Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1902-01-10
- Page
- 5 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 2 >Die £ Welt44 Seite 5 etc. nehmen Juden hervorragenden Antheil. In Oesterreich kommen auf 100 chargierte Militärs 8*i Juden, während sich von diesen im Mannschaftsstande nur 3:i Juden befinden. In der Schar Garibaldis befanden sich ursprünglich n, später 127 Juden. Es ist Pflicht des Zionismus, Vorschläge praktischer Natur gegen die bestehenden Uebelstände zu schaffen; eine systematische zielbewusste Volkshygiene mit Massnahmen für die Juden muss veranstaltet werden. Die Verwandten- und Frühehen müssen aufhören, Jugendhorte und Kindergärten müssen' erstehen, eine vernünftige Schulreform für die Chadarim muss platzgreifen, Schulärzte sollen angestellt, Feriencolonien und Kinderheilstätten eingerichtet werden, die Kinderspiele sollen Disciplin- und militärische Uebungen enthalten, alle sportlichen Uebungen energisch gepflegt werden. Der Armenpflege und Verbilligung von Volkswohnung und -Nahrung muss besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Masse muss zur Hygiene erzogen werden, und dann dürfte es gelingen, sie aus ihrem unleugbaren körperlichen Niedergange wieder emporzubringen. (Lebhafter Beifall.) Ueber Geschichte und Wissenschaft referiert, von stürmischem Beifalle begrüsst, Herr Redact. Sokolow (Warschau): Bestände das Judenthum allein aus einer Anhäufung von Glaubensgesetzen und Gesetzesformen, so wäre es allerdings für die Wissenschaft kein Object, und die systematische Behandlung der Satzungen hätte noch lange nicht den Charakter einer Wissenschaft. Wissen allein ist noch keine Wissenschaft. Letztere ist die Erforschung des Wesens einer Sache in ihrem Ursprünge, Werden und Entwickeln, Bestehen und Wirken, in dem lebendigen Zusammenhange von Ursache und Wirkung. Dazu gehört die Sichtung und Durcharbeitung des ganzen Materials, was die erste Grundlage für das Gebäude der Wissenschaft bildet. Die Wissenschaft des Judenthums ist nicht neu und hat schon manche Epoche gehabt. Aber im grossen und ganzen kann man sie doch als ein Product des 19. Jahrhunderts ausgeben. Sie begann zugleich mit dem Bewusstsein, dass das Judenthum innerhalb unserer Zeit eine höhere Bedeutung und damit Anspruch auf eine dauerhafte Existenzberechtigung hat. In den ersten Decennien war es besonders die Geschichte des Judenthums und der Juden, welche umfassendere Bearbeitung fand. Redner citiert die Arbeiten von Jost, Zunz, Herzfeld, Grätz, Geiger, Steinschneider, Frankel, Münk, Dukes für die Geschichtsforschung, für die jüdische Literaturgeschichte schufen Kassel, Kayserling, Karpeles, Brann und David Kaufmann, auf den Lehr- und GedankeninhaltBezüglichesS.R.Hirs ch, K r o c h m a 1 und Philippsohn. Einen wesentlichen Theil der Wissenschaft des Judenthums macht auch die Exegese der Bibel und des Talmud und die Philologie dieser beiden aus. Redner gedenkt der Entwicklung der hebräischen Literatur. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat sich aber die Wissenschaft in Episoden aufgelöst; die grossen bahnbrechenden Geister sind verschwunden. Das Niveau des jüdischen Wissens im westlichen Europa hat auch unter gewissen Rabbinern einen schrecklichen Tiefstand erreicht. Dem gegenüber müssen wir die Wissenschaft wieder volksthümlich machen, damit sie Ursprünglichkeit und Frische gewinne. Darin sind die n at ionalen Juden von den Bekenne rn des Judenthums verschieden. Ein Judenthum und seine Wissenschaft hat nur dann Sinn und Daseinsberechtigung, so lange sie -ira Volksthum wurzeln. Der lebendige Gegenstand der Wissenschaft ist das Judenthum selbst; sie hat sich mit dem jüdischen Leben zu verschmelzen. Was man früher Judenthum nannte, ist in Wahrheit das jüdische Volk, denn ohne dieses hängt der Begriff des Judenthums in der Luft. In der Frage der Wissenschaft liegt ein nationales Erfordernis. Dabei handelt es sich nicht um eine parteimässige Behandlung. Das Judenthum soll nicht wie eine Monstrosität in der Klinik demonstriert werden, sondern das jüdische Volk soll geschildert werden in seinem Erlebten und in seinem Schaffen. Katechismen und Fibeln zu schaffen, ist überflüssig. Hebräisch kann man nur aus hebräischen Büchern lernen. Der Zionismus erblickt in der Frage der Wissenschaft des Judenthums ein selbstverständliches nationales Erfordernis, und will die Wissenschaft in allen Sprachen der civilisierten Welt geschaffen haben. Diese Wissenschaft wird aber nicht Eigenthum einer Gruppe von privilegierten Gelehrten, sondern Eigenthum des ganzen Volkes werden. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) An das Referat Sokolows und in Verbindung damit sollte sich dasjenige Dr. Ehrenpreis' über die hebräische Sprache schliessen. Leider war Doctor Ehrenpreis im letzten Augenblicke daran verhindert worden. Es entspann sich nun eine interessante Debatte darüber, ob nicht das Referat verlesen und dem Congressprotokoll einverleibt werden sollte. Aus rein principiellen Gründen sprach sich der Congress dagegen aus. Man wollte verhüten, dass andere Referenten aus Bequemlichkeitsrücksichten von der Reise abstehen sollen. Dagegen beschloss der Congress, in einem Separatabdrucke das Referat den Delegierten zugänglich zu machen. Es folgte das Referat über Jüdische Kunst, erstattet von Martin Bub er. Da die Stunde vorgerückt ist, wird der nächste Referent (Dr. M o s e s-Mannheim) erst in der nächsten Sitzung sprechen. (Schluss der Sitzung 4*/^ Uhr.) * HL Tag. V. S i t z u 11 g. Beginn : Samstag 6 Uhr abends. Präsident Dr. Herzl eröffnet die Sitzung und bringt den Einlauf zur Verlesung, zunächst das bekannte Schreiben des Regierungsrathes des Cantons Basel-Stadt. Dieser Brief wird von der Versammlung mit stürmischem Beifall und mit Hochrufen auf die Stadt Basel und die Schweiz aufgenommen. Dr. Herzl bringt weiter das Telegramm Sr. Majestät des Sultans der Türkei zur Verlesung. Die Versammlung erhebt sich zu einer stürmischen, mehrere Minuten währenden Ovation. Dr. Herzl erklärt, diese Ovation des Congresses dem Sultan in geeigneter Weise übermitteln zu wollen. Von den vielen, in den letzten zwei Tagen eingelaufenen Depeschen und Resolutionen verliest Doctor Herzl die aus folgenden Städten: Johannesburg, Nischnijowgorod, Providence (Amerika), Cairo, St. Louis (Amerika), Cincinnati, Capetown, Baltimore, New-York, Buenos Ayres, Constantine (Algerien), Bone, Tomsk, Capstadt, Irkutsk, Verneudinsk, Alexandrien, San Francisco, Montreal (Canada), Brooklyn. (Lebhafter Beifall.) Dr. Moses (Mannheim) referiert hierauf über die Frage der wirthschaftlichen Hebung und führt, oft von Beifall unterbrochen, Folgendes aus: Ich will