Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 1 (3.1.1902)
- Article
- Rede Dr. Max Nordaus
- Date
- 1902-01-03
- Page
- 11 (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 1 „Die 2$ Welt" Seite 11 Feinde an, unser Bildungsdrang ist beinahe krampfhaft stark und unsere Bildungstradition geht auf Jahrtausende zurück. Sind wir erst reich genug, um uns ein eigenes ausreichendes Schulwesen zu schaffen, so werden wir hoffentlich der Welt zeigen können, dass es unmöglich ist, uns geistig zu proletarisiercn, wie man uns wirtschaftlich proletarisiert hat. Doch ehe wir unsere Schule rühmen, müssen wir sie haben, und um sie zu haben, müssen wir wirtschaftlich kräftig werden. So lang dieser Bericht geworden ist, er ist dennoch weit entfernt, seinen Gegenstand zu erschöpfen. Ein einzelner Kopf kann den. Plan der vollkommenen Wiedergeburt eines alten, unglücklichen, verfallenen Volkes nicht in allen Details ersinnen. Ich musste mich darauf beschränken, Gedankenkeime auszustreuen. Mögen sie im jüdischen Volke spriessen. An der Ausgestaltung und Verwirklichung der Gedanken müssen Sie alle mitarbeiten. Die Wiedergehurt des jüdischen Volkes soll und wird da« gemeinsame Werk des jüdischen Volkes sein. (Die Eede wurde in ihrem Verlaufe fast in jeda* Satze von lebhaftem und oft stürmischem Beifall begleiis^t, der sich am Schlnsse zu einer begeisterten Ovation für den Redner und Führer steigerte.) Rede Israel Zangwills. Sonntag den 29. December um 8 Uhr abends zu Beginn der Nachtsitzung erbat sich der englische Delegierte Israel Z an g will das Wort zu einem Antrage. Die Kunde, dass der berühmte Dichter sprechen werde, hatte sich schon am Nachmittage in Basel verbreitet, und die Gallerien des grossen Saales, in welchen der Congress zurückgekehrt war, waren zum Erdrücken voll. Die Delegierten waren in gewohnter Pflichttreue alle auf ihren Plätzen. Zangwill sprach englisch und seine scharf pointierte Rede wurde von oft nrinut1 nlangern Beifall unterbrochen. AlsZangwillgeendethatte,erschien Dr.Nordau auf der Tribüne, nahm das Manuscript Zangwills in die Hand und lieferte ein Meisterstück der Uebersetzungskunst, indem er die Rede aus dem Stegreif so vollendet übersetzte, dass sie stilistisch abgerundet, die Hörer aufs neue entzückte. Wir glauben, des Dankes unserer Leser sicher zu sein, wenn wir, unseren Berichten vorgreifend, schon heute Zangwills Rede in Nordaus Uebersetzung bringen: Zu Ihrem grossen Congress. der jetzt in seinen fünften Sommer tritt —denn selbst, wenn Sie im Winter zusammenkommen, verleiht .Ihnen der Himmel einen Sommer — habe ich die Ehre, als Delogierter aus dem grossen Lande zu komnKü, das Sie zum Sitze der jüdischen Colonialbank gewählt haben. Trotzdem rufen die Juden jenes Landes immer noch nach positiven Dingen. Wir Engländer sind praktisch, sagen sie. Sie vergessen vielleicht, dass für die Welt England, nicht bloss Handel, sondern auch Shakespeare bedeutet, und dass es eine Engländerin (George Elliot) war, die zuerst in jenem Lande den Zionismus gepredigt hat. Immerhin, ich will einmal englisch im niedrigsten Sinne des Wortes sein, ich will so praktisch sein, wie es sich für einen richtigen, eingeborenen Briten geziemt; denn anders als so viele englische Juden, bin ich ein richtig eingebt rener Engländer. Ich will von den „Luftmenschen" absehen, ich will einen Antrag stellen, und dieser Antrag wird sieh auf Geld beziehen. Wie Sie wissen, hat auch Herr Dr. Herzl von Geld gesprochen, so sehr, dass man ihn einen Materialisten genannt hat. Gewiss, wenn er nicht von Geld gesprochen hätte, würde man ihn einfach einen Idealisten genannt haben. (Heiterkeit und Beifall.) Was in Aesops Fabel der Wolf dem Lamm sagte, ist wohl bekannt, und es ist wunderbar, wie sehr die Unterhaltung des Affen, des Esels und des Fuchses den Äusserungen jenes Wolfes gleichen. Dr. Herzl sagte zn den Juden: „Gebt mir zwei Millionen, und ich will Grosses thun." Er bekam nicht einmal ein Viertel dieser zwei Millionen, und dann riefen alle Juden, die ihr Geld in ihren Taschen behalten hätten: Träumer, wo ist das Grosse? (Heiterkeit und lebhafter Beifall.) Das erinnert mich an eine Geschichte, die in einem Dorfe, ich* weiss nicht wo, sich zugetragen hat. Die Vorsteher der jüdischen Gemeinde beschlossen, dem Ilabbiner ein Fass Wein zu stiften. Jeder Familienvater hatte einen Liter beizusteuern. Das Fass wurde von Haus zu Haus gerollt; einige wenige gewissenhafte Leute gössen guten Wein hinein, aber die Mehrheit schüttete Wasser hinein; denn jeder dachte, was kann das machen, ein Liter Wasser in so viel Wein? (Heiterkeit und Beifall.) Kurz darauf feierte man das Bar Mizwah-Fest des Sohnes des Eabbiners, und der Babbi lud die Gemeindevorsteher zu sich. Der Wein war für diese Gelegenheit aufgespart worden und. wurde ihnen vorgesetzt. Nun denken Sie sich den Abscheu und die Empörung dieser Leute: „Wie untersteht der Rabb-iner sich, uns solches Zeug vorzusetzen!" (Lebhafte Heiterkeit und Beifall.) Nun, obwohl Dr. Herzls Fass nicht ganz so grostv ist, rissen doch viele Mund und Augen auf, als wäre es das grosse Heidelberger Fass. Zwei Millionen! Die Leute hoben ihre Arme gen Himmel vor Entsetzen, und doch werden jede Woche Actiengesellschaften mit viel grösserem Capital gegründet, nicht zum Zwecke der Befreiung eines Volkes, aber auch nicht zum allgemeinen Besten, sondern zum Zwecke von Privatgewinn. Erst neulich, vor wenigen Tagen, wurde in London eine Weihnachtskarten-Actiengesellschaft gegründet, und das Capital strömte zu und erreichte bald ungefähr jene zwei Millionen, die gefordert wurden. Wie unsere Bank, wurde auch diese Weilmachtskarten-Actiengesellschaft von Juden gegründet. Sie hat sogar dieselbe Sollicitors-Firma; aber glücklicher als unsere Bankräume in Wallbrook stehen die Geschäftsräume dieser Actiengesellschaft unter dem persönlichen Segen des Oberrabbiners von England. (Heiterkeit und Beifall.) Und doch, glauben Sie mir, unsere Bankaetien sind mindestens ebenso künstlerisch ausgestaltet, wie irgendwelche Weihnachtskarten. Doch, wie mein Landsmann Shakespeare sagt: „Es ist eine Seele von Güte auch, in den üblen Dingend und es ist nicht vollständig ein Missgeschick, dass uns zwei Millionen nur ganz allmählich zusammensiekern; denn zwei alte Sagen über die Juden werden durch diese Thatsaehc zerstört, erstens dass alle Juden Millionäre sind und zweitens, dass alle Juden in enger Geineinschaft gegen die ganze übrige A\relt geeint sind. Man würde der Wahrheit näher kommen, wenn, auch noch nicht die ganze Wahrheit magern wenn man die Thatsache so hinstellen würde: Einige Juden sind Millionäre, und sie sind, miteinander gegen die übrigen Juden, geeint. (Beifall.) Aber wir geben auch noch nicht einmal diese Millionäre auf : denn ich stimme mit meinem verehrten Freunde Dr. Nordau darin nicht üherein, dass jeder Millionär ein dem Judenthuin verlorener Jude ist. Mau gebe keinen. Millionär verloren, ehe er todt ist. Wer würde sich vorgestellt haben, dass der Jude in dein Mitglied des Jockey-Hubs, in Baron Hirsch, erwachen würde, einem Manne, den man nicht ohne Verehrung nennen darf. Er war ein nach heroischen Plänen gebauter Mann. Spät im Leben erwuchs in seiner Seele der Gedanke der Befreiung seines Volkes, ich erinnere mich noch, wie voll die christlich«1 Prosso von diesem neuen Moses war. Es war eine Angelegenheit, die die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zog. Aber kennt denn die Welt die Fortsetzung, wie sie ein Recht hat, sie zu kennen? Wie könnte es zugelassen werden, dass eine Angelegenheit von weltweiter Bedeutung in eine Winkel- und Ivelkjrangeleg<mheit zusammenschwand? Ich will das Meinige dazu thun, um diese Angelegenheit aus dem Dunkel hervorzuziehen, und deshalb werde ich heute