Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 7 (14.2.1902)
- Article
- Arnold Toynbee
- Date
- 1902-02-14
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315967-3318619--30577-3318701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 „Die # Welt46 Nr. 7 Arnold Toynbee. (1852—1883.) : Von Dr. Martin Weismann. Toynbee theilt das Schicksal der wahren Philanthropen und der echten Volksdichter, er ist fast ganz — vergessen. Sein Name ist ein Gattungsbegriff geworden und hat als solcher das Weltall durchkreist, aber seine Persönlichkeit selbst, sein Leben und Wirken ist unbekannt. Nicht nur auf dem Continent, sondern auch in England, ja selbst in London. Man weiss vielleicht noch leidlich, was Toynbee Hall bedeutet, aber man weiss nicht, wer Toynbee war, man weiss in London, dass Toynbee Hall sich irgendwo im East befindet, aber man kennt nicht den Lebens'auf des Mannes, der dieser Halle seinen Stempel aufgedrückt, und man kümmert sich auch nicht darum, ebensowenig, wie man zu ergründen sucht, was etwa Kings Hall, Guild Hall u. s. w. zu bedeuten hat. Im Lärm der Sechsmillionen-Stadt verliert sich der leise Ruf, der aus der bescheidenen Toynbee Hall in die Oeffentlichkeit dringt, zumal doit Tam-Tam-Schläge, TschinderrädäLBum-bums nicht beliebt sind. Schaumschläger und Reclamehascher war Arnold Toynbee nie gewesen. 0! Das schon ganz und gar nicht; und auch seine Halle liebt nicht die falsche Berühmtheit der Jahrmarktsausrufer. In stiller Zurückgezogenheit lebte Toynbee seinem Herzenswunsche und seir em Ideale — der Erziehung der „Outcasts* von London und der Ueberbrückung der Kluft zwischen den Armen und Reichen. Mit goldenen Lettern schrieb er seinen Namen in die verschlossene Brust der „Verzweifeltsten der Verzweifelten", in der er nun ewig und unvergänglich lebt, wie der Gärtner, der seine Pflicht gethan in dem. von ihm wohlgepflegten Garten, ohne dass es äussere Zeichen künden, wie die grossen Volksdichter, deren Lieder die ganze Nation singt, ohne ihre Namen zu kennen. Das Leben Toynbees ist kurz und nicht reich an Ereignissen. Er hatte nie eine grosse öffentliche Stellung inne, und seine uns zurückgebliebenen Schriften sind zwar nicht ohne besonderes Verdienst, aber gering an Zahl und fragmentarisch in der Form. Die eigentliche Bedeutung Toynbees liegt in seinem persönlichen Einflüsse, den er auf jedermann hatte, der ihm nur einmal begegnet war, und in seinem redlichen Streben, der arbeitenden Bevölkerung des unseligen Londoner Ostens zu „Menschenrechten" zu verhelfen. Der steinharte Politiker Irlands Michael Davitt sagt von ihm: „Wenige Männer haben auf mich je einen solchen Eindruck gemacht, wie Arnold Toynbee, der von so leidenschaftlichem Verlangen besessen war, das Elend der Menschheit zu mildern.44 Sympathisch und sympathetisch ward Toynbee geliebt und liebte er die anderen, besonders die, welche vom Geschicke verfolgt waren. Ihnen widmete er sein Leben, wenn dabei auch seine Gesundheit untergraben wurde. Sein Streben gieng hinaus, die jungen Gedanken der Universität für politische Reformen unter dem Volke zu verbreiten, er wollte die Ideen der Gebildeten mit den Thaten der Halbgebildeten und Ungebildeten vermählen, .die Flamme des Geistes mit der Flamme der Werkstätte", wie Jaures sagt, „zu einem heiligen Feuer einen". „Ich will die Stellung eines Mannes erlangen, der sich vor Durst nach Wahrheit und Gerechtigkeit verzehrt " schreibt er 1875 von der Oxforder Universität, im Alter von 2 3 Jahren. Und in der That „verzehrte er sich" in seinem brennenden Verlangen, den englischen Arbeiterstand aufzuklären und durch Aufklärung zu bessern. Im Mittelalter wäre Toynbee in dem zum Pietismus hinneigenden E-gland Begründer einer rel'gipsen Secte geworden, im XIX. Jahrhundert nahm er sich der leidenden Menschheit an, ward er Socialpolitiker in des Wortes edelster und bester Bedeutung. Arnold Toynbee wurde geboren als der zweite Sohn Josef Toynbees anrf 23. August 1852 in Savile Row (London S.). Sein Vater, der sich der ärmeren Bevölkerung dieser Gegend Londons annahm, gab den Arbeitern seiner Nachbarschaft Unterricht in den Eleinentargegenständen. Nach vielen Schwankungen, eine militärische, Beamten- oder Advoeaten-Carriere einzuschlagen, cntschloss sich endlich Jung-Toynbee, das Geschichtsstudium, das ihn von seiner frühesten Jugend an interessierte, mithin den Lehrerberuf zu wählen. Da er bei diesem Studium als Autodidakt vorgieng, so konnte der kaum 21 Jahre a te Arnold Toynbee im Jahre 1873 die Neugierde seiner Prüfer nicht befriedigen und — fiel durch, obwohl er schon damals in manchen Geschichtspartien bessere Auskunft als seine haarzöpfigen Examinatoren selbst wusste. Dieser Misserfolg hatte schlechten Einfluss auf Jung- Toynbees ohnedies schwächliche Gesundheit: die Aerzte untersagten ihm jede geistige Aufregung, und er sollte seinen geliebten Lehreiberuf aufgeben. Sensibel und zart, war Toynbee* schon um diese Zeit ein ausgezeichneter Redner, sprach viel und stets zur Sache, ohne zu trivial oder pathetisch zu werden. Den Sommer 1875 verbrachte Arnold Toynbee in Whitechapel (Commercial Road, West-London) in einem Lodging house, um die Verhältnisse der Londoner Outcasts in diesem Viertel kennen zu lernen, sein eigentlicher Wohnsitz war aber die Universitätsstadt Oxford, wo er der ewige Student blieb und später (1878) die Stelle eines Privatdocenten und Lehrers (am Colleg Balliol) bekleidete. Gleich seinen beiden Vorgängern im grossen Werke der „friedlichen Arbeiteraufklärung" Fred Maurice (1860) und Denison (1867) kam Toynbee zur Ueberzeugung, es sei nicht am Platze, den Armen, wie es die Demagogen thun, zu schmeicheln und unheilsame Theorien beizubringen, die sie übrigens nie verstünden, sondern man müsse die Unglückseligen für die „praktische That aufklären", man müsse sie „stützen" und nicht „unter-stützen", so dass sie sich selbst helfen können. Das Geld, das man den Armen hinwerfe, helfe ihnen nur momentan aus der Verlegenheit, demoralisiere sie nur für die Zukunft und erzeuge die „Berufsbettler4'. Um eine endgiltige Verbesserung ihrer Lage herbeizuführen, müsse man ihnen sein eigenes Hirn leihen (,.Lend them your brainsl"). „Der persönlich geleistete Dienst", sagt Oates, ein Jünger Toynbees, „ist die wahre Nächstenliebe und nicht die Geldsumme, die man, und noch dazu meist ungern, auf dem Altare opfert. Ich verlange nicht Euer Geld, sondern die Intercornmunication zwischen den Reichen und Armen. Die Hand, welche gibt, soll noch weitergehen, sie soll auch dem Unglücklichen die Hand drücken, um ihn zu erheben, zu führen und aufrecht zu erhalten." Zu diesem Behufe müsse man unter den Armen leben, sie selbst wie ihre Neigungen und Leidenschaften, ihre Quartiere und Unterhaltungsplätze, ihr Gehaben und Gebaren studieren und sie sich zu — Freunden machen. Man müsse zu ihnen herabsteigen, um sie dann zu sich emporzuheben. Man verstünde sie nur dann, wenn man längere Zeit unter denselben Bedingungen mit und unter ihnen gelebt hat. „Es ist nicht leicht", sagt Miss Susan Wharton .aus. Amerika, „dieSprache der Ungebildeten zu erlernen. Sie sprechen eine Sprache für