Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Article
- Referat, erstattet auf dem V. Zionisten-Congress zu Basel am 27. December 1901
- Date
- 1902-01-24
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die # Welt?' Seite 7 „Woschod" erschienen ist und über die ich noch ausführlicher sprechen werde. Es geht aus dem Gesagten hervor, dass wir einen wahren Aufschwung der jüdischen Musik, vornehmlich der lyrischen, erhoffen dürfen. Die bildende Kunst hat sieh bis in unsere Zeit im jüdischen Volke mir Seimartig, sozusagen andeutungsweise, entwickelt. Hauptsächlich war es der Schmuck ritueller Gegenstände, an dem sie sich bethätigte, und viele alte Synagogen sind eine wunderschöne Stätte solcher Kunsterzeugnisse. Bis in die jüngste Zeit waren alle diese Werke verstreut, bis man vor einigen Jahren an ein systematisches Sammeln gieng. Es ist das Verdienst der Gesellschaft zur Erforschung und Conservierung von historischen und Kunstdenkmälern des Judenthinns zu Wien, der Gesellschaft zur Erforschung Jüdischer Kimstdenkmäler zu Frankfurt und der Gesellschaft für jüdische Volkskunde zu Hamburg, Mittelpunkte errichtet zu haben, in denen alle Dinge zusammenkommen., welche die naiv schaffende Hand unseres Volkes im Gange der Jahrhunderte hervorgebracht hat. Alle diese Institute bilden gleichsam eine Sammlung alt jüdischer Kunst, eine Sammlung, in die auch manche Blätter und Bücher gehören, die unser Freund Dr. Chazanowicz unserer Nationalbibliothek in Jerusalem gestiftet hat. (Beifall.) Aus diesen Samminngen können wir das dunkle mühsame Tasten eines Volkes erkennen, zu dessen natürlichen Aeusserungsfarmen die Bildkunst nicht gehört, das aber doch nach Schönheit verlangt für die Gegenstände seiner Umgebung, wenigstens seiner Umgebung in festlichen Stunden. Erst in unseren Tagen ist die bildende Kunst in unserem Volke in ungeahnter Pracht aufgeblüht. Es ist mir an dieser Stelle nicht möglich, den historischen Ursachen dieses wunderbaren Aufschwunges nachzugehen. Ich kann nur sagen, wie es war. Unser Blut, das so lange im besten Falle lebensfeindliche Gelehrte hervorbrachte, begann. Künstler zu erzeugen. Und diese Künstler wandten sich, einer nach dem anderen, wie im Gefühle dieses Wunders, dem Mysterium ihres Blutes, dem Schicksale ihres Volkes zu. Aber nicht bloss iiusserlich, nicht bloss in Stoffen und Motiven sprach aus ihren Schöpfungen die Seele unseres Stammes. Tief in Anschauung und Form dieser Werke war die jüdische Eigenart eingesenkt. Auch dies kann ich hier nicht nä'her ausführen. Aber sehen Sie sich nur die paar Blätter an, die wir auf diesem Gongresse als ein kleines Zeichen unserer grossen Kunst zusammengebracht haben. (Lebhafter Beifall.) Betrachten Sie darauf die eigenthüm liehe Verth eilung von Licht und Schatten, das Spiel der Luft um die Körper, die Einbettung der Einzelwesen in die umgebende Natur, die weite flächenhafte Auffassung, die seltsam verinnerlichte Bewegung. Ueberall werden Sie Elemente jüdischer Anschauung und Gestaltung erkennen. Von unseren Künstlern möchte ich an erster Stelle den grossen Altmeister Jozef Israels nennen, den Europa kennt. (Lebhafter Beifall.) Unter seinen genialen Radierungen finden sich auch mehrere Darstellungen jüdischer Stoffe, von denen wohl die bedeutendsten „David und Saul" und „Der Sohn eines alten Volkes" sind. Aber nicht nur in diesen, sondern in seinem ganzen Schaffen, in seiner ganzen Wesensart ist etwas tief Jüdisches. Er fühlt sich mit aller Kraft seiner Seele dem alten Stainnre zugehörig. Bei ihm ist das ruhige sich stetig fortentwickelnde Schaffen so selbstverständlich, wie bei einem Talmudjuden das ruhige, versunkene Lernen. Er hat dies auch in Worten oft betont; so in seinem Buche „Spanien", wo er seine Begegnung mit spanischen Juden, die düstere Glut ihrer Gestalten,, die arme, trauervolle Stimmung ihrerUmgebung, und das starke sehnsüchtige, wie bluterfüllte Tönen der gegenseitigen hebräischen Begrüssung in warmer, seelenvoller Weise schildert. („Garn ani jehudi meerez hollande" ruft er ihnen zu.) So vor kurzem zu einigen Zionisten, denen er seines Herzens innige Sympathien für unsere Bewegung, für unser lcleal kundgab. Und mögen die jüdischen Gestalten, die er geschaffen hat, noch so ruhig dasitzen oder dastehen: in der Mattigkeit ihrer Linien ist Geheimnis, in der Starrheit ihrer Haltung ist Tragik. Jahrtausende sprechen aus , diesen stummen regungslosen Menschen und ein Sehnen, das vom Schicksale zertreten wird. Ja, die riesenhafte, todesgraue Hand des Schicksals ist es, die über ihnen lagert, wie eine graue, schwere, alles Lieht verzehrende Wolke. Jenseits dieser Wolke aber, unseren Augen unsichtbar, des Meistors heimlichsten Träumen gegenwärtig, zieht das erste leise Dämmern der Erlösung heran, die siegen wird. Israels reicht aus früheren Generationen des jüdischen Volkes in unsere hinein, die erste, die ihn vorsteht und ihm huldigt. Während seines Lebens aber ist ein zartes, junges Künstlerleben aufgeflammt und bald erloschen. Ich meine Moriz Gott lieb, der mit 23 Jahren gestorben ist. Er war ein ausserwählter Träger der Tragik unseres Volkes. 10s ist. als ob ihn der Geist unserer Geschichte gektisst hätte, zu Leiden und Vorgehen. Er hat sieh einmal als Ahasver gemalt, mit dem Goldreif auf der Stirne. Und das Königthuni des Wanderus und der Schmerzen war in seiner Seele. Er ist zu früh gekommen. Er fühlte das neue Judentimm, bevor es noch da war. Er war ein*1 Verkündernatur, und sein Schicksal war das Schicksal des Vorkünders, der allzu früh dahin geht, dem es nicht beschieden ist, vor dem Tode das ersehnte Land mit Augen zu schauen. Seine jüdischen Bilder, von denen ich noch ..Die betenden Juden". ..Shylock und Jessica", ,.Uriel Acosta und Judith'*' nenne, sind ein Denkmal auf unserem Wege. Wir liehen seine junge, ringende wehmuthvolle. Gestalt. Wir fühlen uns eins mit seinem Kampfe und mit seinem Leiden. Ehre seinem An denken! An Israels schliesst sich in der Art seiner Kunst Max Liebermann an. Er ist ein grosser Künstler. Er ist lange nicht so sehr Jude wie Israels., aber er fühlt doch die tiefen alten Quellen seines Wesens, wenn ihm auch der königliche Stolz fehlt, mit dem sich Jozef Israels zu seinem Volke bekennt. Und das Jüdische bricht, ihm seihst unbewusst, immer wieder in seinen Bildern hervor. In der Art, wie er die weite, versehwimmendo Landschaft sieht, ebensowohl, wie in der Art, in der er eine ganze Gegend in einzelnen schlichten Gegenständen verkörpert und um den Menschenleib stille Schatten häuft, ist ein heimlich jüdischer Zug. Bewusst jüdisch aber wird er. wo er sieh aus dein Buche unseres Volkes die Stoffe holt. Da nimmt ihn die ewige Nacht gefangen. Ganz im Gegensatze zu Liebermann steht L esse r U r y. (Lebhafter Beifall.) Das grösste an ihm ist sein übermenschliches Wollen. Ein glühendes, stürmisches Wollen, in dem die Sehnsucht nach der Sehraiikenlosigkeit lebt, ein Wollen, das alle Bande sprengt und das Unsagbare zu sagen versucht. Das ungeheure Leiden des Stammes bricht sich in ihm gewaltsam freie Bahn, nicht in Klagen, sondern in Anklagen, nicht in Fragen, sondern in wildem Angriffe. In seinen grossen Bildern bäumt sieh imnier wieder eine lebendige Kraft gegen dumpfe Schicksalsniächte auf und verlangt nach Erlösung. Er hat für unser Schicksal monumentale Symbole gefunden. Er hat in seinem „Jerusalem" in einer kleinen Gruppe von wandernden Juden, die auf einer Bank am Meeresstrande rastend lagern, das ganze jüdische Volk gemalt, und in diesem schmerzvollen Abend, da Himmel und Meer einander in Sehnsucht entgegenbeben, die ganze Geschichte des Volkes. Er hat in seinem „Jeremias" den Propheten gegeben, dem die Geschichte seines Stammes auf die Schultern gelegt wurde und der unter der Last einer Ewigkeit niedersinkt. In Lesser Ury ist ein Mysterium zur Revolution geworden. Der bewussteste unter unseren Künstlern ist wohl einer der jüngeren. Ephraim Mose Lilien. (Lebhafter Beifall, der sieh zu einer herzlich spontanen Ovation für den anwesenden Künstler steigert.) Er ist tief in das Wunder unseres Volkes eingedrungen, hat Sinn und Wert unserer alten Motive erkannt und sich zu eigen gemacht. Er hat die Sache des Zionismus an sich selbst erlebt, hat sie ganz in sich aufgenommen. Gerade dass er der jungen Generation angehört, macht ihn so sehr zu einem von den unseren. Und doch erwarte ich von ihm noch viel mehr, als er bisher gegeben hat. Er hat herrliche Blätter gezeichnet. Er verfügt über eine reiche reife Technik. Dennoch ist seine Kunst noch mehr Verheissung als Erfüllung, wie das Streben unserer neuen Generation überhaupt. Jedenfalls haben ihm sein Buch