte des Heroismus zu zeigen, in einem Lichte, welches mit der geschichtliehen Wahrheit in der Gesammtheit übereinstimmend ist, denn nicht das jammernde und verzweifelnde,. sondern das heldenmüthige, heroisch abwehrende jüdische Volk hat gesiegt. Von diesem Gedanken giengen die meisten jüdischhistorischen Romanschriftsteller aus. Ausserdem wurden jüdische Stoffe von jüdischen Dichtern auch lyrisch, episch und dramatisch behandelt, wie von Ludwig August Frankl, Ludwig Wihl, Julius Koszarski, Philippsohn u. a. (Schluss folgt.) Für den II. Parteitag der österreichischen Zionisten in Bielitz. Behufs Durchführung sämmtlicher Vorarbeiten für den am 18. und 19. Mai hier stattzufindenden IL Parteitag hat sich'das v orb er e it e n de C o mi t e bereits constituiert und sind sämmtliehe Zuschriften in dieser Angelegenheit an Herrn Paul Braff in Bielitz zu richten. Für das vorbereitende Comi]te: Adolf Matzner. Dr. Wahrhaftig. Paul Braff.