Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1902-01-10
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 2 Ziele arbeiten können, so müssen wir eben thun, was uns ihm näher bringt, und zwar erstens: Dass wir das ganze Capital hereinbringen, zweitens, dass wir den nöthigen Connex mit Palästina herbeiführen, und drittens, dass wir in unserer Thätigkeit einen Contact herstellen mit denjenigen Orten, woher das Capital gekommen ist. (Beifall.) Wir denken uns die Bank als eine Mobiliarbank, das heisst, eine Bank, die nur Geschäfte macht, aus denen das Capital sofort herausgenommen werden kann, oder als Sparcassenbank, die sich an die kleinen Leute wendet, wie die bestehenden gleichartigen Institute in Russland, von denen es schon tausende gibt. Mit kleinen Leuten müssen wir im Zusammenhang bleiben, ihr Finanzinstitut werden, Filialen errichten und jüdischen Handwerkern kräftig zur Seite stehen. (Beifall.) Vor allem müssen wir uns einen guten Ruf schaffen durch die unangezweifelte Sicherheit unserer Geschäfte und dürfen keinen Groschen verlieren. Bei allen Unternehmungen wird Palästina der Leistern sein, dem wir zustreben. (Lebhafter Beifall.) Dr. Herzl bemerkt zur Aufklärung, dass Doctor Katzenelsohn keineswegs Beschlüsse des Directoriums, sondern lediglich die eigene Meinung enunciert hat. Auf den Antrag des Dr. R a p p a p o r t, das A,-C. möge die Thätigkeit der Bank sofort beginnen lassen, diene zur Antwort, dass vor kurzer Zeit in Wien eine Sitzung des grossen Aufsichtsrathes stattgefunden hat. Dort wurde beschlossen, die Verwaltung der Bank in der hisherigen Weise fortzuführen. Sollte der Congress durch einen Beschluss eine neue Marschroute vorzeichnen, so wird eben das neue A.-C. erklären, ob es unter dieser Bedingung sein Amt annehmen kann. Auf den Antrag, Geschälte der Bank nur in Palästina machen zu lassen, i st zu erwidern, dass ein diesbezügliches Project soeben auf seine Sicherheit geprüft wird. Es dürfte genügen, wenn der Congress eine Resolution fasst, dass thunlichst bald etwas gesehen soll, was man als Wunsch des Plenums genau beachten wird. Del. Sokolow (Warschau) findet die Sachlage noch immer so ungeklärt, dass er die Bankfrage einer Commission zugetheilt haben möchte, die genauen Bericht zu bringen hätte. Del. Bojukanski stellt den Antrag: Die Bank möchte, eventuell mit fremder Beihilfe, in Jaffa eine Commission zur genauen Untersuchung des Landes ausrüsten, zweitens Filialen in Russland gründen. Ein Schild „Jadische Colonialbank" würde mihr wirken als 100 Redner. Auch zahlt man schneller, wenn man sieht, dass auch in Russland Filialen gegründet werden, und schöpft so Vertrauen. Del. M o z kin behandelt zuerst die Frage, ob die Bank ihre Thätigkeit sofort beginnen solle, und kommt zu einem verneinenden Schlüsse. Er fürchtet, dass durch Filial- und Sparcassengründung die Bank leicht ihren Endzweck aus dem Auge verlieren könnte. Sein Antrag deckt sich mit dem Beschlüsse der 11 ältesten Arbeitervereine Russlands in der Bankfrage. Seine positiven Anträge lauten, dass die Bank eine Expedition von Fachleuten nach Palästina schicke, um ihren Actionsboden genau kennen zu lernen; zweitens, dass es kein Vorrecht des grösseren Besitzes in der Bank geben solle, wofür man grössere Popularität und grössere Erfolge erzielen würde. Da sich die Unmöglichkeit herausstellt, heute die Debatte zu Ende zu führen, wird sie vertagt. (Schluss der Sitzung V/2 Uhr nachts.) II. Tag. IV. Sitzung. Beginn Freitag vormittags 10 Uhr. Vorsitzender: Sir Francis Montefiore.. Auf der Tagesordnung steht das General- und die Specialreferate der Frage der geistigen, körperlichen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. Der Saal ist übervoll. Das Generalreferat führt Max Nord au mit der alten Wucht seiner Rede, deren Argumente so gut zu treffen wissen. Die Applaussalven während des Vortrages werden am Schlüsse zu einer fast endlosen stürmischen Ovation für den Redner. Die Damen schwenken Tücher, alle Anwesenden bringen fortwährend Hochrufe aus. Wir brachten das Referat in der vorigen Nummer. Ueber Antrag der Permanenzcommission (Wortführer Dr. A. Marmorek) werden gewählt in den Bank-Ausschuss: S. Barbasch, Odessa, L. M o t z k i n, Berlin, Doctor Farbstein, Zürich, Gr. L o u r i e, Pitisk, Ben-Jacob, Wilna, H. Losinsky, London, Banq. Kahn, Freiburg, L e v y, Canada, H. Vogelsohn, Lodz, V e c h t,Neu-Seeland, Tolkowskj, Antwerpen, Dr. Jacobsohn, Liverpool. Ueber körperliche Hebung der Juden referiert Dr. Karl Jeremias (Posen). Er gibt zunächst über den gegenwärtigen Zustand der Juden Aufschluss mit einer Reihe von sehr interessanten Ziffern : In Preussen betrug in den letzten fünf Jahren die Vermehrung auf io.ooo Seelen bei Protestanten 7*1, Katholiken 101, Juden 3*3. Auch die ständige Geburtsziffer der letzteren ist gesunken und betrug 1895 nur 62 Percent der Zahl, die nach dem Bevölkerungsantheil der Juden zu erwarten gewesen wäre. Bei diesem Verhältnis spielen eine grosse Rolle : 1. Taufen. 2. Auswanderung preussischer Juden (in den Jahren 1880—1890 etwa 27.000). 3. Ständiger Rückgang der Eheschliessungen und Hinaufrücken des Heiratsalters. 4. Die grosse Zahl der Mischehen (in Berlin */4 aller voa Juden geschlossenen Ehen). In Galizien entfielen in den Siebzigerjahren auf 1000 Seelen bei Juden 46*2 Geburten, 29*4 Sterbefälle, 16*8 Bevölkerungszuwachs, gegen 48*4, 37*1 und 11'3 bei Christen. Seit den Siebzigerjahren lässt sich constatieren, dass die Geburtszahl in jüdischen Ehen entschieden kleiner ist als in nichtjüdischen, hingegen liegen die Mortalitätsverhältnisse der Juden günstiger. Sie erklären sich hauptsächlich aus der geringen Kindersterblichkeit. Schon die Todtgeburten sind bei den Juden seltener: 32% gegen 36% bei preussischen Christen. In Preussen starben 1895 unter i5 Jahren 1497 Juden, die Sollziffer wäre 4081. Demnach ist durchschnittlich die Lebensdauer der Juden höher. In Frankfurt 48 Jahre gegen 36 Jahre bei Christen, in London 49 gegen 39, in Budapest 37 gegen 26. Selbst in Galizien ist der Percentsatz höher. Trotz dieser Erscheinung ist der physische Zustand der Juden ein sehr schlechter. In Preussen kommen auf 100.000 Seelen bei den Juden 83 Blinde, 136 Taubstumme, 500 Geisteskranke, bei Christen 66 Blinde, 90 Taubstumme, 25o Geisteskranke. In Oesterreich "waren 6 8% der Geisteskranken Juden bei nur 4"8% Bevölkerungsantheil. Unter den Truppen in Kiew kamen im Jahre 1895 Wahnsinnsfälie vor bei den Christen r5%> bei den Juden 2-2%; In Italien entfällt ein Geisteskranker auf 1700 Christen und 38o Juden. An Infectionskrankheiten weisen die Juden einen geringen Percentsatz auf. Die jüdische Rasse hat sich ein gut Theil ihrer Lebenskraft und Zähigkeit bewahrt. An allen Sportleistungen, wo Kraft und Geschicklichkeit erforderlich sind, im Militärdienst