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Die Welt · 1902-01-10 · 2 (10.1.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
2 (10.1.1902)
Article
[Ohne Titel]
Date
1902-01-10
Page
6 (sequence 5)
Language
German
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Seite 6 ,J)te <t WfittJ> Nr. 2 aus meinem Berufe einen Vergleich heranziehen, der sich auf den Zionismus bezieht. Wenn man einen krarken Körper zu heilen hat, wozu man das Medicament erst von weitem besorgen muss, hat man alle Kräfte anzustrengen, damit der kranke Körper nicht derart verfällt, dass er die Aufnahme des Heilmittels verweigert. Da auch wir nicht von heute auf morgen unser Mittel in die Hand bekommen könnten, so müssen wir den Kräfteverfall unseres Kranken mit allen Mitteln aufhalten, die Verelendungstheorie, ein trauriges Product menschlichen Geistes, hat in der Praxis der Socialisten, die damit arbeiteten, ihre Unhaltbarkeit bewiesen, und es hat sich für die hohe Menschlichkeit, also auch für uns ergeben, dass die Gefolgschaft für Ideale von einem ökonomisch deprimierten Menschen am schwersten zu erreichen ist. Eine Verelendungstheorie haben unsere Gegner verblendet uns zugewiesen und erzählten, dass wir das Traurige aus dem jüdischen Leben mit Vergnügen registrieren — aus agitatorischem Ehrgeiz. Ihnen haben die Delegierten am besten geantwortet, die in Erkenntnis der Baseler Botschaft in die Arbeit für die jüdische Gegenwart eintraten. Zwar gibt es unter uns noch eine Partei, die, unser Endziel sehnsüchtig im Auge, den Anforderungen der Gegenwart apathisch gegenübersteht. Doch kommt die Frage schon seit dem ersten Congresse nicht zur Ruhe, und die Notwendigkeit einer Antwort darauf zeigt sich schon durch den Umstand, dass bei den Wahlen in die Cultusgemeinden unsere Redner den Wählern ein Gegenwartsprogramm entwickeln müssen. Unsere österreichischen Gesinnungsgenossen haben ein Gegenwartsprogramm bereits auf dem Olmützer Parteitage präcisiert. Ich vertrete die Nothwendigkeit eines solchen auf Grund meiner überall im Judenleben gewonnenen traurigen Erfahrungen. Das jüdische Volk repräsentiert nicht nur eine nationale Freiheit, sondern auch eine sociale Gemeinschaft. Die Beständigkeit des jüdischen Geschickes wird im Osten durch Gesetze bestimmt, die nicht nur auf jüdische Bedürfnisse keine Rücksicht nehmen, sondern sogar mit rücksichtsloser Absicht ganzen Classen der jüdischen Bevölkerung den Boden unter den Füssen entziehen, nicht mehr mit Kunst, sondern mit offener Gewalt. Wir wollen mit den Regierungen nicht rechten, aber da niemand sich um das Geschick der Juden kümmert, müssen sie wohl ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Ist im Osten die brutale Verdrängung der Juden zuhause, so lässt sich im Westen eine stets zunehmende Verschlechterung der ökonomischen Lage bei den Juden constatieren, zum Beispiel auch in meiner Heimat Baden, wo doch der Grossherzog (langanhaltender Applaus) den Juden mit gerechtem und starkem Wohlwollen gegenübersteht. Die Frage der Hebung wird von uns Zionisten beantwortet mit dem Bestreben, die Juden aus ihrem Sumpfe heraus und wahren Idealen näher zu bringen. So erziehen wir unser Volk unserem Lande, so wie wir das Land für unser Volk vorbereiten. Aus einer Untersuchung über die Mittel und Wege, die uns zugebote stehen, kommen wir zum Ergebnis, dass die Landsmannschaften ihre Erfahrungen publicieren müssen, da die bekannte Statistik emr pfindliche Lücken besitzt. Es wäre vor allem die Kenntnis der Berufsneigung und Berufswahl bei den Juden wünschenswert, da die Hilfe am besten bei der Jugend, und zwar vor der Berufswahl einzusetzen hat. Mit Jochanan ben Sakai sagen wir: „Lasset uns Schulen gründen". Wir werden in den Handel gelernte Kaufleute, ins Handwerk gut classificierte Arbeiter eintrfcten lassen. Der Heranziehung zum Ackerbau stehen ökonomische Bedenken gegenüber und die Thatsache, dass die Bodenerwerbung eines Juden die Nachbarschaft gegen ihn fanatisiert. Für unsere Frauenvereine besteht als Nothwendigkeit die Erziehung der Mädchen in Haushaltungsschulen. Die Heranbildung von Krankenpflegerinnen hat in Deutschland z. B. die besten Früchte getragen. Die schwerste Sorge bildet aber die Arbeitsversorgung. Die Arbeitsvermittlung muss ausgezeichnet eingerichtet, die Bureaux miteinander verbunden werden. Der Arbeitsversorgung soll nach Vorschlägen aus Galizien durch die Hausindustrie gefördert werden, ein Project, das ohne gründliche Vorsorge in den Punkten: Wohnungshygiene, Kinderarbeit, Schwitzsystem , Zwischenmeister nicht verwirklicht werden darf. Mit Productivgenossenschaften der Handwerker hat man bis heute schlechte Erfahrungen gemacht. Der Kampf gegen die Grossindustrie lässt sich nur dann ausfechten, wenn man gesicherte Absatzgebiete hat, und wäre vor allen unseren Versuchen die Zustimmung der jüdischen Händler dieses Zweiges einzuholen. Consumvereine als billige Vermittlung der Rohproducte sind ein Mittel, das schliesslich niemand anderen als den jüdischen Kleinhandel trifft. Für diesen und den Zwischenhandel gibt es allerdings keine Rettung mehr, obwohl wir ihm keine Thräne nachweinen. Nur hindern müssen wir, dass der Sturz zum Proletarier die bisherige Brutalität behält. Bei plötzlich eintretenden Krisen muss die Hausindustrie die Zeit des Ueberganges zu anderen Berufen erträglich machen. Für alle bisher angeführten wirtschaftlichen Vereinigungen sind alle socialen Hilfen zu schaffen: Kranken- und Unterstützungscassen, Bruderladen etc. Die Schaffung eines Nothstandsfonds für wirtschaftliche Krisen ist wünschenswert. Alle diese Unternehmungen betrachten wir nur als Uebergangsarbeit, bis wir aus Juden auf dem Wege Judenzuhausegeworden sind. Nicht das A.-C, sondern dieVereine müssen für die Bedürfnisse ihrer Juden sorgen und ihre Erfahrungen durch die Centraistelle des A.-C. austauschen. Von einem Princip muss sich alles leiten lassen: dass Reden nichts, Thun alles bedeutet! (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Als Nebenreferent verliest H. Greenberg ein Referat über d;e beschränkenden Bestimmungen des englischen Gesetzes, die die Judeneinwanderung betreffen. Nach diesem Vortrage wird zur Geschäftsordnung der Antrag gestellt und angenommen, wonach bei künftigen Congressen ausser officiellen Erklärungen nichts verleset! werden darf. Hierauf betritt als Referent über Organisation Herr Dr. H e r z 1, die Tribüne: Er meinte, die zionistische Bewegung habe in allen Dingen neue Verhältnisse zu schaffen, ohne dass irgendwelche Beispiele vorlägen. Infolge dessen wurden manche Jugendfehler gemacht, welche ausgebessert werden müssen. Die Hauptsache ist Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit der Vertretung zu sichern. Unser Vertretungskörper muss zu einem wirklichen Ausdrucke der zerstreuten Juden in der ganzen Welt werden. Man muss sich zunächst darüber Rechenschaft geben, dass mit der Grösse der Interessen, welche sich nun allmählich um unsere Bewegung herum ansammeln, auch bei manchem minder träumerischen oder unpraktischen Manne der Wunsch erwachen könnte, sich im Wege der Wahl zum Congresse einen Einfluss auf

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