Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Article
- Rede Israel Zangwill's
- Date
- 1902-02-07
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 „Die £ Welt" Seite 5 in der „GWtemporary Review" Folgendes: „Der Bericht der Hirsch'schen Colonisations-Associatioii mit ihrer wohlthätigen Wirksamkeit, die ül>er das ganze Weltall verbreitet ist, ist ein pathetischerKecord einer heroi sehen Anstrengung, einen schweren Felsblock den Berg hinaufzurollen." Sie sehen, ich gebrauchte die Worte: „wohtthätige Wirksamkeit", ich habe niemals geleugnet, dass die „Ica" gute Vorsätze habe. Mr. Claude Montefiore bezeichnete meine Behauptungen als „wilde und ungenaue". Ich fordere ihn auf, den Beweis zu erbringen, dass sie nicht zahm und exaet sind. Ich sehe mich gezwungen, so oft von ihm zu sprechen, nicht bloss wegen seiner Intelligenz und wegen seines Muthes, sondern auch, weil er der Spreeher der „Ica" in England ist, und die anderen schweigsame Kaninchen10) sind. Er und seine sehr schweigsamen Genossen hier und in der Fremde haben gewiss, wie ihr Apologist angibt, „eine grosse und schwierige Aufgabe". Der bedauerliche Widerwille, Thaten ins Antlitz zu sehen, wessen ich beschuldigt bin, ist gerade der Widerwille, an dem sie leiden. Ihre Association kann nicht gedeihen, weil ihr ganzer Plan falsch ist und weil sie fanatisch dem jüdischen Geiste sich entgegenstellen. Die orthodoxen Juden versuchen vieles, aber die Bigotterie dieser Klein-Israeliten (Little Israelites)11) ist erbärmlich. Dr. Edward Everett Halle, eine der geistreichsten Persönlichkeiten, schreibt an die Bostoner Zionisten, welche den Weltzioni stentag feierten, dass er es vorziehen würde, die russischen Juden nach Amerika zu übersiedeln. „Allein ich sehe/* sagte er, „dass unter diesen Leuten ein allgemeines Verlangen herrscht, nach dem gelobten Lahde zu ziehen. Und wenn es das ist, was sie zu thun wünschen, so wünsche auch ich, dass sie es thun mögen." Wenn nur die „Ica" diesen menschlichen und freundlichen Standpunkt einnehmen wollte! So viel Gold, gleich einer Saat über die ganze Welt zer-' streut, muss da und dort eine kleine Ernte des Guten hervorbringen. Aber ich behaupte, dass damit kein Eesultat gewonnen werden kann, das in einem richtigen Verhältnis zu den vielen Millionen steht. Millionen ohne Idee sind nutzlos. Viel stärker ist die Idee ohne Millionen. Baron Hirsch hatte eine Idee, die nicht durchgriff, und jetzt haben seine Curatoren gar keine Idee, ausser der: Gutes Geld für nutzlose Dinge auszugeben. Es ist die Meinung nicht nur von Dr. Gaster, sondern auch von anderen meiner zionistischen Freunde, dass die „Ica" überall gute' Werke thut, nur nicht in Palästina, und mit den freundlichsten Gefühlen für sie, und der aufrichtigsten Hoffnung auf ein endliches Zusammenarbeiten beschränken sich' meine Freunde auf die Klage, dass die „Ica" nicht eine Aufgabe hätte auf sich nehmen sollen, an die sie nicht glaubt, in einem Lande, dessen Zukunft sie leugnet oder fürchtet. Meine Gesinnungsgenossen sind der Ansicht, dass über das Leben und die Existenz von Leuten, die nicht Verbrecher sind, ohne ihre Zustimmung, Mitarbeiterschaft und ihren Rath zu bestimmen, nicht modern, sondern mittelalterlich ist, besonders, wenn diese Leute, diese Colonisten, Dienste nicht unter diesen jetzt ihnen auferlegten Bedingungen genommen haben. Diese Zionisten, diese Freunde von mir und der „Ica", beklagen die Taubheit der „Ica" oder des Palestinian Committee gegen die freundlichste Kritik. Sie weisen darauf hin, dass der Director dieser Colonien nicht einmal in Palästina Avohnt, sondern in Syrien (Beyrut), und sind besorgt, dass aus all diesen Gründen die palästinensischen Colonien unabwendbar verloren gehen werden. Das ist die Stimme■der'Ojppbsiti61V; tVrtflTJf?: Möh'tefiore mag froh sein, sie zu hören. Aber das ist nicht meine Kritik. Die Palästina-Politik ist ein kleiner Theil meiner Kritik: Meine Anklage vor der grossen jüdischen Jury in Basel war mehr umfassend imd ist vollständig unbeantwortet geblieben. Jedes Jahr gibt die „Ica" einen Bericht heraus, und Judäa legt die rosigsten Brillen an, um ihn zu bewundern. Der „Ica" vielseitige Thätigkeit contrastiere vortheilhaft gegen das Tücherschwenken und Bannerentfalten der Zionisten. Der jährliche Bericht, dessen allerletzte Ausgabe ich in meiner Hand hier habe, bläst nicht seinen eigenen Triumph. Er hat den grossen Vorzug absoluter Ehrenhaftigkeit. Da er jedoch stets unangenehme Dinge zu verzeichnen hat, bekundet er immer den Frohsinn und die Lustigkeit eines Mark Tapley12). Ich weiss nicht, was am meisten zu bewundern ist, ihr Frohsinn oder ihr kindisches Wesen. Hören Sie einmal ihren Frohsinn an: „Die Lage unserer Colonie auf der Insel Cyprus ist im allgemeinen z u f r i e d e n - stellend. Nichtsdestoweniger haben alle Colonisten am Fieber gelitten." Was ihr kindisches Wesen anbelangt: „Jeder Colonist besitzt einen Wagen mit zwei Rädern". Das kommt einem Kinderspiel zeug gleich. „Die Mühle und die Pumpe waren dieses Jahr nicht in Thätigkeit." Ungezogene Mühle und Pumpe! „Einige der abreisenden Colonisten verkauften ihre Thiere, und es sind nun nur noch sechs Kühe da, und diese geben nur sehr wenig Milch." Klein-Bopee hat auch alle Schafe verloren.!N~mi ist es bewirkt, dass alles Yieh in allen jüdischen Colonien aller Welttheile nicht so viel ausmacht, wie das eines einzigen australischen Farmers. Gestatten Sie, dass ich kurz die hundert Seiten des ,Jca"-Rapports durchgehe. Er beginnt mit Argentinien und ist in der angenehmen Lage, sich selbst zu einer einzigen Colonie Moisesville zu gratulieren, und selbst hier ist nur eine Ernte, die von Lucerner-Klee, welche vollkommen befriedigend ist; und selbst diese Colonisten „hoffen auf ein spät e t e s Gedeihen". Viel mehr schiebt die eigentliche Entwicklung dieser Colonie in die Ferne, ihre Lage weit von den Eisenbahnen und den Märkten. Wir kommen dann zu Mauricio, wo der Mark Tapley-Geist überwuchert. Um den Export der Producte zu ermöglichen, muss da ein Magazin gebaut Averden. Und das ist einer der Hauptpunkte meiner Kritik, dass mit der Etablierung der Colonien in vielen Welttheilen viele gleiche Arbeit in jeder Colonie separat gemacht werden muss. So lesen wir auch von einer Bahnstation, die in Moisesville und von einem Damm und einem Canal, der in Or Jehuda errichtet werden muss. Für das dritte Territorium in Argentinien, für Entre Rios, hat Mark Tapley seinen ganzen Frohsinn nöthig. um zu bestehen. Denn in dem Jahre 1900 verliessen 113 Familien, die 560 Seelen umfassten, Entre Rios, weil da jede Ernte vollkommen versagte. Der Kapport berichtet: „Die Mehrzahl dieser Familien war für den Ackerbau nicht geeignet." Die Administration gratuliert sich zu dieser so bewirkten Auslese! Sie bedauert nur die Abreise einiger Familien, die gut arbeiteten, aber keine Geduld zu warten hatten. Wir lesen weiter diesbezüglich: „Es ist schwer, in Entre Rios gute Milchkühe zu bekommen, und so waren wir nicht in der Lage, unter die Colonisten die für sie bestimmten Kühe zu vertheilen." Der Ernst der Lage liegt in der Thatsache, dass die grosse Mehrzahl der argentinischen Colonien, d. h. 20 an der Zahl, eben zu Entre Rios gehören, und dass es in eben demselben Bios weder Ernten überhaupt noch Milchkühe gibt. Alles andere ist wohlauf. Und wie viele Colonisten, glauben Sie, wohnen in allen diesen so viel gepriesenen Colonien? 906, sage und schreibe neunhundertundsechs Colonisten mit ihren Familien. Die könnten alle in der grossen Assembly Hall (in London) bei einem Zionisten- Meeting bequem Platz finden. In der That, „es kreissten die Berge, vinli1 'geboren'W&rä dfie —'Malis"/1''1 ' : ■ ■■■ilu Der Rapport geht nun zu Palästina über, wo das „Rauern-Spiel" vom Baron Edmund Rothschild begonnen wurde. Aber er wenigstens spielte dieses Spiel fair und