Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Article
- Jüdische Literatur und Wissenschaft
- Date
- 1902-02-21
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. $ eine Confession und nicht als eine Jurisprudenz auf und bewahrte sich diesen allseitigen Charakter bis auf den heutigen Tag. Deshalb antwortete man, ist es auch von diesem Standpunkte vollständig geeignet, der Gegenstand einer Wissenschaft zu sein, welche dasselbe als einen lebendigen Organismus zu behandein hat. Bestände das Judenthum allein in einer Zusammenhäufung von Glaubenssätzen und Gesetzesformeln, so wäre es allerdings für eine Wissenschaft kein Objeet, und die systematische oder kritische Behandlung jener würde ihm noch lange nicht den Charakter einer Wissenschaft verleihen, Das reichlichste Wissen ist noch keine Wissenschaft. Wissenschaft ist die Erforschung des Wesens einer Sache in seinem Ursprung, Werden, Entwickeln, Bestehen und A¥irken, in dem lebendigen Zusammenhange von Ursache und Wirkung, in dem Begreifen seines Princips und dessen Ausstrahlungen und Verkörperung, seines Zweckes, seiner Mittel und Verwirklichung*. Es versteht sich von selbst, dass zur Wissenschaft die sorgfältigste Kenntnis des Gegenstandes, also das möglichst vollständige Material, die kritische Sichtung und die systematische Durcharbeitung gehören. Aber auf dieser Grundlage erhebt sich erst das eigentliche Bauwerk der Wissenschaft, welches die Erkenntnis des Wesens enthält, wie es in der Ganzheit und in allen Theilen, in allen seinen geschichtlichen Erscheinungen und Schöpfungen vorhanden ist und sich realisiert hat und realisiert. Somit kann es also eine Wissenschaft des Judenthums geben, und sie wird sich theiis in der wissenschaftlichen Geschichte des Judenthums, theiis in der wissenschaftlichen Bearbeitung seines Gedankeninlialtes, wie er sich sowohl in seinem innersten Leben als auch in seinen Formen und realen Produeten erweist, darstellen. Diese Wissenschaft des Judenthums ist nicht neu, wie manche behaupten, sie hat schon manche Epochen gehabt. Nicht, dass wir die religionsphilosophischen Arbeiten P h i 1 o s des Alexandriners und S a a d i a s hierherreehnen, denn die bloss religionsphilosophische Behandlung ist noch keine Wissenschaft. Wohl aber ist Maimoni des einer der Begründer der letzteren. Die mächtige Gestalt jenes Mannes, in dessen Persönlichkeit die stärksten und merkwürdigsten Eigenschaften des jüdischen Genius gleichsam in 'einem zusammengeballt erscheinen, war auf diesem Gebiete epochemachend. Er war zu sehr Aristoteliker, als dass er nicht nach dem Beispiele seines Meisters, der überhaupt die Wissenschaft begründete, nicht auch das Judenthnni als Wissenschaft hätte erfassen und bearbeiten sollen. Nicht allein, dass Mainionides den Gedankeninhalt des Judenthums religionsphilosophisch darstellte, sondern er bearbeitete auch die Glaubenssätze und das Gesetz in seiner mosaischen und seiner traditionellen Gestalt systematisch und versuchte, deren Zweck und Gedankeninhalt zu erörtern und endlich deren Gestaltung geschichtlich festzustellen. Aber allerdings blieb dies alles bei ihm Versuch, und jedermann weiss, dass die geschichtliehe Auffassung zu seiner Zeit mangelhaft sein musste. Männer, die sich mehr oder weniger einer wissenschaftlichen Methode bedienten, gab es wohl noch viele. W^ir könnten es uns in dieser Beziehung freilich sehr leicht machen, wir brauchten ja nur hinzuweisen auf die grosse Anzahl gelehrter Denker und ihrere gediegenen Abhandlungen. Man kann die Fülle von Geist und Arbeit, welche die Vertreter jüdischen Wissens im Laufe jener Jahrhunderte entwickelten, nur im Vorübergehen streifen, aber nicht entfernt erschöpfen. Azariah di Eossis „Meor Enaim" ist eine geistige Schöpfung ersten Banges. Auch die wunderbare Ursprünglichkeit, die dem Geistesblick des E. Elia aus Wilna innewohnte, und die in allem, was er schrieb, sich offenbarte, trug gewissermassen das Gepräge einer beinahe wissenschaftlichen Forsehungsweise; doch sind die Erscheinungen vereinzelt geblieben. Es ist daher nicht zu verübeln, dass die Wissensehaft des Judenthums insbesondere als ein Product des 19. Jahrhunderts angesehen wird. Sie begann mit dem Bewusstsein, dass das Judenthum, um innerhalb unserer Zeit eine höhere Bedeutung und damit eine dauerhafte Existenz zu gewinnen, der Bearbeitung als Wissenschaft bedürfe, und mit den Versuchen, einzelne Gegenstände aus seinem Gebiete in diesem Geiste und dieser Art zu bearbeiten, wie die Zunz'sche „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums" (1822—23), in ihren drei Heften enthielt. Von da ab war es besonders die Geschichte des Judenthums als solches und als Geschichte der. Juden, welche als ein höchst bedeutender Theil der Wissensehaft des Judenthums eine umfassende Bearbeitung fand. Es erschien das Geschichtswerk von Jost „Geschichte der Israeliten seit der Zeit der Makkabäer" (1820—1828), dann dessen „Allgemeine Geschichte des jüdischen Volkes" (1831—1832), die „Neue Geschichte der Israeliten von 1815—1845" (184?) und dessen „Geschichte des Judenthums" (185?—1859). Ihm zur Seite erschien bahnbrechend und die wissenschaftliche Bearbeitung begründend das Werk von Z u n z „Die gottesdienstliehen Vorträge der Juden, historisch entwickelt" (Berlin, 1832), welchem bis 1865 die literaturgeschichtlichen Werke desselben Verfassers über die synagogale Poesie folgten. Auf ihren Schultern stehend, Hessen es die Jünger an tüchtiger Thätigkeit, an Erweiterung, Berichtigung und tieferer Auffassung nicht fehlen. Die Arbeiten von Herzfeld „Geschichte des Volkes Israel von der Zerstörung des ersten Tempels bis zur Einsetzung des Makkabäers Schimeon zum Hohenpriester und Fürsten" (Braunschweig, 1847 bis 1857), Gr ätz (1853—1869), Fürst „Geschichte des Karäerthums" (1862—1865), Geiger, Steinschneider, Frankel, Münk, Duke u. a., denen sieh eine Menge von Speeiaigeschichten anreihen, geben das laute Zeugnis von dem mächtigen historischen Bewusstsein, welches die neueren Juden durchdrang und erfüllte, das immer mehr nach der wahren wissenschaftlichen Befriedigung drängte, die nicht bloss in der kritischen Beleuchtung der Thatsachen, sondern auch in dem tiefen und klaren "V erständnis aller geschichtlichen Erscheinungen gewonnen wird. Auf diese Weise wurde die Geschichte des Judenthums an sich, seiner Literatur, seines Cultus, der Juden selbst nach allen Richtungen hin und in allen ihren Theilen mit mehr oder weniger Gründlichkeit, Kritik und Verständnis angebahnt, untersucht und dargestellt. Unter den Werken, welche den unverwelklichen Ruhmeskranz deutscher Juden flechten, ist Gr ätz' „Geschichte des jüdischen Volkes" mit einer ungewöhnlichen, durch literarische Controverse lebhaft angefachten Erregung aufgenommen worden. Die auf dem Principe jüdischen Volksthums begründete, mit manchen Anschauungen Fränkels begonnene Geschichtsauf-, fassung vollzieht in Grätz' Geschichte einen bedeutsamen Fortsehritt, obwohl in manchen Hinsichten Grätz noch der alten Richtung treu bleibt. Weil gerade bei Grätz alles in den Kreis subjectiven Gefühles trat und von ihm ausstrahlte, kam ein Leben in das Werk, das vielleicht für den historischen Stil mitunter zu heftig pulsierte, aber gerade dadurch das WTerk dem Verständnis unserer Zeit näher brachte. Was die anderen, ziemlich zahlreichen Geschiehtswerke betrifft, so ist es ihnen schwer, sich aus dem Schatten, in welchen sie Grätz stellt, herauszudrängen. Doch haben Cassel, Kayserling, Karpels, Brann theiis für populäre Geschichte, theiis für allgemein-jüdische Literaturgeschichte Bedeutendes geschaffen. Unvergesslich bleibt David Kaufmann, ein reicher Spender des Wissens, ein riesig flüssiger Forscher, der mit edlem Eifer und sittlichem Ernst fast alle Domänen jüdischen Wissens durchgearbeitet hat. Weiss, Harkavy, Joseph Halevy, Friedmann, Jacobs, Schechter, Gaster, Bacher, Güdemann, Schwarz u. a. haben mit grösseren und kleineren Arbeiten die Literatur