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Die Welt · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Article
Referat, erstattet auf dem V. Zionisten-Congress zu Basel am 27. December 1901
Date
1902-01-24
Page
9 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 4 Die s& Welt66 Seite Ö Verschiedenheit der Sprachen ist etwas wie eine Zerspaltiing der Seele. Und doch liegt wieder ein seltsamer Reichtlmm darin, namentlich in der Zweiheit von hebräischer und jüdischer Dichtung. Freilich ist es kein heimatlicher Reichthuni, nicht der Reichtlmm des friedlich Gesegneten, in Ruhe Geniessenden, sondern es ist ein Reichthum des Hazard, ein Reichtlmm der Wanderschaft, der Reichthum y eines Königs in der Verbannung, Und in dieser Zweilieit äussert sich noch einmal der riesenhafte Dualismus, der in gigantischen lyämpfen, in schicksalsgleichem Walten durch unsere ganze Geschichte geht: Der Dualismas des Geistes und des Lebensdranges. Die hebräische Dichtung ist im allgemeinen ebeno lebensfremd, ebenso idealistisch, ebenso unirdisch, wie die Jargondichtung lehensfroh, realistisch, irdisch ist. Doch erblicke ich gerade in der modernsten Phase beider Literaturen eine wertvolle und verheissungsvolle Annäherung. Jedenfalls dient die Zweiheit dem Aussprechen aller Nuancen; Avas die Seele des-Gegenwartsmenschen im Hebräischen nicht auszudrücken vermag, dafür findet sie vollgiltige Worte im Volksidiom3 und umgekehrt. Dagegen halte ich leider die jüdische Dichtung in westjüdischer Sprache für etwas Anormales, Tragisches, beinahe für eine Krankheit. " Aber. wie es Menschen, Thiere und Pflanzen gibt, die durch ihre Krankheit eine zaubervolle Schönheit erlangen, wie die Perle nicht anders als aus der Krankheit der Muschel geboren werden kann, so sehe ich so viel Glanz, so -viel eigentliümliche Schönheit in dieser Dichtung, dass ich sie für eine den anderen Formen ebenbürtige Macht halte, dass ich ihrer Entwicklung mit freudiger Hoffnung entgegensehe. (Beifall.) Ich nmss mir hier versagen, auf die hebräische und Jargondichtung und ihre wichtigsten Erscheinungen einzugehen: zur Charakterisierung der driten Gruppe nenne ich nur ein paar Namen: Zunächst unseren genialen Freund und Genossen Israel Zangwill (lebhafter, lange anhaltender Beifall), von dem in der deutschen Literatur bekannt gewordenen Georg Hirschfeld (Beifall) und Jakob Wassermann (Beifall), von den Werdenden, auf die man hoffen darf. M. J. Berdyczewski (Beifall), der ja auch in der hebräischen Literatur bedeutsam ist. Von den jungen Talenten wurden in der Pessach- und in der Makkabäer-Festausgabe des jüngsten Jahrganges der „Welt" einige vorgeführt, allerdings in, bunter, ungleicher Reihe. Den gegenwärtigen Stand der jüdischen Dichtung 4n Ihren sämmtlichen Ausdrucksformen soll eine Anthologie darlegen, die der Jüdische Verlag, auf den ich sogleich zu sprechen komme, herauszugeben beabsichtigt. Wie können wir für unsere Dichtung thätig sein? Erstens durch die Umgestaltung unserer Presse in dem Sinne, dass sie in höherem Masse als bisher gute, moderne jüdische Dichtungen bringe, so unsere lesenden Kreise zu deren Verständnis* erziehe und zur Schaffung eines literarischen Publicums beitrage, das wir bisher noch nicht haben; zweitens durch Ausschreibung von Preisen für Novellen. Gedichte, Dramen u. s. w.; drittens durch Veranstaltung von Vorlesungen aus jüdischer Dichtung, die sich allmählich zu einer Bühne auswachsen sollen; viertens endlich durch die Gründung eines modernen jüdischen Verlages. (Beifall.) Auf diesen, auf den sich mein einziger Congressantrag bezieht, möchte ich nun näher eingehen. Unsere Thätigkeit im Dienste unserer Kunst kann man in ihrem wesentlichsten Theile in den Worten zusammenfassen: Aesthetische Erziehung des Volkes. Ich weiss wohl, dass hiefür die bei uns so zahlreichen recht- und besitzlosen Schichten gar nicht oder doch sehr wenig in Frage kommen. Aber erstens bleiben dann noch sehr weite Kreise als Arbeitsgebiet, zweitens aber wird es, wenn unsere Pläne gelingen, schon in kurzer Zeit möglich sein, viele einfache, schlichte, allgemeinverständliche Kunstwerke unentgeltlich in die breiten Massen zu werfen. Das, was uns als Ziel vorschwebt, ist, dass in das jüdische Haus jüdische Kunst getragen werde, jüdische Musik, jüdische Bilder, jüdische Leetüre, zugleich aber gute und echte Kunst. Das Fremde soll auf den zweiten Plan gehoben, das Schlechte und ästhetisch Unzulängliche ganz verdrängt werden. (Lebhafter Beifall.) Das ist innerliche Erziehung dos Volkes. Das ist zugleich: Den schaffenden Kräften Bethätigung geben. Das ist aber auch: Propaganda im grossen Stile. Wir haben bisher durch das Wort agitiert. Nun wollen wir aber auch durch das Leben agitieren. Das Wort kann Menschen ergreifen. Das Leben allein kann fürs Leben festhalten. Das Wort kann zu Sehekelzahlern machen. Das Leben allein kann zu wirklichen Zionisten machen. Das Wort kann zwingen, die Idee zu bekennen. Das Leben allein kann zwingen, die Idee zu leben. (Lebhafter Beifall.) Deshalb wollen wir durch das Leben agitieren. Und wir thun dies auf vielfache Weise, wenn wir durch einen Verlag für unsere Kunst thätig sind. Wir gewinnen zunächst viele Künstler, die das Leben als ein Schaffen betrachten und zu uns nicht kommen, weil sie bisher keine "Möglichkeit zu schaffen gesehen haben; wir festigen das Band zwischen unserer Sache und den Künstlern, die sich uns angeschlossen haben, dadurch, dass wir ihnen die Möglichkeit geben, ihren Zionismus in ihrer eigenen Form zu bethätigen. Wir gewinnen weite Kreise der Intelligenz, die sich von uns fern ehalten, weil sie in unserer Bewegung nur politische Leitworte erblicken und den tiefen modern culturellen Gehalt der Sache nicht kennen; Avir propagieren unsere Idee durch die Werke, in denen sie sich verkörpert, wir machen endlieh die Unseren zu wahren, ganzen Zionisten......*) Verehrte Congressmitglieder! Seien Sie dessen eingedenk, dass hier ein positives Culturwerk der Erfüllung harrt. Von Ihrer Stellungnahme hängt es vielleicht ab, ob die jüdische Kunst, die in so kurzer Zeit so wundervoll, so gl tick verheissend aufgeblüht ist, nun wie ein verkanntes und vernachlässigtes Stiefkind in einer Ecke dahinwelken soll, oder ob die Thore weit aufgemacht werden, dass sie einziehe in ihr eigenes Reich, uie junge, holde Königstochter, und sitze auf ihrem Throne und allen, die ihr Angesicht schauen, Sonne und Segen schenke. Wir legen unsere Sache vertrauensvoll in Ihre Hände. (Lebhafter, hinge anhaltender Beifall.) Die Gesetzestreuen kommen. Der „Jeschurun", orthodoxes Wochenblatt in Posen, bringt in d^r letzten Nummer einen Aufsatz unter dem Titel: „DerfünfteZionistencongress,ein Wortzu seiner Würdigung." Der Verfasser, ein guter Zionist und Orthodoxer, führt darin die Bedeutung des letzten Congresses aus, sowie auch die des Zionismus, den er gegen Bedenken von orthodoxer Seite vertheidigt. In der Einleitung bemerkt die Redaction, dass sie die Frage des Zionismus aufrollen und ihren vom erwähnten Artikel abweichenden Standpunkt präcisieren werde; doch würde sie sich nicht grämen, wenn eine Brücke zur Verständigung geschlagen werden sollte. Das ist ein gutes Wort. Warum denn Feindseligkeit gegen unsere Bewegung? Feindseligkeit von einem Theil der orthodoxen Judenheit, von der ein anderer Theil längst mit uns kämpft? Guter Wille wird schnell breite Brücken bauen und durchdachte Erkenntnis nach unserer Ansicht wenig gegen die Argumente vorbringen, die wir im Congressartikel des „Jeschurun" lesen und zum Theil anführen: „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass eine so grosse Anzahl von Menschen aus allen Theilen der Erde sich zu einer geradezu beispiellosen intensiven Geistesarbeit vereinen könnten, wo doch zwischen den Einzelnen gar manches Trennende liegt, trennend in Bezug auf die Aufgaben des täglichen Lebens, trennend in Bezug auf ihren Standpunkt hinsichtlich Auffassung der jüdischen Religion, trennend nach demjenigen Volksthum, unter welchem sie aufgewachsen sind, und welches seine Spuren sehr wohl bei dem Einzelnen erkennen lässt Und diese alle beugten sich vor der Grossartigkeit derjenigen Idee, welche das in die Wirklichkeit umzusetzen erstrebt, was das religiöse Judenthum in allen seinen Gebeten stets als die Sehnsucht unseres Lebens bezeichnet". — „Wenn ich es auch als gesetzestreuer Jude zur Zeit bedaure, dass das gesetzestreue Judenthum in Deutschland sich zunächst noch etwas ablehnend verhält, so glaube ich, dass dies nicht von erheblicher Bedeutung ist. Von viel grösserer Wichtigkeit ist es vielmehr, dass der Zionismus zunächst diejenigen für das Judenthum wieder wirbr, die dem Judenthum sonst verloren gegangen wären. Das gesetzestreue Judenthum aber als solches wird bei seinem Judenthum verharren, und aus dieser Anhäng- *) Hier folgt der detaillierte Antrag. (Vgl. in dieser ISTunnner: „Ein Jüdischer Verlag".)

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