Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 7 (14.2.1902)
- Article
- Arnold Toynbee
- Date
- 1902-02-14
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 14 „Dte% Nr. 7 Zustand geschaffen werden, nicht durch Barricaden und Menschenblut, sondern durch Erziehungshäuser und Schulen, durch Aufklärung und Freundschaft. Gleich Mose^ starb Toynbee angesichts des gelobten Landes. Er lebte zu kurz, um die Früchte seines segensreichen Wirkens zu sehen. Aber schon zwei Jahre nach seinem Ableben wurde der erste grössere Schritt unternommen, der seine grosse, menschenversöhnende Theorie der Intercommunication der Reichen und Armen in praktische That umsetzen sollte. Das Gebäude, das zu diesem Zwecke in Whitechapel (Commercial Street) im Jänner 1885 errichtet wurde, trägt seinen Namen. Dieser ersten Toynbee Hall reihen sich bald andere an, gegründet von anderen Männern, die in seinen Fussstapfen einhergehen. So in London selbst: Erzbischof Newman (1891), Cardinal Vaughan (1893), in England: Miss Hill und Duchess of Newcastle, in New-York: Mr. Coit (1887) und neuestens (1900) in Wien: Professor L. Kellner. Aber die Keime zum Wirken dieser Männer finden sich in der Thätigkeit des „Outcast-Apostels" Toynbee. Er hatte diese Menschenkeime gepflanzt, seine Jünger pflegten sie nur, vollkommneten, veredelten und trieben sie zur Blüte. „Gott erschuf das Land, die Menschen machen die Städte"; Toynbee versuchte die Städte zu einer gottähnlichen Schöpfung umzugestalten, und das ist sein Meisterstück, das ihm Unsterblichkeit in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit gibt. Zweierlei Juden. Roman von Max Viola. (Fortsetzung.) .. Die Gräfin zuckte zusammen und auf ihrem Antlitz erschien eine leise Rothe. „Sie kennen den Grafen Brandt?" fragte sie hastig. v „Nein, Frau Gräfin, ich kenne ihn nicht. Die Angelegenheit berührt mich überhaupt bloss insoweit, als ich das Sprachrohr meines Vaters bin. Im übrigen ist mein Auftrag vielleicht illusorisch. Das kann durch die Beantwortung einer einzigen Frage entschieden werden. Haben Sie, Frau Gräfin", für Ihren Bruder in jüngster Zeit die Bürgschaft für grössere Summen übernommen?" „Ja, was geht denn das Sie an? Wie kommen Sie dazu, sich dar einzumengen?" fragte der Baron zornig. Paul that, als ob er diese Worte nicht gehört hätte und blickte fragend auf die Gräfin. „Ich habe welche für ihn übernommen," sagte sie nach einer Weile. „Für grössere Summen?'4 „Für zweimalhunderttausend Kronen." „Dann ist mein Auftrag kein vergeblicher. Diese zweimalhunderttausend Kronen genügen nämlich nicht. Ihr Herr Bruder wird Ihre Bürgschaft so lange begehren, bis Sie so viel für ihn unterschrieben haben werden, als Graf Brandt Ihnen schuldet." „Nun, und dann?" „Dann, Frau Gräfin, werden Sie die ganze Summe, für welche Sie Bürgschaft geleistet haben, bei Heller und Pfennig bezahlen müssen." „Woher?" fragte sie lächelnd. „In kurzer Zeit wird Graf Brandt in der Lage sein, Ihre Mitgift zurückzuerstatten, und zwar aus der Mitgift, welche er mit der Tochter Arehibald Tulpenthals erhält." Die Gräfin erhob sich erregt von ihrem Sitze. Ihr Mund presste sich zusammen und in ihren Augen erschienen Thränen. „Ich bitte, sprechen Sie deutlich," rief sie. Paul verneigte sich. „Graf Brandt soll der Gatte des Fräulein Emmy Tulpenthal werden. Die Verlobung ist noch nicht öffentlich bekannt, weil der Papa des Fräuleins durch die Verheimlichung derselben ein gutes Geschäft zu machen, den grössten Theil jener Summe' zu erübrigen gedenkt, welche Graf Brandt Ihnen schuldet. Um dies zu ermöglichen, trat ein von Tulpenthal informierter Wucherer mit Ihrem Bruder in Verbindung. Der Herr Graf Steinau erhält einiges Geld und unterschreibt dafür Wechsel, die auf viel höhere Summen lauten, doch muss, Frau Gräfin, auf denselben auch Ihre Unterschrift vorhanden seih. Salomon Tulpenthal weiss natürlich, wieviel Graf Brandt Ihnen schuldet, und wenn einmal die Wechsel die Höhe dieser Schuld erreicht haben werden, wird er seine Tochter mit dem Grafen Brandt verheiraten. Nach der Trauung wjrd der Herr Graf die Summe getilgt wissen wollen, weil sie wahrscheinlich getilgt werden muss. Nun aber wird der Vertrauensmann Tulpenthals mit den von Ihnen unterschriebenen Wechseln zur Hand sein und das Geld confiscieren, das natürlich in die Tasche des Herrn Tulpenthai wandert. Sie aber, Frau Gräfin, werden völlig Jper ausgehen." „Na, das ist ja eine nette Geschichte," meinte der . Baron, „ein echtes jüdisches Geschäft. Ihnen trägt's aber wohl mehr, wenn es nicht zustande kommt? Wie? Mein lieber kleiner Rosenstein? Wie machen Sie da Ihren Profit?" Paul mass ihn mit einem langen Blick. „Ich denke, dass solche Geschäfte zuweilen auch von Christen geplant werden," sagte er, „nur weiss ich nicht, ob sofort ein Christ zur Stelle wäre, um sie zu verhindern. Und was meinen Profit anbelangt, Herr Baron, darauf kann ich Ihnen in Anwesenheit der Frau Gräfin nicht antworten, weil ich in Damen gesellschaft höflich zu sein pflege." „Und wenn wir allein wären, würden Sie unhöflich sein? Wie?" Paul schwieg. „Bii;fce? lieber Oheim," versetzte die Gräfin, „Herr Rosenstein erweist mir einen Dienst; er ist zu mir gekommen und nicht zu Dir. Sie sind im Auftrage Ihres Vateis da?" wandte Sie sich zu Paul. „Im Auftrage meines Vaters. Ich selbst habe mit der Angelegenheit nichts zu schaffen. Ich erwähnte bereits, er sei der Bureauchef Tulpenthals, und in seiner ehrlichen Denkweise versucht er. die schlimmen Streiche seines Principals nach Möglichkeit zu verhindern. Ihn leitete, als er mich hierher sandte, kein anderes Motiv, als dem Unrechte zu steuern, das an einer Dame begangen werden soll. Und nunmehr ist meine Mission zu Ende. Gestatten Sie, Frau Gräfin, dass ich mich entferne." „Ich danke Ihnen, Herr Rosenstein," sagte die Gräfin und reichte ihm die Hand. „Wenn Sie noch einige Zeit hier bleiben sollten, werde ich Sie gerne bei mir sehen. Sie sind doch nicht bloss Ihres Auftrages wegen nach Ebersdorf gekommen?" „Die Mission gab den Ausschlag, einen kurzen Urlaub in Lobenstein zu verbringen. Ich besitze hier Verwandte, bei denen ich einige Zeit verweilen will. Auch soll ich auf Geheiss meiner Mutter meine Grossmutter, ein steinaltes Frauchen, portätiercn." „Porträtieren? Ach, da fällt mir ein, dass Sie sich Rosenstein nannten. Sie sind doch nicht der Maier Paul Rosen stein?" Paul verneigte sich lächelnd. „Nun freut es mich doppelt, Sie kennen gelernt zu haben. Ich besitze, das heisst ich besass ein Bild von Ihnen." „Die Beduinen?" „Ja wohl, die Beduinen. Wie seltsam! Ich habe oft den Wunsch gehegt, den Maler jenes Bildes kennen zu lernen und nun sucht er mich selbst auf. Sie, Herr Rosenstein, ich wüsste ein brillantes Modell für Sie.» In Lobenstein ist ein Mädchen, dass ich mir malen liesse." „Ich stehe völlig zu Ihren Diensten, Frau Gräfin". „Die Nichte des Dr. Goldner sollten Sie porträtieren". „Mirjam Goldner?tf „Sie kennen Sie? Haben Sie je ein ähnliches herrliches Geschöpf gesehen? Ich begreife nicht, wie ein solches Mädchen zu den Juden kommt. Sie ist eine goldblonde Mignon, ein Engel. Ich könnte sie stundenlang bewundern. Sie sollten sie malen, Herr Rosen stein. Sie würden Aufsehen erregen mit diesem Bilde14. „Ich will sie malen, Frau Gräfin, wenn Sie das Porträt von mir annehmen/ „Wo denken Sie hin?!,, „Es wird mir ein ausserordentliches Vergnügen sein. Wenn Fräulein Mirjam darein willigt, dass ich ihr Bild anfertige, will ich es Ihnen vor meiner Abreise überreichen." Er verneigte sich nochmals, um zu gehen. Die Gräfin nickte ihm freundlich lächelnd zu, der Baron knurrte etwas, man konnte nicht wissen, war es ein Gruss oder ein Fluch, dann wandte er sich zum Ausgange. Als er sich auf dem Rückwege befand, war Mittag nahe und er musste sich beeilen, um rechtzeitig heimzugelangen. Man durfte die Grossmutter nicht warten lassen,