Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 7 (14.2.1902)
- Article
- Arnold Toynbee
- Date
- 1902-02-14
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7 „Die # Welt" Seite 13 sich, eine Sprache, welche in den Lebenskämpfen, im Leiden und im Laster entstand. Es gibt eine Riesenkluft zwischen den. Gebildeten und Ungebildeten, und diese müsse man durch verständige Auseinandersetzung mit den Armen übei brücken . . . denn nur Ingnörance is always dangerous, Knowledge never is " Bei der modernen Socialphilanthropie müssen Gedanken und Kenntnisse die Stelle des Gefühls und Sentiments vertreten. Der grosse Theil der Menschheit ist von den epochalen Fortschritten der Wissenschaft ausgeschlossen, die nur einigen Studierenden zugute kämen. Volksthümliche Vorlesungen (lectures) über die wichtigsten ökonomischen Probleme, welche für die arbeitenden Classen von Interesse 'und Bedeutung sind, müssten jährlich gehalten werden. Bei der neuen Wohlthätigkeit müsse die .,Erziehung ' die erste Rolle spielen, denn die Erziehung allein kann den Menschen die Kenntnis der Bedingungen und der Gesetze des Lebens bringen. Bei diesem „Aufklärungswerke", das die Quintessenz der Toynbeeschen Philanthropie ist, dürfe man nicht die Arbeiter gegen die Arbeitgeber aufhetzen, sondern man müsse sich bestreben, den bitteren Kampf zwischen Capital und Arbeit zu mildern, man müsse die Gegensätze ausgleichen und zeigen, dass die richtigen Interessen beider identisch sind. Praktisch und positiv, wo die anderen Träumer und Schwärmer sind, denken die Engländer seit fünfzig Jahren an eine friedliche Lösung der socialen Frage, die ihnen auch bereits zum grössten Theile gelungen. Im Jänner 1880 hielt Toynbee im Arbeitercentrum Bradford drei Reden über „Freihandel",. „Lohngesetz", und „Englands Handels-Superiorität", welche von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleich gut aufgenommen wurden. Toynbee sprach, wie seine Zeitgenossen berichten, stets frei, ohne irgend einen Zettel selbst vor sich zu haben, und dachte nie an die Publication seiner Speeches; deshalb sind wir über den Inhalt seiner Reden wenig informiert. Nur seine Rede über das „Lohngesetz" (Law of Wages) ist später nach einem stenographischen Berichte gedruckt worden. Wir sehen darin, wie ernstlich es Toynbee mit den Arbeitern meint, denen er nicht im entferntesten zu schmeicheln suchte, sondern stets offen, unumwunden und männlich die Wahrheit sagt. Er führt aus, dass das „eherne Lohngesetz" Ricardos und Lassalles nicht ein unerbittliches Gesetz von „Kauf und Angebot" sei, sondern dass es von den Trade Unions, der Gewohnheit, der öffentlichen Meinung und dem Charakter des Dienstherrn beeinflusst werde. Er hebt in dieser Rede mit Nachdruck hervor die Stuart Mill'sche Unterscheidung zwischen den Gesetzen der P r oduction, welche Naturgesetze sind und nicht durch äusseren Willen reguliert werden können, und den Gesetzen der Distribution, die bis zu einem gewissen Punkte Resultate der menschlichen Erfindung sind und mit dem Zunehmen von Intelligenz und Billigkeit verbessert werden können. Genau ein Jahr später (Jänner 1889) hielt Toynbee in London seine beste Rede über „Industry and Democracy". Die leitende Idee dieser seiner Hauptrede ist folgende: Die riesige Ueherhandnahme der Maschinenarbeit hat seit dem Ende des XVIII. Jahrhunderts Englands industrielle Organisation zerrissen und das Band der Protection und Dependenz, das früher Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinte, gelöst. Dieser Revolution auf dem industriellen Gebiete folgte nicht auf dem Fusse die auf dem politischen, und es verstrich einige Zeit, bevor die ökonomische Emancipation des englischen Arbeiters von seiner politischen Befreiung begleitet wurde. Für ihn war diese Zwischenzeit im England eine Zeit hohen moralischen Leidens und für den ganzen Staat eine Periode der Gefahr. Aber baM haben sich die englischen Arbeiter zu organisieren gewusst und erlangten politische Rechte. (Gerade das Umgekehrte ist auf dem europäischen Continent der Fall, wo die Arbeiter zuerst politisch befreit wurden und noch immer nicht ökonomisch frei sind.) Jetzt sind die englischen Arbeiter unabhängige Bürger mit grösseren Rechten und Pflichten, als es in der industriellen Ordnung des patriarchalen „Old England" der Fall war. Auf diese Weise sei in Britannien die acute Krise der doppelten Revolution, der ökonomischen und politischen, überwunden und eine Zeit ruhiger Entwicklung möglich geworden. Toynbee hielt noch viele andere Reden in Arbeiterversammlungen, die aber an Bedeutung seiner Hauptrede „Industrie und Demokratie" zurückstehen. So begrenzt er in einer den Wirkungskreis des „Staats- Socialismus", in einer anderen sucht er die alte und schwere Frage von Arbeit und Capital zu lösen. Er meint, durch die Trade Unions und (kooperative Societes werde die englische Arbeiterschaft am besten für die Lösung dieser gleich einem Damoklesschwerte über unseren Häuptern hängenden Frage präpariert. Dabei könne man auf die veredelnde Tradition von Freiheit und Ordnungssinn, wie auf die Mässigung, welche die englischen Arbeiter, namentlich die des Nordens, bewiesen haben, rechnen. Zum letztenmal spricht Toynbee Ende Jänner 1883, in der St Andrews Hall in London über des Amerikaners Henry George „Fortschritt und Armuth". Es war sein Schwanensang; schon lange krank, wollten seine Freunde ihn, der überhaupt von schwächlicher Constitution war, von der grossen Anstrengung, zwei Abende hintereinander zu reden, abhalten. Toynbee liess es nicht zu, aber nur mit grosser physischer Anstrengung konnte er, namentlich am zweiten Abend, das zahlreiche Auditorium beherrschen. Einige Cockneys, die mit seinen Ausführungen unzufrieden waren, machten ungewöhnlichen Lärm, und das gab ihm, der mimosenhaft empfindlich war, den Todesstoss. Er starb wie ein Feldherr, fast auf dem Schlachtfelde der „Arbeiter-Aufklärung." Als er seine zweistündige Rede beendet hatte, war er einer Ohnmacht nahe. Seine Freunde fingen ihn in ihren Armen auf, und seine starke Natur siegte noch diesmal; aber ein „todter Mann" kehrte er nach Wimbledon zuiück, das er nicht mehr verlassen sollte. Sechs Wochen darauf starb er, am 9. März 1883, im einunddreissigsten Lebensjahre. Durch seinen Tod haben die Outcasts Londons einen durch und durch aufrichtigen Freund und sehr fähigen Vertheidiger verloren. Er hatte für ihre moralische Befreiung die richtige Saite angeschlagen, welche sowohl ihre Herzen, als auch die der anderen vibrieren machte. Weder philantrhopischer Utopist, noch himmelstürmender Revolutionär, noch collectivistischer Socialist, hat Toynbee vielleicht das beste Mittel gefunden, die gähnende Kluft, die sich zwischen Reich und Arm, Gebildeten und Ungebildeten ausdehnt, zu überbrücken. Socialer Eklektiker, hat Toynbee in seinem leider unvollendeten Hauptwerke „Industrial Revolution" mit den alten socialen Systemen gebrochen. Er will keinen omnipotenten, alles absorbierenden Staat, er denkt nicht im entferntesten an die Abschaffung des individuellen Eigenthums, und doch ist er Socialist mit Leib und Seele, Socialist in des Wortes edelster Bedeutung, indem er überzeugt ist von der Notwendigkeit einer socialen Reorganisation. Aber nicht auf revolutionäre Weise sollte der neue