Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 1 (3.1.1902)
- Article
- Rede Dr. Max Nordaus
- Date
- 1902-01-03
- Page
- 10 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 10 „Die s> Welt" Nr. 1 wüthendem Wettbewerb mit seinem jüdischen Nachbas vergeudet, drittens, weil es die blutwenigen Mittel, die es hesitzt, falsch und zwecklos verwendet, also thatsächlich zum. Fenster hinauswirft. Sind die Ursachen des Üebels erkannt, so sollte es nicht unmöglich sein, sie wenigstens theilweise zu unterdrücken. Der Jude gibt sich unfruchtbaren Beschäftigungen hin. Er öffnet Läden ohne Waren an Orten, wo es keine Kunden, nur andere Händler und andere leere Läden gibt, Er will Vermittler sein, wo es keine Handelsbewegung, also auch nichts zu vermitteln gibt. Diese jüdischen Händler und Makler müssen unbedingt zum Handwerk hinübergeführt werden. „Das ist unpraktisch! Das ist unmöglich!" Gemach. Jeden Tag wandern hunderte von Talmudisten, brotlosen Händlern, Strassenlungerem und sonstigen Luftmenschen, die nie mit ihren zehn Fingern gearbeitet haben, nach London oder New-York und lernen da in wenigen Wochen, ja. Tagen die Schneiderei oder Schusterei. Was sie in New- Ycrk und London lernen, das können sie ebensogut in Lodz und Bialystok lernen. Und. der gelernte Schuster und Schneider steht wirtschaftlich bereits thurmhoch über dem Händler ohne Ware und Kundschaft und nun gar über dem Luftnienschen. „Aber es gibt ja schon jetzt nur zu viel jüdische Handwerker im Osten und sie sterben Hungers." Richtig. Doch aus einem bestimmten Grunde. Weil an Ort und Stelle für so viele Handwerker kein Bedarf ist und weil die einzelnen Handwerker die wenigen vorhandenen Bissen Brotes, die nicht entfernt für alle ausreichen, einander in selbstmörderischem Wettbewerb abzutreiben suchen. Dem kann abgeholfen werden, wenn die hungernden Handwerker sich vereinigen, statt sich zu bekämpfen. Sie müssen die Arbeitsanarchie aufgeben und sich organisieren. Keine Concurreuz, Cooperation! lautet unser dringender Rath. Unsere Brüder im Osten haben nicht die Freiheit der Bewegung. Sie müssen bleiben, wo sie sind. Das macht es zu einem myprün glichen Gebote der Vernunft, überall alle Arbeiter in eine geschlossene Produktionsgenossenschaft zu vereinigen, in den Handwerken, deren- Erzeugnisse nicht versendungsfähig sind, nur die Arbeiter zu beschäftigen, für die an Ort und Stelle Bedarf und Nahurng vorhanden ist. alle Kräfte aber, die nicht in der bodenständigen, örtlichen Arbeit zu verwenden sind, solchen Handwerken zuzuwenden, deren Produete ihre Märkte in der ganzen Welt haben und beweglich sind. Ganz ohne Geld können solche Cooperativgenossenrchaften nicht gegründet werden. Dieses wenige Geld, das dazu nöthig ist und ausreicht, ist aber vorhanden und es wird thörieht oder ruchlos zum Fenster hinausgeworfen. Hunderttausend Juden wandern jährlich aus den Ländern des Ostens nach dem Westen. Unter welchen Entbehrungen sie auch ausgeführt werden, die Reisen kosten immerhin Geld. Die wandernden Juden verreisen jährlich Millionen. Welchen Nutzen bringen diese Millionen? Gar keinen. Man sagt vielleicht: sie sind, der Preis, mit dem die Ghettoflüchtlinge sich die Freiheit erkaufen. Ach, die Freiheit! In den Schwitzräumen von Ostlondon und New-York hat der jüdische Tagelöhner nicht mehr Freiheit als in Russland, Galizien und Rumänien. Er bleibe, wo er ist. Er lerne dort das Handwerk, das er in London lernen will. Er mache dort die Kleider und Schuhe, die er in London macht. Und er schicke die Ware auf den Weltmarkt, statt selbst zu reisen. Wenn er in der Heimat das Geld verdient, das er in London erarbeitet, so ist er fast wohlhabend. Was in London ein Hungerlohn ist, das ist in Minsk oder Wihi«, in Jassy oder Galatz auskömmlicher Erwerb. Und der Arbeiter ist nicht aus seiner Familie, seinem Kreise, seinen Ueberlieferungen, seinen Gewohnheiten herausgerissen. Das Reisegeld aber, das er erspart, dieses rein verpulverte Beisegeld, das er doch hat oder sich irgendwie zu verschaffen weiss, reicht vollkommen aus, um' den Grundstock von Cooperativgenossenschaften bilden, die ja mit ganz kleinem Capital arbeiten können. Stoff, Leder, Nähfaden und alles sonst zu der Kleider- und Schuhfabrication Nöthige würden Fabrikanten sehr gerne und mit drei- oder sechsmonatigem Credit liefern. Die fertige Ware würde sofort abgesetzt oder mindestens in Warrantform beliehen werden können, die Arbeiter würden also ihren Lohn wenigstens theilweise gleich erhalten. Dazu ist nichts nöthig als die industrielle und kaufmännische Organisation der Cooperation. An Ort und Stelle braucht das Artel Genieinsinn und Mannszucht, an dem Absatzmarkte eine tüchtige und gewissenhafte kaufmännische Vertretung, dann arbeitet die Maschine glatt und wandelt verhungernde Luftmenschen in Producenten um, die menschenwürdig leben und etwas ersparen können. Organisation! Das ist das erste und das letzte Wort auch auf wirtschaftlichem Gebiete. Und wer ist mehr dazu berufen, die hilflos chaotische jüdische Masse im Osten zu organisieren, als der Zionismus? Er nehme die Bildung der Cooperativgenossenschaften entschlossen in die Hand. Er lehre sie, sich gewerblich und kaufmännisch einzurichten. So gibt er den Hungernden Brot, so erzieht er die Verwahrlosten und Verwilderten zur Disciplin, so macht er aus weinenden, ohnmächtigen Betern und weichlich verschwommenen Sehnsuchtsmenschen verlässliche und thatkräftige Zukunftshiirger Zions. Sind erst die Schneider- und Schuster-Arteis einigermassen thatkräftig geworden, dann wird man auch daran denken können, andere Massen- und selbst Kunsthandwerke einzuführen, denn man wird das Geld haben, Fachschulen und Master Werkstätten zu gründen und gute Lehrmeister zu bezahlen. So gelangen wir dazu, an den heutigen Stätten des Elends und der Erniedrigung wirtschaftliche Unabhängigkeit, vielleicht Wohlstand und jedenfalls Würde und Selbstvertrauen zu schaffen und ein Volk heranzubilden, das, wenn die Stunde schlägt, den Boden, der Väter festen Kusses betritt, sicher, sein Brot überall in Ehren und reichlich verdienen zu können. Auf die Frage der geistigen Hebung will ich mich gar nicht erst einlassen. Alles, was hierüber gesagt werden kann, ist leere Redensart, so lange die Voraussetzung einer gründliehen, allseitigen Volksbildung fehlt, nämlich Geld. Natürlich, wenn wir über die thatsächlich vorhandenen Gelneindemittel und Stiftungscapitalien, die heute vergeudet oder gegen die;jüdische]i Volksinteresseen verwendet werden, verfügen würden, so könnten wir schon heute glänzende Schuleinrichtungen schaffen, die das jüdische. Volk es nicht bedauern lassen würden, dass es an seinen Hauptsitzen aus den Staats- und Gemeindeschulen jedes Ranges ausgeschlossen ist. Mit Phantasien über „wenn"" und „falls" will ich aber keine Zeit verlieren. Wie die Dinge thatsächlich liegen, können wir nicht viel thun. Toynbee- Hallen, freiwillige Vorträge sind sehr nützlich, gewiss, aber sie sind doch nur eine Form derWohlthätigkeit, ein geistiges Almosen und deshalb immer eine nicht ganz unbedenkliche, nicht ganz harmlose Gabe. Gute Volksschriften in der dem Volke verständlichen Mundart, anständige, inhaltsreiche, in gutem Geiste redigierte Zeitungen und Zeihschriften, haben zweifellos gleichfalls ihren Wert. Hoch auch davon zu sprechen ist blosse Rhetorik, so lange wir kein Geld haben, solche Literatur zu produ eieren, und das Volk kein Geld hat, sie zu kaufen. Sicheres tägliches Brot für die jüdische Masse und die Möglichkeit, einige Ersparnisse zu "sammeln. Erziehung zum Zionismus und dadurch Eroberung der Gemeinden, das ist es, was Noth thut. Tst erst dieses Programm erfüllt, dann wird es ein leichtes sein, das jüdische Volk zum gebildetsten der ganzen Erde zu machen. Denn unsere geistigen Fähigkeiten erkennen selbst dk