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Die Welt · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Article
Referat, erstattet auf dem V. Zionisten-Congress zu Basel am 27. December 1901
Date
1902-01-24
Page
8 (sequence 3)
Language
German
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Seite 8 ,Dte Welt*- Nr. 4 „Juda" und seine hebräischen Exlibris unsere ganze Liebe gewonnen und wir setzen eine Hoffnung in ihn, die mehr ist als das grüsste Lob. Er ist uns mehr als ein verehrter Meister; er ist unser Freund, unser Bruder. Einer, in dessen Werken sich ein prächtiger Sinn für kraftvolle Farben Wirkungen mit einer prägnanten Charakteristik der Geberde vermählt, ist Jehuda Epstein. (Beifall.) Eines seiner jüngsten Gemälde, „Hiob und seine Freunde", haben wir hier, freilieh noch in unfertigem Zustande, ausgestellt. In seinem Atelier ist zur Zeit eine grossangelegte Makkabäergruppe zu sehen, die Scene darstellend, wo Matitjahu sich vor dem Götzenaltare erhebt, um zu eifern für den Herrn. Ein anderes älteres Bild „David vor Saul" hatte ich Gelegenheit, bei Theodor Herzl zu bewundern. Diese farbenstarken Werke mit ihrer straffen, seelenvollen Composition stellen ihn in die erste Reihe unserer Künstler. Ich hätte noch viele zu erwähnen. Hier kann ich nur noch einie Namen nennen: In erster Linie S. J. Solomon (Beifall), der in die traditionelle moderne englische Malerei eine eigen thümliche jüdische Nuance hineingebracht hat und von dem uns hier namentlich „Die Gefangennahme Simsons" und sein Poi*trät Israel Zangwills interessieren; den Porträtmaler Leopold Horowit /., der eine edle und verständnisvolle Auffassung des modernen jüdischen Gesichtstypus bewiesen hat; Isidor K a u f m a n n , dessen feine Gruppen und Scenen aus dem jüdischen Leben bekannt sind; B endemann, der biblische Scenen in pathetischer vielgelobter Weise gemalt hat; Alfred La kos, dessen „Trauernde Juden" hier ausgestellt sind; den sehr begabten jungen Radierer Hermann Struck, der-ein seltenes Verständnis für seelenvolle Dar stellhing jüdischer Kopfe besitzt, und von dem noch viel Schönes zu erwarten ist: Hirszenberg, der vortreffliche realistische Stimmungen des modernen Judenlebens und einen ergreifenden Ahasver gegeben hat; Kisehinewski, der russische Judön in scharfer, charakteristischer Weise gezeichnet hat; Henry Levy, der zahlreiche Original-Lithographien aus dem jüdischen Lehen geschaffen hat; Wilhelm Wr achtel, von dem wir hübsche decorative Blätter kennen. Von unseren "Bildhauern sind zu nennen: Marc Antokolsky, der unstreitig bei weitem Bedeutendste, der Weltruhm erlangt hat und von dessen Werken jüdischen Inhalts das interessanteste wohl sein ..Spinoza" ist: Henryk G*l i t z e n s t e i n , ein reichbegabter Künstler, Laureat der Münchener Akademie, dessen „Abel" eine Symbolisierung des duldenden jüdischen Idealismus ist: Frederic Beer, dessen Congressmedaille Sie «lle kennen; Aar on son, dessen Gruppe „Le berceau d'amour" eine altjüdische Sage in zarter, reizvoller Weise darstellt; Bernstein- S i n a i e f f , der unter anderem einen „Esra" geschaffen hat; Alfred Nossig (lebh. Beifall), dem wir einen „Ewigen Juden", einen „Makkabäer" und einige Porträts-Plaquetten, darunter die Max Nordaus, verdanken, und dessen Bestes wohl die hier ausgestellte Maske des Königs Salomo ist; Boris Schatz, von dem namentlich ein „Mattitjahu" zu erwähnen ist, und andere mehr. Ich habe hier Werke jüdischen Inhalts nur deshalb hervorgehoben, weil sie schon äusserlich ein Interesse für uns haben; sie sind aber durchaus nicht immer die jüdischesten der betreffenden Künstler. Auf viele, die ich schätze, konnte ich nicht näher eingehen, ja nicht einmal^ alle in Betracht kommenden Namen nennen. Ich hoffe aber doch, dass ich Ihnen eine, wenn auch nur schwache Vorstellung der werdenden jüdischen Kunst gegeben habe. Bemerkenswert ist, dass die meisten der genannten Künstler sich der zionistischen Bewegung angeschlossen und ihre Kräfte ihr in schöpferischer Dankbarkeit gewidmet haben. (Beifall.) Legen wir uns nun die Frage vor: Was können wir für unsere Bildkunst thun? Was können wir dafür thun, dass das Volk seine Künstler und die Künstler ihr Volk erkennen? Unsere Action soll in dieser Richtung eine dreifache sein. Wir sollen erstens in den grösseren Städten Ausstellungen jüdischer Kunst veranstalten; ich hoffe, dass wir in der Lage sein werden, bereits im nächsten Winter einen würdigen Anfang zu machen. Eventuell kämen auch Wanderausstellungen in Frage. Wir wollen zweitens trachten, dass überall, wo Aussicht auf Gedeihen vorhanden ist, Verlage und Vertriebsstellen jüdischer Kunst entstehen; in diesem Sinne begrüssen wir den soeben gegründeten Kunstverlag „Phoenix" zu Berlin und den in Bildung begriffenen Kunstverlag „Aesthetik" zu Warschau. Wir sollen drittens eine künstlerisch-Wirtschaftliehe Organisation der jüdischen bildenden Künstler anstreben, die Gründung einer Genossenschaft, welche die einheitliche und centralisierte Verwertung des jüdischen Schaffens auf diesem Gebiete zu bewirken und durch ihre Leitung einen bestimmenden Einfluss auf die genannten Ausstellungen und Verlage zu nehmen hätte. Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, dass dem nächsten Congresse bereits die Statuten dieser nothwendigen und bedeutungsvollen Organisation vorliegen werden. (Beifall.) Das dritte Hauptgebiet unserer Kunst ist die jüdische Dichtung. Bevor ich von ihr zu sprechen beginne, gestatten Sie mir, etwas rein Persönliches zu sagen, das aber vielleicht doch allgemeineren, repräsentativen Charakter hat. Von all dem unbeschreiblichen Reichthum, mit dem uns die moderne jüdische Wiedergeburtsbewegung überschüttet hat, hat mich nichts so stark, so zauberhaft bewegt, wie die Renaissance der jüdischen Dichtung. Nichts hat mir so überwältigend wie sie vor Augen geführt, dass ein neues Land geboren worden ist, dass eine neue Kraft uns geschenkt worden ist und eine neue Stimme. — Zunächst ein kurzer Rückblick. Bis vor wenigen Jahren hatten wir drei Arten von Dichtungen: erstens die Dichtung von westeuropäischen Juden, die in verschiedenen Sprachen schrieben, ohne sich irgend eines Zusammenhanges mit irgend einer bestehenden oder entstehenden jüdischen Cultur bewusst zu werden, ohne an irgend eine andere Zugehörigkeit zu denken als an die zur Literatur des Volkes, in dessen Mitte sie lebten und dessen Sprache sie schrieben; zweitens die Dichtung der osteuropäischen, zumeist russischen Juden, die entweder Epigonen der Bibel oder Nachahmer Westeuropas waren: drittens das Volkslied. Hievon hat für uns grundlegende Bedeutung nur das Volkslied. Das Volkslied war lange Zeit hindurch diejenige Form, in der sich die Psyche der Juden dichterisch am reinsten, am echtesten, am unmittelbarsten äusserte. Freilich: an Mannigfaltigkeit der Motive, an Reichthum der Stimmungen konnte sich unser Lied nicht mit dem anderer Völker messsen. Dichterischen Ueberfluss zu erzeugen, war das Golusleben nicht fähig. Aber in seiner schlichten kargen Art ist unser Lied ein vollwertiges Zeugnis des Innenlebens einer grossen, gefangenen Nation. — Bis vor kurzem hatten wir keine brauchbare Sammlung von jüdischen Volksliedern. Erst in jüngster Zeit ist unter Leitung Ginzbergs im Verlage des f,\Voschod" eine geradezu mustergiltige Sammlung erschienen, die sieb zwar nur auf die in Russland gesungenen Lieder im Volksidiom beschränkt, aber doch über tausend Stücke enthält und in culturhisi&rischen Beziehung wie in der des künstlerischen Geniessens ein überaus wertvolles Material bietet. Sie ist aus dem freiwilligen und freudigen Zusammenwirken von Interessenten hervorgegangen und es ist hervorzuheben« dass ihre Mitarbeiter zum grösseren Theile Zionisten waren. Diese Sammlung ist erst ein Anfang — man wird zunächst in anderen Ländern, insbesondere in GalizTen, Rumänien, der Türkei, ähnliche veranstalten und sodann die Forschungen auf das spezifisch hebräische Lied, wie auch auf das deutsche einiger westlicher Länder ausdehnen müssen — aber auch sie bietet den werdenden Künstlern a.uf allen Gebieten des Sehaffens reiche Motive, Documente unserer SeelengeschicHte, von denen sie ausgehen und auf denen sie weiterbaiien können, So stand es also bis vor ganz wenigen Decennien. In diesen aber ist gleichzeitig mit der grossen national-jüdischen Bewegung und in stetem Zusammenhange mit ihr eine eigene wichtige Dichtung entstanden und hat sich so stetig entwickelt, dass wir sie nicht als eine zufällige Episode, sondern als etwas Nothwendiges, als einen lebendigen Organismus ansehen müssen. {Lebhafter Beifall.) Diese Dichtung entfaltet sich in drei grossen Zweigen: In der hebräischen Moderne, in der Jargonpoesie und in der Dichtung in fremden Sprachen. In dieser Dreitheilung drückt sich die ganze Zerrissenheit des heutigen Judenthums aus; hinter dieser

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